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Sektionen

Joseph Haydn

Symphonie D-Dur Hob. I:1

Sätze

  • Presto

  • Andante

  • Finale. Presto

Dauer

11 Min.

Entstehung

1759

Bedenkt man die Bedeutung, die Joseph Haydn in der Entwicklung der klassischen Symphonie zukommt, könnte man fast vergessen, dass er in den ersten Jahren seiner kompositorischen Tätigkeit seine wichtigsten Leistungen auf dem Gebiet des Streichquartetts erbrachte. Bevor er noch eine Note einer Symphonie schrieb, hatte Haydn schon mehrere Cembalo-Sonaten, Cembalo-Konzerte und Divertimenti für verschiedene Besetzungen komponiert. Dazu kamen zwei Messen, ein paar Motetten und andere Kirchenmusik wie das «Salve Regina» von 1756 und eine deutsche Oper mit dem Titel «Der krumme Teufel», die leider verloren ist.

Am 22. Oktober 1749, anlässlich des 50. Primizjubiläums des Wiener Fürsterzbischofs Sigismund von Kollonitz, sang Haydn zum letzten Mal in der Kapelle des Wiener Stephansdoms. Nun begann sein mühsamer Weg als freischaffender Musiker, und er verdiente sein karges Brot mit Klavierstunden und der Mitwirkung als Geiger bei Serenaden und Bällen am Wiener Hof. 1776 beschrieb er seine damalige Situation wie folgt: «Da ich endlich meine stimme verlohr, muste ich mich in unterichtung der Jugend ganze 8 Jahr kumerhaft herumschleppen (NB: durch dieses Elende brod gehen viele genien zu grund, da ihnen die zeit zum studyren mangelt)». Haydns Bekanntschaft mit Metastasio und Nicola Porpora verschaffte ihm schließlich 1756 eine Anstellung bei Baron Carl Joseph von Fürnberg, auf dessen Wunsch er begann, Quartette zu komponieren. Entscheidend für Haydns Schritt zur Symphonie war seine Anstellung als Musikdirektor bei Graf Morzin. Für das Orchester des Grafen, das durch das Bläsersextett der Jagdmusik verstärkt wurde, schrieb Haydn seine ersten fünf erhaltenen Symphonien und wahrscheinlich noch sechs weitere, die aber im Hoboken-Verzeichnis höhere Nummern erhielten.

Haydns Symphonie Hob. I:1, die wahrscheinlich 1759 komponiert wurde, steht modellhaft für den Typ der frühklassischen Symphonie, die noch dem Schema der italienischen Opern-Sinfonia verpflichtet ist. Haydns Zeitgenossen Stamitz, Monn, Dittersdorf, Gassmann und Wagenseil vervollkommneten diese Form des Schnell-Langsam-Schnell zu einem klassischen Typus. Wie alle frühen Symphonien Haydns ist das Stück für Streicher, zwei Oboen, zwei Hörner in D und ein den Bass verstärkendes Fagott gesetzt, wobei die Bläser in den langsamen Sätzen schweigen. Die Symphonie beginnt mit einer Art Mannheimer Crescendo über einem Orgelpunkt. Die Fortspinnungstechnik der Barockzeit lässt Haydn im ersten Presto souverän hinter sich, indem er mit Themengruppen, Sequenzen und Laut-Leise-Kontrasten spielt. Die Musik sprüht die heute so legendäre Haydn'sche Sonntagslaune. Angesichts der überraschend flüssigen Orchestrierung dieser ersten Symphonie darf man nicht vergessen, dass Haydn zuvor schon fast ein Dutzend Streichquartette und wohl dreimal so viele Streicher-Divertimenti geschrieben hatte. Der Mittelsatz, das Andante in der Subdominant-Tonart G-Dur, kombiniert auf humorvolle und höchst erstaunliche Weise mehrere musikalische Details: In einer Art Gavotte kommt es zu einem Gespräch von vier Stimmen, die sich über die perfekte vorklassische Sechzehntel-Triole und die dazugehörende Synkope unterhalten. Besonders originell ist die Wendung nach g-Moll im zweitenTeil dieses langsamen Satzes. Das abschließende Presto istdie wohl kürzestmögliche Version des frühklassischen Kehraus-Finales, ein Stück von jener Art, die man hierzulande immereinen «Außischmeißer» nannte. In etwa zwei Minuten ist alles vorbei und Haydn entlässt seine Hörer aus der besten aller Welten.

Im Jahr 1761 war Graf Morzin aus finanziellen Gründen gezwungen, seine Kapelle aufzulösen. Joseph Haydn wurde von Fürst Esterházy als Kapellmeister angestellt, nachdem dieser - so sagt die Legende - bei Morzin Haydns erste Symphonie gehört hatte.

© NÖ Tonkünstler Betriebgesellschaft m.b.H. | Dr. Michael Lorenz