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Sektionen

Wolfgang Amadeus Mozart

Konzert für Klavier und Orchester d-Moll KV 466

Sätze

  • Allegro

  • Romance

  • Allegro assai

Dauer

32 Min.

Entstehung

1785

Wolfgang Amadeus Mozart arrangierte als zehnjähriger Bub drei Klaviersonaten von Johann Christian Bach für Klavier und Orchester. Damit erprobte er die Verbindung des Tasteninstruments mit einem Begleitensemble. Das war eine Vorstufe. Als 17jähriger begann Mozart dann mit der Produktion von eigentlichen Klavierkonzerten, seiner erstaunlichsten Werkgruppe in der Instrumentalmusik: Sechs Konzerte schrieb er in der Salzburger Zeit, ab 1782 folgte in Wien die Fülle von 17 weiteren Konzerten, mit denen Mozart die Öffentlichkeit für sich einzunehmen trachtete und einen konzertanten Kosmos erschuf. Wohin Mozart mit seinen Klavierkonzerten gefunden hat, ist eindeutig: zu einer vollkommen neuen Form des Konzertierens in einem tragfähigen Konzept, das von Komponisten bis ins 20. Jahrhundert in seinen Grundzügen beibehalten werden konnte. Woher er mit seinem Konzertstil kam, ist hingegen rätselhaft. Mozart brachte sofort einen vollkommen ausgereiften Prototyp hervor, der sich von etwaigen Vorbildern (Johann Christian Bach oder dem Wiener Rokokomeister Georg Christoph Wagenseil) total absetzte.

Das Soloinstrument erhält ein riesiges Sortiment an bis dahin ungekannten Äußerungsformen von speziellen Trillern bis zu dramatischen und einfühlsamen Floskeln. Das Orchester ist nicht nur Begleiter, sondern gleichwertiger Dialogpartner, sei’s im farbenfrohen Miteinander oder in vielfältigen solistischen Aufgaben besonders der Holzbläser, die mit dem Klavier Frage- und Antwortsituationen durchlaufen. Schließlich prägte Mozart die konzertierende Sonatenform mit Expositionen sowohl des Orchesters als auch des Soloinstruments und mit Themendualismus. In keiner anderen Gattung äußerte sich Mozart zudem so privat. Er lebte in den Klavierkonzerten sein Verhältnis zur Umwelt aus, klärte Gefühlsangelegenheiten, erörterte geistige Fragen.

Die Wiener waren verrückt auf die so genannten «Akademien» mit dem jungen Musiker aus Salzburg, bei denen er sich vornehmlich mit Klavierkonzerten produzierte. Auch Mozarts Vater Leopold, der die Übersiedlung des Sohnes nach Wien eigentlich mit viel Argwohn zur Kenntnis nahm, konnte erfreut die Uraufführungen von mehreren Klavierkonzerten erleben, so auch am 11. Februar 1785 in der «Mehlgrube» vom Konzert d-moll KV 466. Aus einem Brief des Vaters wissen wir, dass Mozart das Konzert gerade noch rechtzeitig fertig stellte. Die Musik ist offenbar in einer heftigen Gefühlsaufwallung innerhalb weniger Tage hervorgebrochen. Erstmals komponierte Mozart ein Klavierkonzert in Moll und drang damit in eine nächtliche Welt vor, in der später Don Giovanni seine Abenteuer erlebte.

Die düstere Einleitung im ersten Satz verheißt nichts Gutes. Über rollenden Bässen und zuckenden Synkopen in den melodieführenden Instrumenten braut sich ein Unwetter zusammen. Auch das zweite Thema, von den Holzbläsern in F-Dur angestimmt, kann die Wolken nicht vertreiben. Dann setzt das Klavier mit einem eigenen, klagenden Thema ein, das während des ganzen Satzes nur ihm alleine vorbehalten bleibt. Mozart stellt deutlich fest: Das ist die individuelle persönliche Welt, während das Orchester die Außenwelt ist. In deren Bedrohlichkeit wird das Soloklavier immer wieder schicksalshaft verstrickt. Die musikalische Durchdringung bekommt hier eine existentielle Bedeutung. Düster-leise klingt der betroffen machende Satz aus.

Mit einem anmutigen, kindlich-unschuldigen Thema in B-Dur hebt das Klavier in der Romanze an, man ist an den Tonfall bestimmter Klaviersonaten Mozarts erinnert. Die Streicher entführen das Thema in kantable Bereiche. Doch dann bricht unvermittelt das Unwetter los, das sich im ersten Satz zusammengebraut hat: Stürmische Akkordzerlegungen entfachen einen dramatischen Mittelteil in g-moll. Innere und äußere Stürme prallen aufeinander. Tränen und Regen verwandeln sich in Sturzbäche. Doch nach letzten Tropfen in den Holzbläsern kehrt die idyllische Romanzenstimmung zurück.

Der auffahrende Gestus im Finale entfacht symphonische Reaktionen. Das vom Klavier eingeführte, trotzige Thema wird vom Orchester sofort kontrapunktisch verdichtet. Im Mit- und Gegeneinander werden Klavier und Orchester von Erschütterungen gebeutelt. Doch wie aus dem Nichts taucht dann plötzlich ein positives Zeichen auf: Die Holzbläser führen eine heitere, tänzerische Floskel in Dur ein. Die Musik steuert auf ein Happy end zu, die Trompeten trumpfen mit einem Signal im D-Dur-Dreiklang auf. Dem setzt allerdings das Klavier in seinem letzten Akkord mit den Tönen cis-d-e-g doch noch eine Dissonanz dagegen.

© NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Rainer Lepuschitz