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Joaquín Rodrigo

Konzert für Gitarre und Orchester «Concierto de Aranjuez»

Sätze

  • Allegro con spirito

  • Adagio

  • Allegro gentile

Dauer

20 Min.

Entstehung

1939

Joaquín Rodrigo kam im Jahr nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts zur Welt und starb im Jahr vor dem Ende des 20. Jahrhunderts. Und die Hälfte jenes Jahrhunderts, das er fast zur Gänze erlebte, und darüber hinaus zählte und zählt er dank einer seiner Kompositionen zu einer Berühmtheit des Musiklebens in aller Welt: dem «Concierto de Aranjuez» für Gitarre und Orchester. Für die Popularität des Werkes lassen sich einige Erklärungen finden:– Der Titel, der an die Sommerresidenz des spanischen Königshauses der Bourbonen im Süden von Madrid auf dem Weg nach Andalusien erinnert, an die einmalige Atmosphäre in den weiten prachtvollen Gärten mit seinen wilden wie regulierten Gewässern, den gefiederten Bewohnern,  den schönen Magnolien und natürlich der Architektur des Schlosses, das einen mit  den Armen seiner Seitentrakte zu umfangen scheint.– Die musikalische Mischung aus historischer südlicher Tanzmusik, lebendiger spanischer Volksmusik und persönlicher Ausdrucksmusik mit unverstelltem Sentiment.– Der Solopart der Gitarre mit gehaltvoller Melodik und Harmonik, wunderbaren Arabesken, einer leidenschaftlichen Kadenz und schwungvoller Rhythmik.– Die eingängige und stimmungsvolle Orchestersprache, in der das Melodische in satten Farben und das Rhythmische in pulsierenden Akzenten ausgelebt wird.– Der Dialog zwischen der Gitarre und anderen Soloinstrumenten sowie dem ganzen Orchester, der nicht nur für den Musiker, sondern auch für den Hörer die Möglichkeit einer Identifizierung mit dem eigenen Ich im Solopart gegenüber der Mitwelt bietet. Rodrigo spricht auf direkte Weise die individuelle musikalische Empfindung an.– Die traurig-romantische Stimmung im langsamen Satz, mit einer sich wehmütig vortastenden Hauptmelodie, die etwas improvisiert aus dem Moment heraus entstanden wirkt, nach der Gitarre von verschiedenen Instrumenten wie dem Englischhorn, Fagott und Horn wie ein Lamento weitergesungen und in schwermütigen Gefühlsaufwallungen vom ganzen Orchester angestimmt wird. Die mit verminderten Septakkorden spannungsreich gefärbte Harmonik trägt ein Übriges zur melancholischen Wirkung dieses Satzes bei, dessen Melodie es in den Sechzigerjahren im Schlager «Mon amour» sogar in die Popregionen schaffte und vom Jazztrompeter Miles Davis für sein Album «Sketches of Spain» transkribiert wurde.

Der Eröffnungssatz beginnt mit einem fanfarenhaft wirkenden Solo der Gitarre, die den mitreißenden Rhythmus in das Orchester hineinträgt und ein von den Streichern eröffnetes, heiteres melodisches Treiben auslöst. Vogelrufe, auch des Kuckucks, sprechen die Stimme der Natur in den Gärten. Aber jede Anspielung solcher Art ist geschmackvoll in das gesamte musikalische Geschehen eingebunden und wirkt nie plump-programmmusikalisch.Das Finale wechselt von den Parks ins Schloss zu einem höfischen Tanzfest, wo graziös bis lebhaft Zweier- und Dreiertakt gegen- und miteinander tanzen.

Joaquín Rodrigo, der aus der Nähe von Valencia stammte, sammelte nach einer ersten Lehrzeit am dortigen Konservatorium wichtige musikalische Eindrücke und Erfahrungen bei einem fünfjährigen Aufenthalt in Paris, wo der außergewöhnlich begabte Musiker freundschaftliche Aufnahme in den Kreisen seines berühmten Landsmannes Manuel de Falla, aber auch von Maurice Ravel, Arthur Honegger und Darius Milhaud fand. Sein Kompositionslehrer an der Pariser École Normale de Musique war Paul Dukas, der Schöpfer des unsterblichen «Zauberlehrlings» in Tönen. Der Neoklassizismus, der sich ihm in Paris einprägte, blieb Rodrigo sein komponierendes Leben lang ein wesentliches stilistisches Mittel, das er mit historischen und aktuellen Einflüssen spanischer Musik anreicherte.Die Uraufführung des «Concierto de Aranjuez» 1939 in Barcelona machte den Musiker, der sich bereits als Dirigent und Pianist einen guten Namen erworben hatte, auch als Komponisten faktisch über Nacht berühmt, das Werk wurde zu einer der meistgespielten Kompositionen des klassischen Musikrepertoires überhaupt. Die Gitarristen – und das Konzertpublikum – auf der ganzen Welt waren und sind Rodrigo aber auch dankbar für ähnlich gelungene Werke wie die «Fantasía para un gentilhombre», die selbst einen begnadeten Gitarristen wie Pepe Romero zu technischen Höchstleistungen herausforderte, das «Concierto para una fiesta», das «Concierto Madrigal» und das «Concierto Andaluz». In äußerst anspruchsvollen Solowerken für Gitarre wie etwa «Invocación y danza» schlug Rodrigo eine überaus avancierte Tonsprache an, die der Gitarre neue, moderne Regionen erschloss.

Joaquín Rodrigo lebte ab den späten Vierzigerjahren in Madrid, wo er als Professor für Musikgeschichte am Konservatorium und als Musikkritiker sowie Radioredakteur wirkte, und gelangte als musikalische Persönlichkeit Spaniens zu höchstem Ansehen. Der Künstler, der ab seinem dritten Lebensjahr nach einer Diphtherieerkrankung fast vollständig blind war, erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. 1992 verlieh der spanische König Juan Carlos dem Schöpfer des «Concierto de Aranjuez» den Ehrentitel «Marqués de los Jardines de Aranjuez».

© Rainer Lepuschitz | Tonkünstler