Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Yutaka Sado im Interview

Manchmal ein Engel, manchmal ein Teufel

Yutaka Sado ist ein Weltreisender in Sachen Musik, ein Kosmopolit, der sich an vielen Orten zuhause fühlt und an einigen als Star gilt: Von Touristen vor dem Musikverein spontan umringt, gibt er  Autogramme – man kennt ihn als Direktor des Hyogo Performing Arts Centre (PAC), eines der bedeutendsten Musikzentren Japans, des PAC-Orchesters und als Moderator jener wöchentlichen TV-Sendung, die japanischen Musikfreunden die klassische Musik näherbringt. Yutaka Sado, in Kyoto geboren, war Assistent von Leonard Bernstein, gewann große Dirigierwettbewerbe, wirkte 17 Jahre lang in Frankreich und stand am Pult der wichtigsten deutschen Orchester. Mit Beginn der Saison 15-16 kehrt er – als Chef der Tonkünstler – ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten Österreich-Aufenthalt nach Wien zurück, dem Ausgangsort seiner Karriere in Europa. Mit Andreas Kirchner, seinem Manager für Deutschland und Österreich, sprach Yutaka Sado über seine Wege zur Musik, zum Dirigieren, über Bernstein und seine Beziehung zum Publikum.

Herr Sado, können Sie sich an den ersten Konzert- oder Opernbesuch erinnern, der Sie richtig begeistert hat?

Ja, es war ein Opernabend. Als ich zehn oder elf Jahre alt war, habe ich in Kyoto «Carmen» gesehen. Das war wirklich etwas Besonderes. Mein erstes Konzert? Ich weiß es nicht mehr genau, aber als das Kyoto Symphony Orchestra Beethovens fünfte Symphonie gespielt hat, war ich sehr ergriffen. Und als ich zwölf oder dreizehn war, hatten die Leningrader Philharmoniker mit Jewgenij Mrawinski ein Gastspiel in Osaka. Ich glaube, sie spielten die sechste Symphonie von Tschaikowski. Das war super für mich.

Also waren Sie schon als Kind ein Musikfan?

Seit meiner Kindheit sammle ich leidenschaftlich Platten mit Musik von Richard Strauss und Gustav Mahler. Schon als Grundschüler hörte ich sie jeden Tag. Und in der Mittelschule dann Kompositionen von Toru Takemitsu – also zeitgenössische japanische Musik.

War es üblich, dass Kinder ein Instrument lernten?

Nein, das war eher die Ausnahme. In einer Klasse mit 40 Schülern haben nur ein oder zwei Kinder Klavier gespielt. Mir erschien es in meinem Alter sogar etwas peinlich, jeden Sonntag zum Klavierunterricht zu gehen. Ich hatte Angst, auf der Straße jemanden zu treffen, den ich kannte, und der mich dann fragen würde, wohin ich unterwegs wäre. Natürlich hätte ich nicht zugegeben, dass ich auf dem Weg zum Klavierunterricht war, weil ich ja ein Bub war…

...und weil Sie als solcher eher Sport treiben sollten. Was haben Sie denn auf dem Klavier gespielt?

Beethoven-Sonaten und Brahms-Rhapsodien, etwas in der Art. Aber ich fand es zu langweilig, ein, zwei Stunden am Klavier zu sitzen und zu üben. Stattdessen wäre ich viel lieber Basketball spielen gegangen!

War Ihre Mutter Ihre Klavierlehrerin?

Nein, aber sie hat mein Üben beaufsichtigt. Und sie war sehr streng. Sie achtete darauf, dass ich lange und gut genug übte. Wenn sie zuhörte, spielte ich Beethoven, wenn sie nicht zu Hause war, Songs von Deep Purple. Aber dank meiner Klavierstunden konnte ich gut Noten lesen, <<und daher fiel es mir leicht, Blockflöte zu lernen. Jede Note, die ich hörte, zum Beispiel Melodien von Liedern, die ich aus dem Fernsehen kannte, konnte ich praktisch sofort nachspielen. So wurde ich für meine Freunde ein Star auf der Blockflöte.

Und den Mädchen gefiel das auch?

Ich war ein Held! Aber meine wichtigsten musikalischen Erfahrungen dieser Zeit sammelte ich als Mitglied eines Knabenchors. Seither ist mir bewusst, dass Musik eine große Macht hat: das Teilen von Gefühlen. Musik gibt uns viel Energie. Musik ist wie ein Vitamin fürs Herz und für die Seele.

