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Sektionen

Béla Bartók

«Der wunderbare Mandarin» Konzertsuite op. 19

Sätze

  • Allegro - Moderato - Sostenuto - Maestoso - Allegro - Sempro vivo

Dauer

20 Min.

Entstehung

1918/19/1923/1928

Er wurde bereits drei Mal ermordet. Erstickt, erstochen, erhängt. Doch der Mandarin lebt. Voller Begierde richtet er seinen Blick auf das Mädchen. Gegen die Leidenschaft richtet auch der Tod nichts aus. Endlich lässt sich das Mädchen ohne Widerstand umarmen. Da beginnen die Wunden des Mandarins zu bluten und er stirbt.

Zweifellos war es die Symbolik von der unwiderstehlichen Gewalt der Natur, aber auch die schonungslose Wildheit des Sujets, die Béla Bartók im Jahr nach dem Ende des ersten Weltkriegs reizte, eine 1916 von dem ungarischen Dramatiker Menyhért Lengyel veröffentlichte Geschichte in Musik umzuwandeln (Lengyel erlangte später im amerikanischen Exil Berühmtheit als Drehbuchautor einiger Filme von Ernst Lubitsch, darunter «Ninotschka» mit Greta Garbo). «Der wunderbare Mandarin» ist eine Ganovenstory, in der drei «Strolche» ein Mädchen dazu zwingen, Freier in eine Wohnung zu locken, die dort dann ausgeraubt werden sollen. Die ersten beiden Versuche schlagen fehl, weil weder der alte Mann, noch der Jüngling, die dem Mädchen in die Fänge gehen, Geld haben. Doch dann scheint ein dicker Fisch angebissen zu haben. Der Mandarin betritt die Wohnung. Das Mädchen tanzt für ihn und allmählich löst sich der unheimliche Gast aus seiner Starrheit. Als er sich in Begierde über das Mädchen hermachen will, stürzen sich die «Strolche» auf ihn. Alles Weitere: siehe oben.

Wenige Monate nach dem Ende der Weltkriegskatastrophe komponierte Bartók eine Explosion von klanglicher Dynamik und musikalischer Energie, die bis dahin unübertroffen war. Er überflügelte mit Ostinati von auf und abstürzenden Streicherfiguren, mit schneidenden Bläserakkorden, gierigen Glissandi, polytonalen Harmonien voller Dissonanzen und schaurig flirrenden Tremoli sogar Strawinski und Prokofjew, die in «Le sacre du printemps» beziehungsweise der «Skythischen Suite» auch nicht gerade zimperlich waren.

Melodik und Harmonik werden bei Bartók nicht wirklich entwickelt, sondern sind Bestandteil von ineinander übergehenden, gewaltigen rhythmischen Kräften. Der ungarische Komponist entfesselt mit einem drastischen Expressionismus das unausweichliche Drama von Begierde. Selbst ein beschwörendes und reich verziertes Klarinettensolo, mit dem das Liebeswerben des Mädchens zum Ausdruck kommt, mündet in rhythmischen Zuckungen, die den nächsten Schub von hemmungslosen Akkorden und pulsierenden Klangschlägen auslöst. Auch eine Kantilene der Oboe löst sich in peitschenden Tonfolgen der Streicher auf, die in dieser Passage mit dem Bogenholz die Saiten zum Schwingen bringen. Noch zwei Mal wiederholt sich das Werbungsritual, und jedes Mal wird die Klarinette leidenschaftlicher. Dann tritt der Mandarin auf: Drei Posaunen-Glissandi mit darauf folgenden Beckenschlägen und Tremolo des ganzen Orchesters – und die niederschmetternde, mysteriöse Erscheinung ist allgegenwärtig! Nun liegt ein unheimlicher, Furcht erregender Schleier über der Komposition, eine Wolke von Mystizismus. Aus dem imposanten Motiv des Neuankömmlings entwickelt sich ein heftiger Walzer, der dem Mandarin schließlich die Augen verdreht. Im Tanzwirbel des Mädchens rauscht sein Verlangen auf. Er jagt die Frau. Die Ganoven fallen über ihn her. Eine gewaltige Mixtur aus Begierde und Gier, aus immateriellen und materiellen Beweggründen. Schließlich wird die Musik nur mehr von rohen, nackten Rhythmusmotiven und außer Kontrolle geratenen Drehbewegungen des ganzen Orchesters angetrieben. Diese Energie ist nicht mehr von irdischer Natur.

Bartók hat mit Lengyels Geschichte als Vorlage selber das Libretto zu einer Tanzpantomime verfasst. In die überwältigende Klangsprache des Orchesters mischte er in der Schlussszene auch noch Vokalisen des Chors, die dem Geschehen einen transzendentalen Charakter verleihen. Aus der Konzert-Suite, die Bartók aus der Tanzpantomime gewann und die am heutigen Abend erklingt, hat der Komponist den Chor und damit ebenso das Finale der Verklärung des Mandarins wieder heraus genommen. Damit endet die Suite so orgiastisch, wie sie begonnen hat. Eine «höllische Musik … schrecklicher Lärm, Geklirre, Gepolter und Getute: ich führe die werten Zuhörer aus dem weltstädtischen Straßentrubel hinaus zu einem Apachenlager», wie Bartók selbst in der Phase der Konzeption die Komposition mit einem etwas ironischen Unterton schilderte. Das Klima in dem 1919, nach kurzer kommunistischer Herrschaft, auf eine konservative Regierung eingeschwenkten Heimatland des Komponisten ließ eine Aufführung des radikalen Werkes von Bartók nicht zu. Aber auch für Konrad Adenauer, den späteren Bundeskanzler der BRD, war es offenbar ein zu starkes Stück. Er ließ in seiner Funktion als Kölner Oberbürgermeister Bartóks «Wunderbaren Mandarin», nach der Uraufführung der Tanzpantomime Ende November des Jahres 1926 an der Kölner Oper, mit sofortiger Wirkung absetzen. Schon während der Uraufführung war es zu Protesten im Zuschauerraum der Oper und zur Abwanderung von Teilen des Publikums gekommen. «Die aus dem Orchesterraum hervorbrechenden Geräusche und die widerliche Handlung bewirkten es, dass schon vor dem Schluss die Reihen vor der Bühne sich lichteten», berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger, «und als der Vorhang niederging, entwickelte sich ein fluchtartiges Verlassen der durch ein gelinde gesagt minderwertiges Werk entweihten Räume.» 13 Jahre nach Strawinski mit dem Ballett «Le sacre du printemps» in Paris hatte auch Bartók mit seiner Tanzpantomime einen Skandal ausgelöst. 90 Jahre später hat sich der «Wunderbare Mandarin» auf Ballettbühnen wie in Konzertsälen längst als eine der bedeutendsten Schöpfungen der Moderne durchgesetzt. Die faszinierende, fesselnde und überwältigende Klangsprache Bartóks wird von einem großen Orchester mit zwölf Holzbläsern, elf Blechbläsern, sechs Schlagwerkern (Pauken, kleine und große Trommel, Becken, Triangel, Tamtam, Xylophon), Musikern an Harfe, Celesta und Klavier sowie Streichern ausgeführt.

© Grafenegg Kulturbetriebsges.m.b.H. | Rainer Lepuschitz