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Giuseppe Verdi

Ouvertüre zur Oper «La forza del destino»

Sätze

  • ton_Verdi_Forza_Ouvertuere_CD174_1.mp3

Dauer

8 Min.

Entstehung

1869

Den Anfang nimmt unsere Reise, wie könnte es anders sein, im Mutterland der Oper, in Italien – bei keinem Geringeren als Giuseppe Verdi. Doch befinden wir uns bereits hier in betont internationalen Gefilden, spielt doch «La forza del destino» in Spanien und wurde in Russland uraufgeführt. Es war im Jahre 1860, als nämlich der Tenor Enrico Tamberlick im Auftrag des Opernhauses St. Petersburg mit dem Ersuchen an Verdi herantrat, für ein Gastspiel in Russland ein neues Bühnenwerk zu komponieren. Die Zusage war rasch gemacht, doch über das Sujet konnten sich die Beteiligten längere Zeit nicht einigen, bis man endlich im 1835 entstandenen Drama «Don Álvaro o La fuerza del sino» des spanischen Herzogs von Rivas, Ángel de Saavedra (1791 – 1865), einem Dichter und Politiker, eine geeignete Vorlage gefunden zu haben glaubte. Die Umarbeitung zu einem Operntext übernahm Franceso Maria Piave, Verdis getreuer Librettist, der mit dergleichen romantisch-historischen Stoffen große Erfahrung hatte. Es sollte freilich die letzte Zusammenarbeit der beiden Künstler werden. Die Komposition beschäftigte Verdi von August bis November 1861. Doch die Probleme hatten damit noch gar nicht richtig begonnen, war doch der Anfang Dezember in St. Petersburg eingetroffene Verdi mit der ihm vorgeschlagenen ­Sängerbesetzung alles andere als zufrieden. Die Uraufführung musste also verschoben werden und konnte erst im November 1862 über die Bühne gehen – dann allerdings mit beachtlichem Erfolg: Das russische Publikum, sonst eher mit den Kontro­versen zwischen dem nationalrussischen Stil des «Mächtigen Häufleins» und der Orientierung an Wagners Musikdrama beschäftigt, wusste das Werk spontan zu schätzen. Dennoch behielt Verdi einen klaren Blick für dessen dramaturgische Schwächen, da doch die Handlung eher vom Zufall als vom Schicksal beeinflusst scheint:

Von selbst löst sich nämlich jener fatale Schuss aus der Pistole, der insgesamt vier Leben zerstört – unmittelbar jenes des Marchese di Calatrava, aber auch das seiner unglücklichen Tochter Leonora, ihres als nicht standesgemäß geltenden Geliebten Alvaro sowie ihres Bruders Carlo, der wegen des vermeintlichen Mordes am Vater nach Rache an dem auf der Flucht bald getrennten Paar dürstet. Nach vielfach verschlungenen Wegen der Protagonisten treffen zuletzt alle in jenem Kloster aufeinander, in dem Leonora Zuflucht gefunden hat. Carlo provoziert ein Duell mit Alvaro und unterliegt, kann jedoch mit letzter Kraft noch seine Schwester erstechen, worauf sich Alvaro verzweifelt von einer Klippe stürzt. – So will es zumindest die besonders blutrünstige St. Petersburger Erstfassung. Doch trotz Nachbesserungen stieß das düstere Werk 1863 in Rom unter dem Titel «Don Alvaro» auf wenig Gegenliebe, weshalb Verdi sich zu einer gründlicheren Umarbeitung entschloss, bei der ihm erstmals Antonio Ghislanzoni (der spätere Librettist der «Aida») als Autor zur Verfügung stand. In dieser Version errang die Oper 1869 an der Mailänder Scala jenen großen Erfolg, der ihr bis heute treu geblieben ist.

Zu den gravierendsten Änderungen dieser Fassung zählt neben der Milderung des Schlusses (Alvaro bleibt am Leben) die Neukomposition einer regelrechten Ouver­türe, die auch in den Konzertsälen Beliebtheit erlangt hat und einige der wichtigsten Themen des Werks in symphonischer Verarbeitung vorwegnimmt: das düster dräuende, bedrohlich sich windende Schicksalsmotiv etwa, das die Streicher anstimmen, wobei immer wieder jene dramatischen Blechklänge dazwischenfahren, die das Stück schon eröffnet haben; die klagende Melodie von Alvaros Arie aus dem 4. Akt, das wundersame Zuversicht verkündende, zum Himmel emporschwebende Gebet Leonoras aus dem 2. Akt und ihr Duett mit Padre Guardian. Die schmetternden Schlussfanfaren in Dur führen jedoch in die Irre: auf ein glückliches Ende, wie es dadurch suggeriert wird, wartet man vergebens. So gilt denn auch die Oper – zumindest unter abergläubischen Künstlern – bis heute als verflucht: Der große Bariton Leonard Warren starb 1960 bei einer Aufführung an der Met auf offener Bühne, Luciano Pavarotti hat die Partie des Alvaro stets abgelehnt, Franco Corelli sie nur unter besonderen Vorkehrungen gesungen …

© Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft m.b.H. | Walter Weidringer