Dann sind Sie auf die Querflöte umgestiegen.

Ja, weil ich damit in verschiedenen Ensembles musizieren konnte – alle möglichen Repertoirestücke haben wir gespielt, nicht nur klassische Musik, auch Unterhaltungsmusik.

Nun war es Ihnen nicht mehr peinlich, ein Instrument zu spielen.

Genau. Wir waren technisch nicht wirklich gut, aber wir suchten immer nach Wegen, einen guten Klang zu erzeugen, besser zu werden. Wir achteten sehr genau auf die Intonation. Natürlich waren die Instrumente sehr schlecht, und der Dirigent war unser Mathematiklehrer. Es war, mit heutigen Maßstäben betrachtet, richtig übel. Aber wir waren stolz darauf, Mitglieder in diesem Bläserensemble zu sein. Ich hatte schon damals unglaublich viel Freude an der Musik. Gemeinsam mit anderen zu musizieren, ganz egal ob als Dirigent, Instrumentalist oder Sänger, war wunderbar. Und ich lernte, was der Begriff „Ensemble“ bedeutet.

Wann beschlossen Sie, Dirigent zu werden, und weshalb?

Meine Eltern nahmen mich oft mit ins Konzert. Für mich war der Dirigent mit seinem Taktstock wie Harry Potter. Aus der Stille mit einem Nicken die Musik beginnen zu lassen, kam mir vor wie Zauberei.

Wer hat Sie zu diesem Schritt ermutigt?

Der Dirigent meines Knabenchors war ein großartiger Mensch. Er war nicht berühmt, aber in gewisser Weise mein bester Lehrer. Später, als ich bei einem professionellen Dirigenten lernen wollte, war es nicht einfach. Man musste beim Bühneneingang auf den Dirigenten warten und ihn direkt fragen, ob man sein Schüler werden konnte. Aber den Anfang musste ich alleine schaffen: Ich dirigierte ein Bläserensemble und einen Chor.

Und eines Tages begegneten Sie Leonard Bernstein.

Er war ein Idol für mich. Und natürlich ein großer Star. Er hatte die „West Side Story“ komponiert, eine so schwungvolle Musik mit Melodien, die sofort ins Ohr gehen, mit ihrem Wechselspiel von raffinierten Rhythmen und Harmonien. Ich habe diese Oper sofort geliebt. Und dann war Bernstein auch noch Dirigent für klassische Musik, ja sogar Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker! Leonard Bernstein war für mich ein wahrer Musiker und richtig cool. Das war ein entscheidender Punkt.

Wie gehen Sie heute mit diesen beiden Musikwelten um?

Ich moderiere an jedem Sonntagvormittag eine Sendung im japanischen Fernsehen. Dazu lade ich Jazzsänger, Rockmusiker und japanische Volksmusiker ein. Es geht hauptsächlich um klassische Musik, aber wir präsentieren auch Künstler aus anderen Bereichen.

Wenn Sie für alle Arten von Musik offen sind, was macht den Unterschied?

Die Qualität, die man in allen Genres finden kann.

Was ist Ihr Auftrag, wenn Sie Musik machen? Die Kommunikation? Spüren Sie das Publikum in Ihrem Rücken?

Natürlich! Das Publikum trägt wesentlich zum Erfolg eines Konzerts bei. Wenn das Orchester zu spielen beginnt, strahlt eine Kraft, eine Energie vom Orchester aus. Und auch umgekehrt: vom Dirigenten zum Orchester, vom Orchester zum Publikum und vom Publikum zurück zum Dirigenten.

Ein Energieaustausch?

Ja. Am Ende des Konzerts applaudieren und jubeln die Zuhörer, das Orchester – alle. Wir sind unterschiedliche Menschen, aber wir spüren gemeinsam etwas.

Ist es das, was für Sie zählt?

Ja, genau das. Ich liebe Menschen. Ich liebe es, unterschiedliche Charaktere kennenzulernen, andere Denkansätze und andere Kulturen.

Wofür steht die japanische Kultur heutzutage?

