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Samuel Barber

Toccata Festiva für Orgel und Orchester op. 36

Sätze

  • Allegro con brio - Doppio meno mosso - Più mosso - Doppio mosso, tempo primo - Fast and joyous - Cadenza - Come prima

Dauer

14 Min.

Entstehung

1960

Wer hat, wenn er auf den Namen des amerikanischen Komponisten Samuel Barber trifft, nicht sofort sein hochberühmtes «Adagio für Streichorchester» im Ohr? Dieser zweite Satz aus dem Streichquartett B-Dur, 1936 komponiert und 1938 von keinem Geringeren als Arturo Toscanini uraufgeführt, wurde über alle Genregrenzen hinweg so populär, dass er das beträchtliche OEuvre Samuel Barbers schlichtweg in den Schatten stellte. Es umfasst nicht weniger als 167 Kompositionen, darunter etliche Stücke für Klavier solo, Dutzende Lieder für Singstimme und Klavier, Chorkompositionen a cappella und mit Begleitung, Ballette, Kammermusik für verschiedene Besetzungen, jeweils ein Solokonzert für Cello, Violine und Klavier plus Orchester, drei Opern und zwei Symphonien.

Solche Vielfalt ist kein Wunder, denn der am 9. März 1910 in West Chester, Pennsylvania, geborene Barber fing früh an zu komponieren: Im zarten Knabenalter von sieben Jahren brachte er seine ersten Entwürfe zu Papier. Mit neun Jahren entschied er über sein weiteres Leben und schrieb der Mutter: «Meine Bestimmung ist, Komponist zu sein, und ich bin sicher, dass ich das werde.» Als Zehnjähriger stellte er seine ersten Opernversuche an. Und mit Vierzehn begann er, am Curtis Institute of Music in Philadelphia zu studieren: Gesang, Klavier und natürlich Komposition.

So erarbeitete sich Barber im Laufe seines 71-jährigen Lebens - er starb 1981 in New York an Krebs - einen Ruhm als einer der wichtigsten amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Neben dem bereits erwähnten «Adagio for Strings» aus dem Jahr 1936 und der zweistündigen, mit dem Pulitzer-Preis gewürdigten Oper «Vanessa» aus dem Jahr 1957 nach einem Libretto von Gian Carlo Menotti - Barbers langjährigem Lebensgefährten - gehört die 1960 entstandene «Toccata Festiva» für Orgel und Orchesters zu Barbers häufiger gespielten Kompositionen.

Warum Toccata? Gründe, die zur Entscheidung für diesen Titel führten, sind nicht überliefert. Möglicherweise knüpft der Komponist mit seiner dreiteiligen symphonischen Fantasie gedanklich an die Blütezeit des freien Orgelstils im Hochbarock an. Die kühne Harmonik und die durchaus auf Virtuosität und Klangeffekte bedachte Kompositionsweise, der ausgesprochen affektgeladene, ja theatralische und von fiebriger Energie gezeichnete Impetus der «Toccata Festiva» legen diesen Schluss nahe.

Das Werk ist eine Auftragskomposition. Mary Curtis, die Gründerin des «Curtis Institute of Music», legte dem Dirigenten Eugene Ormandy während einer Europatournee mit dem Philadelphia Orchestra ihre Absicht nahe, eine neue Orgel für den Konzertsaal in Philadelphia zu spenden. Ihre Bedingung: Samuel Barber sollte für die Einweihung ein Auftragswerk für Orgel und Orchester schreiben. Gesagt, getan: Barber begann mit der Komposition im März 1960 in New York und vollendete die «Toccata Festiva» zwei Monate später in München. Solist der Uraufführung am 30. September 1960 in Philadelphia war Paul Callaway, Organist der Washingtoner National Cathedral. Das etwa viertelstündige, dreiteilige Stück hebt mit einem fanfarenartigen Thema an, das vom Orchester mit Pauken und Trompeten wütend ins Spiel gebracht wird. Mit rasant auffahrenden Figurationen und wuchtigen Akkorden wühlt sich die Orgel ins Geschehen. Sogleich aber wird die stürmische Eröffnung von lyrischer Intensität und kammermusikalisch transparenten Klanggesten abgelöst.

Im weiteren Verlauf darf der Solist in einer beeindruckenden Solokadenz, die ausschließlich an den Pedalen intoniert wird, sein Können unter Beweis stellen. Heute gehört die «Toccata Festiva» zu den wenigen modernen Stücken für Orgel und Orchester, die in den Konzertsälen zu hören sind. Allein im Jahr 2016 stand sie in drei großen deutschen Städten - Berlin, Bielefeld und Bochum - auf den Programmen symphonischer Konzerte. Die lettische Organistin Iveta Apkalna sagte über das Werk: «Wenn die Orgel mit dem Orchester spielt, dann ist das fast wie ein Konzert für Orchester mit Orchester.»

© Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Ute van der Sanden