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Franz Liszt

«Les Préludes» Symphonische Dichtung

    Dauer

    15 Min.

    Entstehung

    1848

    So hell Franz Liszt als pianistischer Fixstern am musikalischen Firmament strahlt, so mäßig beleuchtet bleibt sein orchestrales ?uvre, das doch in Vielfalt und Größe einen der wertvollsten Schätze der Romantik birgt. Die Nachwirkungen panegyrischer Lebensbeschreibungen, Legenden über exzentrische Kapriolen und Liebesabenteuer sind noch heute für ein unangenehm flimmerndes Zerrbild verantwortlich, dessen Demontage überfällig wäre. Institutionen wie das Liszt Festival Raiding, das sich unter der Intendanz von Eduard und Johannes Kutrowatz dem Künstler und seinem Gesamtwerk an dessen Geburtsort widmet, tragen erfolgreich zu einer wahrheitsgetreuen Pflege bei. Unter dem Stichwort der Aufarbeitung bietet sich auch ein Zugang zur symphonischen Dichtung »Les Préludes«, deren schmetterndes Fanfarenmotiv im Dritten Reich als »Russland-Fanfare« usurpiert wurde. Nachdem Pulverdampf und brauner Mief endlich verweht waren, konnte »Les Préludes« bald wieder in den allgemeinen Kulturschatz zurückkehren - und eine Aufführung wie im heutigen Konzert des Tonkünstler-Orchesters soll ein willkommener Impuls zu einer intensiveren und vor allem breiter angelegten Auseinandersetzung mit Liszts Musik sein.

    In der Tat hatte der Komponist ein »Vorspiel« zu vier Werken für Männerchor (»Les quatre éléments«) im Sinn, die jedoch nie realisiert wurden. Und so empfing das Orchesterstück von Liszt den Ritterschlag und galt fürderhin als symphonische Dichtung unter dem wahrheitsgetreuen Titel »Les Préludes«. Nun war Liszt der Auffassung, dass »die Musik in ihren Meisterwerken mehr und mehr die Meisterwerke der Literatur in sich aufnimmt.« Mithilfe der Literatur, der poetischen Grundidee, sollte sich die instrumentale Musik zu einer über alles erhabenen Kunstform emanzipieren. Für »Les Préludes« musste also paradoxerweise erst im Nachhinein ein Programm her. Liszt fand es in den poetischen Meditationen von Alphonse de Lamartine: »Was anderes ist unser Leben, als eine Reihenfolge von Präludien zu jenem unbekannten Gesang, dessen erste und feierliche Note der Tod anstimmt? ...« Die folgenden Zeilen handeln von Liebessehnen, ländlicher Idylle, zerstörten Träumen und schließlich von der Mannwerdung durch den offenen Kampf, angekündigt durch der »Drommete Sturmsignal«.

    Tatsächlich braucht es die nachgereichte Vorlage gar nicht, um die einzelnen Episoden (Erwecken - Konflikt - Idyll - Liebesglück - Kampf und Sieg) bestens aus dem imposanten Orchesterwerk heraushören zu können. Liszt ist Klangmaler und Poet zugleich, lässt die Musik sprechen und die Verse singen. In »Les Préludes«, wie übrigens in allen seiner symphonischen Dichtungen, entlockt er dem Orchester alles: vom zarten Liebesflüstern über Landschaftsbeschreibungen bis hin zum martialischen Knattern reicht die Palette. Es war wohl auch das verfehlte Verständnis dieser pathetischen Anmutung, die rund 100 Jahre später zum Missbrauch als propagandistisches Musiklogo führte. Ein Grund mehr, diese Musik zu spielen und lieben zu lernen - denn alte Beschriftungen wegzuwischen und den eigentlichen Kern des Kunstwerks zu erfassen, wäre sicherlich in Franz Liszts Sinn.

    © Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Alexander Moore