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die US-amerikanische Kultur viele Jahre lang prägend in Japan. Japanische Popmusik ist sehr amerikanisch. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, aber auch mit japanischer Popmusik. Einerseits ist die japanische Kultur sehr anpassungsfähig, andererseits legen wir großen Wert darauf, unsere Kultur und unsere Traditionen aufrechtzuerhalten.

Wie hat die westliche klassische Musik in Japan so große Bedeutung erlangt?

Das hat erst vor etwa 100 Jahren begonnen. Professoren für Kunstwissenschaften haben Professoren aus Deutschland an japanische Universitäten eingeladen. Ich habe sowohl das italienische Solfeggio, die Gesangssilben mit Do, Re, Mi, Fa, Sol und so weiter gelernt als auch die deutsche Notation mit C, D, E, F, G, A, H, C, die in Japan immer noch gebräuchlich ist. Übrigens ist die deutsche Variante so gängig, dass einige Freunde und ich sie manchmal statt Zahlen verwenden. Als ich 50 Jahre alt wurde, habe ich zum Beispiel mein Alter mit „Zehn G“ angegeben.

Sie haben auch schon ziemlich lange außerhalb von Japan gelebt, stimmt das?

Ja, ich habe 17 Jahre in Frankreich verbracht.

Entdecken Sie neue Seiten Ihrer Persönlichkeit, wenn Sie in eine andere Alltags- und Umgangssprache wechseln?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht, ein interessanter Gedanke. Aber was die Musik betrifft, möchte ich gern mehr über das typisch Wienerische erfahren. Ich kenne mich ein bisschen aus mit dem, was typisch französisch und typisch italienisch ist, mit der englischen Klangfarbe und dem deutschen Orchesterklang. Aber der Wiener Klang ist wirklich etwas Besonderes.

Was ist dieses Besondere am Wiener Klang? Woran erkennen Sie ihn?

Es ist nicht schwierig, ihn zu erkennen, weil einige der üblicherweise eingesetzten Instrumente eine spezielle Bauweise haben und daher anders klingen. Das betrifft zum Beispiel die Oboen, Hörner, Klarinetten und Pauken. Aber der Klang ist ja nicht nur eine Sache der Instrumente. Er hängt auch mit bestimmten Traditionen der Phrasierung zusammen oder damit, wie die mittleren Stimmen, etwa die zweiten Geigen und die Bratschen, eingesetzt werden. Ich kann jedenfalls sofort den Unterschied erkennen, und ich möchte mich unbedingt näher mit dieser Tradition auseinandersetzen.

Sie haben schon einmal drei Jahre in Wien verbracht. Wann und weshalb?

Wenn ich mich an meine ersten Berührungspunkte mit Wien erinnere, muss ich lange zurückdenken. In den 1980er-Jahren verließ ich Japan, um Assistent von Leonard Bernstein zu werden, und begleitete ihn von Wien aus bei Konzertreisen nach Paris, Prag und Japan. Ich konnte kein Deutsch, mein Englisch war ziemlich schlecht, und es war damals nicht leicht für einen Ausländer, sich hier willkommen zu fühlen. Die Leute reagierten manchmal, sagen wir, zurückhaltend, zum Beispiel im Supermarkt oder bei der Einwanderungsbehörde. Das war ein Kulturschock für mich, wobei die Menschen in Wien im Allgemeinen sehr nett waren. Dann starb Leonard Bernstein. Ich gewann 1989 den Internationalen Dirigierwettbewerb in Besançon und bekam etwas später ein erstes Engagement in Frankreich, in Bordeaux. Das hieß natürlich, meinen Wohnsitz nach Frankreich zu verlegen. Ich musste also Wien verlassen, obwohl es mir so viel bedeutete. Es war schließlich meine erste Station in Europa.

Jetzt, da Sie wieder in Wien leben werden, möchten Sie sich bestimmt ein bisschen an die lokalen Gepflogenheiten gewöhnen.

Zum Beispiel möchte ich unbedingt mit meiner Frau Wiener Walzer tanzen lernen!

Was schätzen Sie an Wien? Was ist besonders für Sie?

