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Georg Friedrich Händel

«Messiah» Oratorium in drei Teilen für Soli, Chor und Orchester HWV 56

    Dauer

    120 Min.

    «Am vergangenen Dienstag wurde Händels großes geistliches Oratorium, , im Neuen Musiksaal in der Fishamble Street aufgeführt. Die wichtigsten Kritiker erklärten es für das vollendetste Werk der Musikgeschichte. Mit Worten lässt sich der Genuss nicht ausdrücken, den das Stück für das versammelte staunende Publikum bedeutete. Erhabenheit, Größe und Zärtlichkeit, gebunden an die würdigsten, majestätischsten und bewegendsten Worte, taten sich zusammen und bezauberten Herz und Ohr gleichermaßen.» So stand es im «Dublin Journal» vom 17. April 1742 über die Uraufführung des «Messiah» vier Tage davor zu lesen. Einhellig wie bei kaum einem anderen Musikwerk wurde vom ersten Moment an die Bedeutung von Händels geistlichem Oratorium erkannt.«Messiah» entstand zu einem Zeitpunkt, an dem sich Händel nicht gerade in Hochstimmung befinden konnte. Nach dem Niedergang der Oper hatte er zwar durch die «Erfindung» des dramatischen Oratoriums mit Texten über meist biblische Stoffe und mit Aufführungen an weltlichen Orten das Publikum in der Musikmetropole London mit einer neuen Gattung zurückgewinnen können, doch ganz hatte Händel den Tiefschlag für die Oper noch nicht verschmerzt. So probierte er es mit einer «soft» gestalteten Opera seria, «Deidamia», noch einmal, scheiterte damit aber, weil das Publikum völliges Desinteresse zeigte. Möglicherweise spielte Händel damals sogar mit dem Gedanken, London zu verlassen und in die deutsche Heimat zurückzukehren. Er komponierte jedenfalls einige Duette, die stilistisch nicht so sehr in England, dafür an jedem deutschen Hof gefragt waren.Da erreichte den 56jährigen Komponisten überraschend die Einladung von William Cavendish, dem Vizekönig von Irland, zur bevorstehenden Oratoriensaison zugunsten wohltätiger Einrichtungen. Händel nahm sofort die Gelegenheit an, seine jüngsten Oratorien, «L’Allegro il Penseroso ed il Moderato», «Acis and Galathea», die «Ode for St. Cecilia’s Day» und «Ode Alexander’s Feast» nach London auch in Dublin aufführen zu können. Und er vertonte außerdem innerhalb von nur drei Wochen (!) ein neues Oratorien-Libretto, das er seit einiger Zeit bei sich liegen hatte: «Messiah». Es war nicht der erste Text, den er von dem Dichter Charles Jennens verwendete, dieser hatte schon mit «Saul» die Inspiration des Komponisten aufs Faszinierendste in Bewegung gesetzt und wirkte auch an der Textzusammenstellung für «Israel in Egypt» mit. Jennens war im Prinzip ein großer Bewunderer Händels, aber sein exzentrisches Naturell führte zwischendurch dazu, dass er sehr negative Äußerungen über den Komponisten veröffentlichte. So war er auch ziemlich indigniert, dass Händel den «Messiah» ursprünglich nicht für London, sondern für Dublin komponierte. Elf Monate nach der Uraufführung am 13. April 1742 in Neale’s Music Hall in der Fishamble Street erlebte der «Messiah» aber dann auch seine Londoner Premiere, von da an gehörten jährliche Aufführungen in der britischen Metropole zu einem Zeremoniell, mit dem man Händel feierte.Im Gegensatz zu den bisher von ihm vertonten Oratorientexten mit einer bestimmten Handlung und dramatischen Akzenten wie den Konflikten von verfeindeten Menschen und Gruppen, fand Händel mit «Messiah» einen rein kontemplativen Text – eine betrachtende Darstellung aus Passagen des Alten und Neuen Testaments – vor, in dem Geburt, Leben und Sterben des Heilands nicht in Passionsmanier mit Handlung erzählt, vielmehr aus entsprechenden Sinnbildern, Anspielungen, Deutungen, Reaktionen und Interpretationen der Inhalt gewonnen wird. Jennens legte ein großes Gewicht auf die prophezeiende Kraft des Alten Testaments, das in vielem dann durch die im Neuen Testament geschilderten Ereignisse seine Bestätigung fand. Die Bibeltexte – Jennens lag eine englische Übersetzung der Heiligen Schrift von 1611 vor – werden mit Texten aus dem Gebetbuch der Anglikanischen Kirche gemischt.Händel hatte also keine «dramatische» Geschichte zur Verfügung, die er mit all seiner Erfahrung als Opernkomponist vertonen hätte können. So versah er den Weg und das Wirken des Messias, von der Prophezeiung über die Menschwerdung, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt und Erlösung, mit bildhaften, ergreifenden, innigen und erhebenden musikalischen