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Edward Elgar

«The Dream of Gerontius» für Soli, Chor und Orchester op. 38

    Dauer

    100 Min.

    Entstehung

    1899

    John Henry Newman (1801?1890), anglikanischer Pfarrer an der Universitätskirche von Oxford, wandte sich nach einer Italienreise und einem Aufenthalt in Rom von der evangelikalen Theologie ab und fand über die Lehren der Alten Kirche zum Katholizismus. Die römisch-katholische Kirche erschien ihm als einleuchtende Fortführung der Urkirche. Als Kardinaldiakon die zentrale Persönlichkeit des britischen Katholizismus im 19. Jahrhundert, leitete Newman die Kongregation der Oratorianer in England und verfasste neben einer Reihe von Lehrschriften und Traktaten auch Gedichte mit geistlichen Inhalten, darunter 1865 «The Dream of Gerontius». In fast 900 Zeilen und einem teils lyrischen, teils dramatischen Stil schildert Newman darin das Sterben eines alten Mannes und das Aufsteigen seiner Seele in die Ewigkeit.

    1991, ein Jahrhundert nach seinem Tod, wurde John Henry Kardinal Newman CO vom amtierenden Papst Johannes Paul II. der Titel «Ehrwürdiger Diener Gottes» zuerkannt. Anlässlich der Überführung seiner sterblichen Überreste 2008 in die Oratorianer-Kirche in Birmingham fand man im Sarg John Henry Newmans lediglich Kleiderreste vor. Schließlich wurde Newman 2010 bei einem Gottesdienst in Birmingham von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen.

    Edward Elgar wuchs als Sohn eines Klavierstimmers und Musikalienhändlers in Worcester auf, wo der Vater, ein Protestant, als Organist in der katholischen Kirche von St. George wirkte. Die Mutter des am 2. Juni 1857 geborenen Edward war fünf Jahre davor zum katholischen Glauben konvertiert, ihr Ehemann folgte ihr darin erst auf dem Sterbebett. Ihre Kinder ließen sie katholisch taufen. Edward Elgar, der - vom väterlichen musikalischen Umfeld inspiriert - bereits im Alter von zehn Jahren erste Kompositionsversuche unternahm, erlernte mehrere Instrumente, neben Violine, Orgel und Klavier auch Fagott. Der Musiker gab Instrumentalunterricht - dabei lernte er in der Klavierschülerin Caroline Alice Roberts seine spätere Ehefrau kennen - und spielte Violine in verschiedenen regionalen Orchestern, so auch beim «Three Choirs Festival», das alle drei Jahre in Worcester, alternierend mit Gloucester und Hereford, stattfand. In dessen Rahmen wurden schließlich die ersten Chor-Orchester-Kompositionen Elgars aufgeführt, die den Komponisten innerhalb der englischen Chorszene bekannt machten: die Kantate «The Black Knight» und das Oratorium «The Light of Life».

    Um die Jahrhundertwende gelang Elgar mit seinen «Enigma Variations» für Orchester und dem Chor-Orchesterwerk «The Dream of Gerontius» der nationale und internationale Durchbruch. Er erlangte den Status des bedeutendsten britischen Komponisten seit Purcell. Die wichtigsten und einflussreichsten Musiker seiner Zeit wie der Dirigent Hans Richter und der Geiger Fritz Kreisler widmeten sich Elgars Musik. Als dem Komponisten kurz vor der Jahrhundertwende vom Vorsitzenden des angesehenen Birmingham Triennial Music Festival den Vorschlag erhielt, Kardinal Newmans Gedicht «The Dream of Gerontius » zu vertonen, ging er darauf bereitwillig ein, war dem Katholiken das geistlich-literarische Werk Newmans doch innig vertraut. Gemeinsam mit dem Geistlichen Richard Bellasis schuf Elgar eine gegenüber der Dichtung gestraffte Textfassung zur Vertonung.

    Das Sterben des Gerontius - der Name ist abgeleitet vom griechischen Wort für Greis: géron -, seine Gebete, Träume und seine Furcht vor dem Tod sowie der Beistand der Freunde und der Segen des Priesters bilden fast ungekürzt gegenüber Newmans Dichtung den ersten Teil. Die literarisch sechs verschiedenen Abschnitte vom Weg der Seele des Gerontius in das Jenseits fasste Elgar zum zweiten Teil seines Werkes zusammen, behielt aber die wesentlichen Handlungsstränge der Dichtung bei: Die Seele, erwartet und begleitet von einem Schutzengel, wandert durch die Himmelsräume. Vorbei an den Dämonen und den klagenden Seelen im Fegefeuer sowie mit Unterstützung der fürbittenden Engel gelangt sie für einen Augenblick in die Gegenwart Gottes und wird mit Fürsprache des Todesengels in die höchsten Sphären zu den Gerechten aufgenommen.