Für Touristen ist es ein fantastischer Ort, besonders für Musikliebhaber. Eine Woche oder zehn Tage, vielleicht sogar zwei Wochen hier Urlaub zu machen, ist wie ein Traum. Wenn man zum Beispiel Beethoven mag, kann man sich viele der Häuser anschauen, in denen er wohnte, in Museen gehen, Konzerte hören. Wie Sie wissen, stamme ich aus Kyoto, wo ich geboren wurde und auch studierte. Kyoto und Wien haben einige Gemeinsamkeiten. Beide Städte sind sehr traditionsreich und sie sind Kulturzentren. Sowohl in Wien als auch in Kyoto können die Menschen sehr freundlich sein, aber tief drinnen sind sie verschlossen. Wien zeichnet natürlich aus, dass es über Jahrhunderte ein wichtiges Zentrum der Musik war, weltweit. Mozart, Beethoven, Brahms, Mahler, Strauss – alle meine Lieblingskomponisten waren hier. Und natürlich werden die Tonkünstler und ich ihre Werke aufführen, denn was diese Komponisten uns hinterließen, ist fantastische und geniale Musik. Wien als Stadt ist meine allererste Wahl. Ich bin sehr gespannt auf diese Zeit und im besten Sinne auch aufgeregt. All meine Liebe und meine Kraft werde ich investieren, und ich werde viel lernen und hart arbeiten. Denn Wien und sein Publikum sind es wert. Auch Grafenegg habe ich schon besucht, und wirklich, ich hatte niemals zuvor ein so schönes Schloss gesehen.

Wie viel Zeit zum Proben hätten Sie in einer idealen Welt?

Gute Frage. Natürlich wäre es am besten, wenn wir gar nicht erst proben müssten. Aber die Probenarbeit ist wie das Aufziehen einer Blume. Sie müssen sie gießen, Unkraut jäten und darauf warten, dass sie erblüht.

Wie proben Sie?

Ich gebe dem Orchester einige Ideen vor, dann versuchen wir, sie gemeinsam umzusetzen. Das gilt für Mozart, Beethoven und Brahms genauso wie für zeitgenössische Musik. Es müssen so viele Informationen verarbeitet werden: Wir sollten zum exakt gleichen Zeitpunkt anfangen, Diminuendo, Crescendo spielen. Der Dirigent muss nicht nur den Überblick haben, er muss auch viele Musiker an einem Ort zusammenbringen. Es ist ein kreativer Prozess. Aber das Wichtigste ist, dass es zu einem bestimmten Termin nur ein Konzert gibt. Vielleicht gibt es ein zweites und drittes Konzert, aber es ist, wie man auf Japanisch sagt: Ichigo ichie. Das bedeutet, wir haben nur einen Versuch.

Also muss es beim ersten Mal funktionieren?

Ja. Das zweite Mal ist ein neuer Versuch.

In Japan kommen alle Orchestermitglieder extrem gut vorbereitet zur ersten Probe.

Absolut! Das erhoffe ich mir auch vom Tonkünstler-Orchester. Es gibt da von Land zu Land große Unterschiede. Englische Orchester können zum Beispiel gut prima vista spielen. Ich denke nicht, dass sie sich sehr intensiv vorbereiten, aber wenn ich ihnen sage, dass sie etwas Bestimmtes tun sollen, dann reagieren sie sofort und setzen es um.

Verwenden Sie bei der Probenarbeit Bilder, um Ihre Ideen zu illustrieren, oder arbeiten Sie lieber an technischen Aspekten?

Beides. Denn letztlich proben wir, um etwas zu erschaffen. Dabei ist es hilfreich, Bilder und Geschichten zu verwenden. Bilder können helfen, die richtige Muskelspannung zu „programmieren“, was wirklich wichtig ist für Musiker. Andererseits erkläre ich auch, warum ich beispielsweise will, dass die Streicher ihre Bögen auf eine bestimmte Art führen, zum Beispiel auf dem Griffbrett, oder warum ich möchte, dass die Holzbläser weniger laut einsetzen, um eine längere Phrase zu entwickeln. Technik und Bilder – Musiker brauchen beides.

Wie wichtig ist Ihnen, dass die Orchestermusiker aufeinander hören?

Das ist unheimlich wichtig. Und genau so wichtig ist es, dass ich ihnen zuhöre.

Sie?

Damit fängt alles an. Dann versuchen die Musiker, aufeinander zu hören. Ich sage immer und immer wieder: zuhören, zuhören, zuhören. Es hängt natürlich auch von der Musik ab. Das ist vielleicht meine Art, meine Arbeitsweise.

Sie geben dem Orchester die Freiheit, die Musik im Moment zu erschaffen?