Markierungen. Er muss von einer unglaublichen Welle der Inspiration getragen worden sein, denn Händel greift im «Messiah» auf für ihn ungewohnt wenig Material aus anderen Kompositionen zurück, höchstens ein paar Anleihen bei den kurz zuvor entstandenen Italienischen Duetten sind auszumachen.Der ganze Reichtum der «Messiah»-Musik liegt in der melodischen, harmonischen und rhythmischen Gestaltung selbst, denn in der Instrumentierung und den klanglichen Effekten blieb Händel weitgehend sehr zurückhaltend und konzentrierte sich auf ein reines Streicherensemble mit gelegentlicher Hinzunahme von Trompeten. Erst für die erste Londoner Aufführung nahm er auch noch Oboen und Fagotte hinzu. Die musikalische Sprache ist dabei sehr verständlich und eingängig, ohne damit ihren Anspruch auf Schönheit und Innerlichkeit zu verlieren.Die Musik lebt von einem natürlichen Kontrast des Lyrischen und Ereignisreichen. Da ist zum einen ein bewegender, getragener Tonfall, der – vom ersten Tenor-Accompagnato an – immer wieder angeschlagen wird: in ernsten, würdevollen wie besorgten Arienpassagen des Alt, in lieblichen, reinen, schwebenden, fein gewobenen Arien des Sopran. All dies führt auf einen ersten «Hit» (um es im Popjargon auszudrücken) des Werkes hin und von ihm weiter: die gegen Ende des ersten Teils ausgebreitete Doppel-Arie «Er weidet die Herde», eine unendlich friedliche Musik voll pastoraler Stimmung, die Händel schon wenige Nummern zuvor in einer «Hirtenmusik» vorbereitet (in diesem Einführungstext werden alle Titel in deutscher Sprache angegeben). Zum Abschluss des ersten Teils bewegt sich dann der Chor in «Sein Joch ist sanft» ganz luftig und duftig über schreitenden Bassfiguren.Eine andere Seite der «Messiah»-Musik wird gleich im ersten Accompagnato des Basses deutlich: massiv, bedeutungsvoll und durchaus dramatisch. «So spricht der Herr: .» Händel bewegt mit dem «Messiah» die Menschheit. Die ereignishafte Musik wird oft von punktierten Rhythmen angetrieben, da beschleunigt sich der Puls bis zu heftiger Erregung, die ihren Höhepunkt in einem weiteren «Schlager», der Bass-Arie «Warum denn rasen die Heiden», erreicht. Der dunklere Charakter der Musik führt aber mitunter auch in mystische Bereiche, etwa in den unheimlich wogenden Bewegungen und geheimnisvollen Halbtonfolgen, wenn der Bass von der «finster’n Nacht» singt, die «alle Völker bedecket.»Der stark eingesetzte Chor trägt solche kontrastierenden Seiten ständig mit. Händel entfaltet in der dramatischen Verdichtung auch einen großen polyphonen Reichtum, zum Beispiel in der chromatischen Fuge «Durch seine Wunden sind wir geheilt», in der schon das «Kyrie»-Fugenthema aus Mozarts Requiem deutlich veranlagt ist (Mozart hat sich eingehend mit dem «Messiah» beschäftigt und in Wien für die Pflege barocker Musik im Haus des Kunstförderers Van Swieten eine eigene, den instrumentalen und klanglichen Vorstellungen der Zeit angepasste Version hergestellt). Händel lässt den Chor im «Ehre sei Gott» zu einer wirklich «himmlischen» Musik aufsteigen, sehr hoch in der Lage und ohne Bassstimme gesetzt. Sofort schafft er aber den Gegensatz: Tief und getragen wird vom «Frieden auf Erden» gesungen. Diese unmittelbaren Kontraste kommen oft vor, etwa auch im Wechsel vom Moll-Choral «Kam durch Einen Tod» auf den freudigen Ausbruch «So kam durch Einen die Auferstehung».Dann ist da aber noch eine ganz eigene, unverwechselbare Charakteristik in der Musik des «Messiah», die auf sein wohl berühmtestes Stück hinführt. Mit dem ersten Basseinsatz im Chor «Denn die Herrlichkeit Gottes» klingt schon jene feierlich-grandiose Stimmung an, die immer wieder – etwa in der Verlangsamung zum Ende des Chores «Der Herde gleich, war’n wir zerstreut» – durchkommt und dann am Ende des zweiten Teils im «Halleluja» ihren glänzenden Höhepunkt findet. Die «Messiah»-Musik enthält herrliche Lobgesänge wie etwa den Chor «Lasst alle Engel des Herrn preisen ihn», sie ist oft von freudiger Erregung erfüllt, sowohl in Arien wie in Chören und drückt die Freudigkeit auch in gehaltvollen Koloraturen und in Verzierungen aus, während insgesamt barocke Floskeln weitgehend ausgespart bleiben. Im prunkvollen Schlusschor «Würdig ist das Lamm» vereint Händel das Feierliche und den Jubel und feiert in der «Amen»-Fuge eine polyphone Sternstunde höchster musikalischer Klarsicht.

    © Rainer Lepuschitz | NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H.