    Elgar vertonte den mystisch-transzendentalen Stoff mit einer feierlichen und friedvollen Musik. Er fühlte sich kompositorisch in die Ängste des Sterbenden ein und spürte den Fragen der Seele nach. Das Jenseits hüllte er in mysteriöse und ekstatische Klänge. Den irdischen Faktor der Zeit setzt Elgar außer Kraft, indem er den ersten wie den zweiten Teil jeweils ohne Unterbrechung als Strom in die Ewigkeit komponiert, in dem die Harmonien und Melodien ineinanderfließen. Diese musikalische Form gewann Elgar aus der Struktur der Dichtung und setzte sich damit von der traditionellen Anlage eines Oratoriums und der Unterteilung in Rezitative, Arien und Chöre ab. Er schuf ein geistliches Musikdrama für Gesangssolisten, Chor und Orchester. Auf dem Titelblatt steht: «The Dream of Gerontius by Cardinal Newman set to music by Edward Elgar op. 38». Das Wort Oratorium sparte er aus. Elgar sah sein sakrales Werk auch als ein Epos über «einen im Leben ganz und gar weltlich eingestellten Mann, der nun Rechenschaft ablegen muss. Darum habe ich seinen Part nicht mit Kirchenklängen ... angefüllt, sondern mit guter, ehrlicher, vollblütiger, romantisch erinnerter Weltlichkeit». Elgar vertonte seine Vision von Tod und Verklärung.

    Richard Strauss war es übrigens, der anlässlich der kontinentalen Erstaufführung von «The Dream of Gerontius» 1901 beim Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf Elgar als «the first English Progressivist» bezeichnete und so wie andere Fachleute voll des Lobes über Elgars Chor-Orchesterwerk war. Womit diese Aufführung den «Gerontius» auf seinen Erfolgsweg brachte, denn die Uraufführung 1900 in Birmingham hatte in einem Desaster geendet. Ihre mangelnde Qualität lag daran, dass durch die späte Lieferung des Notenmaterials nur sehr wenig Probenzeit zur Verfügung stand und dadurch vor allem der Chor mit Elgars zuhöchst komplexer Komposition überfordert war.

    Elgar knüpft ein Netz von Leitmotiven und setzt die Instrumente des Orchesters als dramatischen Gestaltungsfaktor auf ausdrucksstarke und symbolkräftige Weise ein. In einem bedeutsamen Orchester-Präludium werden die fünf wesentlichen Motive vorgestellt, die im Verlaufe der weiteren Komposition den Themenbereichen Gericht, Furcht, Gebet, Schlaf und Schmerz zugeordnet werden. Die monumentale Komposition verläuft von d-Moll aus nach D-Dur, im Barock die Tonart Gottes - D stand damals für «Deus». Mit der Titelfigur schuf Elgar eine große Tenorpartie, die sich mit einer lyrisch-expressiven Charakteristik gegen die klangmächtigen Ensembles des Chors und des Orchesters behauptet. Ein gewichtiges Wort hat der Bass-Solist als Priester und Todesengel mitzureden. Im zweiten Teil immer an der Seite und im Dialog mit der Seele des Gerontius ist der Schutzengel (Mezzosopran). Von ihm begleitet besteht die Seele die jenseitigen Abenteuer und gelangt mit ihm schließlich in verklärte Sphären.

    Dem Chor kommen vielerlei Rollen zu. Er singt die ins Gebet vertieften Freunde des Gerontius in angedeuteter alter kirchenmusikalischer Praxis teilweise choraliter, dann wieder in Wechselgesängen, ähnlich liturgischen Antiphonen. Im zweiten Teil verkörpert der Chor zunächst die Dämonen, die in einer teuflischen Doppelfuge hämisch nach der Seele geifern. Es folgen die Engel, die Gottes Herrlichkeit preisen - zunächst verklärt mit Frauenstimmen, dann in einem grandios zum Höhepunkt gesteigerten Himmelschor. Die betenden Stimmen von der Erde werden wie ein unendlich entferntes Rauschen zu Gehör gebracht, ehe von den Seelen im Fegefeuer der Psalm «Lord, Thou hast been our refuge» angestimmt wird. Alle Musik läuft in dem Werk auf jenen Moment inmitten des zweiten Teils zu, in dem die Seele die Herrlichkeit Gottes zu schauen bekommt. Ein einziger Akkordschlag erklingt: «For one moment, must every instrument exert its fullest force», schrieb Elgar in die Partitur. Ein Klangblitz auf dem Sonnenton A leuchtet auf. Das Unvorstellbare - hier wird's Ereignis.

    © Nö Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Rainer Lepuschitz