Am liebsten wäre es mir, wenn sie mich überhaupt nicht bräuchten. Natürlich gibt es bei der Probenarbeit schwierige Momente, wenn ich sagen muss: Das war nicht gut, das hat nicht zusammengeklungen. Als Dirigent leite ich das Musizieren, muss ich den Musikern die Richtung weisen. Ich bin manchmal ein Engel, manchmal ein Teufel.

Wie sind Sie privat, wobei entspannen Sie?

Ich koche sehr gern. Und zwar so, wie ich auch arbeite: ohne Rezept. Hat man Zwiebeln, Speck, Milch und Eier im Kühlschrank, kann man Carbonara machen, zum Beispiel. Gut grillen kann ich auch. Und unser Haus in Japan hat einen eigenen Raum für die Teezeremonie. Wir benutzen ihn, wenn Gäste kommen, vor allem ausländische. In diesen Raum gelangt man über den Garten durch einen eigenen kleinen Eingang. Ein solcher bedeutet in der japanischen Kultur: „keine Waffen“. Das heißt, es gibt keinen König, keinen Samurai. Nur Menschen, Gastgeber und Gast.

Bereiten Sie alles selbst vor für die Zeremonie?

Nein, ich bin nicht wirklich ein Experte. Meine Frau Kimiko und ihre Mutter sind diejenigen, die die Teezeremonie abhalten.

Was ist die Idee dahinter? Es geht sicher nicht nur um die Zubereitung von Tee.

Es geht um das japanische Konzept „omotenashi“. Das heißt: willkommen. Dieser Begriff ist sehr gebräuchlich, wir verwenden ihn sehr oft. „Omotenashi“ ist pure Gastfreundschaft. Der Gastgeber wählt zum Beispiel für jeden Gast die Teeschale. Im Prinzip ist es so etwas wie eine japanische Willkommensparty der Extraklasse.

Wie lange dauert so eine Zeremonie?

Das ist sehr unterschiedlich. Sie kann lange dauern, wenn wir beispielsweise bei Vollmond alle gemeinsam zu Abend essen. Das ist dann wirklich eine ernsthafte Angelegenheit.

Sie seien ein leidenschaftlicher Golfer, heißt es. Gibt es noch andere Sportarten, die Sie gerne betreiben?

Ich liebe Golf, leider habe ich nicht genug Zeit für Sport. Abgesehen von Golf gehe ich manchmal schwimmen oder in den Fitnessclub. Und in letzter Zeit gehe ich auf das Laufband, mache Push-ups.

Als Dirigent müssen Sie fit bleiben.

Ja, aber ich schaue mir Sport auch gerne an. Zum Beispiel Tennis oder Basketball.

Wie sieht es mit Fußball aus?

Spiele ich auch – einmal im Jahr in einem großen Match, das meine Freunde organisieren. Als ich noch beim Orchestre National Bordeaux Aquitaine als Dirigent arbeitete, war ich für ein Spiel als Mittelstürmer eingeteilt. Damals war ich jung, 28 oder 30 Jahre alt. Es war Winter, Februar, früh am Morgen und wirklich kalt. Also gaben sie mir Rotwein, um mich von innen aufzuwärmen.

Vor dem Spiel?

Ja, als ich mein Dress anzog. Auf dem Feld bekam ich dann einen Muskelkrampf, bevor ich den Ball überhaupt berührt hatte.
 
Haben Sie jemals Zeit, Bücher zu lesen? Man sieht Sie immer mit einer Partitur in Ihrem Rucksack.

Für Belletristik fehlt mir leider die Zeit. Aber ich lese Bücher über Musik und Kunst – und über Golf.

Für welche anderen Kunstgattungen interessieren Sie sich? Bildende Kunst oder Architektur?

Wenn ich die Gelegenheit habe, gehe ich gerne ins Museum. Und ich liebe Architektur! Deshalb hat ein guter Freund von mir, der Architekt Tadao Ando, mein Haus entworfen.

Ein berühmter Architekt?

Sehr berühmt. Als wir im vorigen Jahr das Fotoshooting im Festspielhaus St. Pölten hatten, habe ich dem Fotografen gesagt, dass mich die Betonwand an mein Haus erinnert, und habe ihm ein paar Bilder gezeigt. Er hat sofort erkannt, dass es von Ando ist.