Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Sergej Prokofjew

Symphonie Nr. 1 D-Dur op. 25 «Symphonie classique»

Sätze

  • Allegro

  • Larghetto

  • Gavotta. Non troppo allegro

  • Finale. Molto vivace

Dauer

15 Min.

Entstehung

1916-17

Sergej Prokofjew befand sich im russischen Revolutionsjahr 1917 in einer besonders kreativen Phase. Er brachte seine 3. und 4. Klaviersonate in ihre endgültigen Fassungen, vollendete sein 1. Violinkonzert, skizzierte das 3. Klavierkonzert, beschäftigte sich bereits mit der Märchenoper «Die Liebe zu den drei Orangen» und komponierte seine 1. Symphonie. Den stürmischen politischen Ereignissen konnte er sich in St. Petersburg, das damals Petrograd hieß, nicht entziehen: «Die Februar-Revolution wurde von mir und den Kreisen, in denen ich verkehrte, freudig begrüßt. Während des Aufstandes war ich in Petrograd auf der Straße und verbarg mich von Zeit zu Zeit hinter Mauervorsprüngen, wenn die Schießerei allzu heftig wurde ...» Diese Eindrücke verarbeitete der Komponist in einer Kantate mit dem Titel «Chaldäische Beschwörung», einem riesigen Werk für Tenor, Chor und Orchester, sowie in der Nummer 19 seines Klavierzyklus «Flüchtige Visionen».

Wie ein Kontrastprogramm zu der Kantate und zu den revolutionären Ereignissen wirkt die Symphonie Nr. 1 D-Dur, die Prokofjew im Sommer in einem Landhaus bei Petrograd beendete und die als «Symphonie classique» in die Musikgeschichte einging, die sie selbst zum Thema hat. Denn Prokofjew wandte sich, inmitten der Aufbruchstimmung seiner Umwelt, der Vergangenheit zu: «Wäre Haydn heute noch am Leben, dachte ich, hätte er sicher seine Art zu komponieren beibehalten und zusätzlich einiges Neue übernommen. In dieser Weise wollte auch ich meine Symphonie schreiben.»

 Höfische Tänze faszinierten Prokofjew besonders stark, und so bildete eine Gavotte, die nun an dritter Stelle der Symphonie steht, den Ausgangspunkt für seine Reise in die musikalische Vergangenheit, auf die er aber instrumentationstechnische und rhythmische Finessen aus seiner Gegenwart mitnahm.

Auf diese Weise entstand ein feinsinnig ironisierendes Spiel mit klassischen musikalischen Elementen. Im zweiten Satz etwa werden die Tanzbewegungen eines Menuetts beinahe schon überdeutlich nachgezeichnet. In der Gavotte des dritten Satzes biegt die Melodie mitunter auf Abwege ab. Die Ecksätze wirbeln mit ihrer unbändigen Energie und ihren pfiffigen Melodien (Haydn hätte wohl seine Freude daran gehabt!) den Staub der Vergangenheit auf.

Das Werk klingt wie ein Ablenkungsmanöver von den politischen Turbulenzen jener Tage. Allmählich wurde die «freudige» Stimmung über die Revolution von Sorgen abgelöst. Was Prokofjew beunruhigte, war die unsichere Situation für die Kunst inmitten der gesellschaftlichen Umbrüche. Er befürchtete auch eine Verschlechterung der Aufführungslage für seine eigenen Werke. Und so war er wohl froh, als ihm der Kommissar für Volksbildung, A.W. Lunatscharski, der die wenig beachtete Uraufführung der «Symphonie classique» am 2. April 1918 in Petrograd hörte, eine Genehmigung zur Ausreise ins Ausland verschaffte. Im Mai 1918 trat Prokofjew über Japan, wo er in Tokyo konzertierte, die Reise in die USA an, die ihn schließlich im Herbst nach New York führte. Erst zehn Jahre später, nach längeren Aufenthalten in Westeuropa, kehrte Prokofjew, von Heimweh getrieben, wieder in die nun schon von Stalin beherrschte Sowjetunion zurück.

© Rainer Lepuschitz | Tonkünstler