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Sektionen

Ludwig van Beethoven

Ouvertüre zu Collins Trauerspiel «Coriolan» op. 62

Sätze

  • Allegro con brio

Dauer

8 Min.

Entstehung

1807

Ludwig van Beethoven setzte sein waches Interesse am Theater auch mehrfach kompositorisch um. «Jeder Ton, den der Dichter anschlug, klang in seinem [Beethovens] Gemüte wie auf gleichgestimmter, mitvibrierender Saite wider», schrieb der Dichter und Musiker E. T. A. Hoffmann anlässlich einer «Egmont»-Aufführung bewundernd über den Theaterkomponisten Beethoven. Auffällig die Wahl der Stoffe, zu denen Beethoven Musik schrieb. Wie in seiner Oper «Fidelio» geht es auch in «Egmont» um den Befreiungskampf eines Volkes aus der Umklammerung eines Unterdrückers, weicht der Patrizier Coriolan am Ende von seinem Hass auf die Plebejer ab, und verbirgt sich hinter den antikisierenden Ballett-«Geschöpfen des Prometheus» eine Huldigung des damals noch als Freiheitshelden geltenden Napoleon.

Der österreichische Staatsbeamte Heinrich von Collin schrieb am Beginn des 19. Jahrhunderts die Tragödie «Coriolan», ohne damals zu wissen, dass von William Shakespeare ein Stück gleichen Inhalts existierte. Collins Trauerspiel stand auf dem Spielplan des Wiener Burgtheaters. Beethoven komponierte offenbar auf Anregung von einem seiner Gönner, dem Fürsten Lobkowitz, der auch einer der Hoftheaterdirektoren war, 1807 eine Ouverture zu Collins «Coriolan». Beethoven bildete damit einen neuen Typus von Orchestermusik heraus: Nie zuvor wurde der Gehalt einer Geschichte in einem einsätzigen Orchesterstück so dicht nachvollzogen und direkt ausgedrückt. Er wies damit Komponisten wie Berlioz, Mendelssohn Bartholdy und Liszt den Weg für ihre Programmmusiken und Tondichtungen.

Der römische Patrizier Coriolan, der wegen seiner Volksfeindlichkeit verbannt wurde, verbündet sich mit den mit Rom verfeindeten Volskern, führt diese gegen Rom und beinahe zum totalen Sieg über die Stadt. Seine Mutter bittet ihn um Gnade für Rom, Coriolan erhört sie schließlich, verzichtet auf die Erstürmung Roms und verrät somit die Volsker. Aus dem Zwiespalt gibt es für Coriolan nur mehr den Ausweg des Freitods. Beethoven konzentrierte die Komposition holzschnittartig auf den Konflikt zwischen Sohn und Mutter. Der Hauptthemenblock mit wuchtigen Intervallsprüngen und einem drängenden Achtelmotiv im tragisch-heroischen c-moll und später in den noch düstereren Tonarten g-moll und f-moll schildert die rachedurstige Entschlossenheit Coriolans. Das Achtelmotiv wird zum Leitthema seiner Energie. Demgegenüber stimmt Coriolans Mutter Volumnia im Seitenthema einen Bittgesang um Gnade an, dessen Intensität durch Wiederholungen jeweils um einen Ton höher gesteigert wird. Am Ende erhört Coriolan seine Mutter und resigniert. Das zuvor energische Achtelmotiv wird in den letzten Takten immer matter und zerfällt.

© Rainer Lepuschitz | NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H.