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Sektionen

Archiv: Die Planeten

St. Pölten Festspielhaus | Großer Saal

Interpreten

Programm

Welchen Komponisten wählte der junge finnische Dirigent Pietari Inkinen für die Eröffnung seines ersten Symphoniekonzerts mit dem Tonkünstler-Orchester? Ganz klar: Jean Sibelius! Den Weltstrom Okeanos und seine 4.000 Töchter, «Die Okeaniden», charakterisiert die gleichnamige Tondichtung mit dem finnischen Originaltitel «Aallottaret». Anlässlich einer Reise nach Amerika entstand sie 1914 als Auftragswerk für das Norfolk Festival in Connecticut. Die Aufführung von Benjamin Brittens Violinkonzert mit Arabella Steinbacher als Solistin verspricht einen virtuosen Höhepunkt zum Ausklang der Spielzeit. Pietari Inkinen, künstlerischer Direktor des New Zealand Symphony Orchestra und seit September 2015 Chefdirigent der Prager Symphoniker, widmet sich schließlich dem Opus magnum des britischen Komponisten Gustav Holst und lädt ein zu einer Reise zu den Sternen: Die überirdisch verortete Orchestersuite «The Planets» bildet das funkelnde Finale der Saison 15-16.

Arabella Steinbacher

© Peter Rigaud

Biografie

Arabella Steinbacher spielt seit ihrem dritten Lebensjahr Violine und studierte bereits als Neunjährige bei der renommierten Violinpädagogin Ana Chumachenco in München. Der internationale Durchbruch gelang ihr 2004 mit dem Debüt beim Orchestre Philharmonique de Radio France unter der Leitung von Neville Marriner. Bekannt für ihr großes Repertoire, spielt Arabella Steinbacher alle wichtigen Violinkonzerte der Klassik und Romantik sowie Werke des 20. und 21. Jahrhunderts. Regelmäßig tritt sie mit international führenden Orchestern auf und arbeitete mit Dirigenten wie Lorin Maazel, Riccardo Chailly, Herbert Blomstedt, Charles Dutoit und Marek Janowski zusammen.

In der Saison 15-16 ist Arabella Steinbacher erneut Principal Guest Artist bei den Festival Strings Lucerne und tourt mit ihnen durch Italien. Weitere Höhepunkte der Saison sind eine Tournee mit dem Philharmonia Orchestra und Esa-Pekka Salonen, ihr Debüt beim Los Angeles Philharmonic Orchestra und die Aufführung der Violinkonzerte Prokofiews mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Zudem arbeitet sie mit dem NHK Symphony Orchestra in Japan zusammen. Als CARE-Botschafterin unterstützt sie Menschen in Not, seitdem sie nach dem Tsunami in Japan 2011 Konzerte in Notunterkünften gab. Arabella Steinbacher ist seit 2009 Exklusivkünstlerin des Labels Pentatone Classics. Sie spielt die «Booth»-Stradivari von 1716, eine Leihgabe der Nippon Music Foundation.

Stand

2016

Johannes Hiemetsberger

Biografie

Johannes Hiemetsberger stammt aus Oberösterreich und ist Gründer und künstlerischer Leiter des Chorus sine nomine sowie des Vokalsolistenensembles Company of Music.

Er unterrichtet an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Chor und Ensembleleitung, gibt international Chorleiterkurse und leitet das Stimmen-Festival Freistadt. Als Dirigent arbeitet Johannes Hiemetsberger mit Ensembles wie der Camerata Salzburg, dem L’Orfeo Barockorchester und der Wiener Akademie zusammen. 2010 war er erstmals Gast des Chors des Bayerischen Rundfunks in München. Johannes Hiemetsberger ist Preisträger des Erwin-Ortner-Fonds sowie des Ferdinand-Grossmann-Preises.

Stand

2014

Pietari Inkinen

Biografie

Der junge finnische Maestro tritt mit Beginn der Saison 16-17 als Chefdirigent des Japan Philharmonic Orchestra an. Außerdem ist er seit 2015 Chefdirigent der Prager Symphoniker und der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Dem New Zealand Symphony Orchestra bleibt er nach achtjähriger Amtszeit als Ehrendirigent verbunden. Als Gastdirigent leitet er namhafte Orchester wie die Münchner Philharmoniker, das Orchester der Mailänder Scala, das Los Angeles Philharmonic, das BBC Symphony, das City of Birmingham Symphony und das Israel Philharmonic Orchestra, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Staatskapelle Dresden und das Orchestre Philharmonique de Radio France. Regelmäßig arbeitet er mit Solisten wie Hilary Hahn, Pinchas Zukerman, Nikolaj Znaider, Jean-Yves Thibaudet und Elisabeth Leonskaja zusammen.

Inkinen dirigierte an der Finnischen Nationaloper und weiteren wichtigen Opernhäusern. Mit Tschaikowskis «Eugen Onegin» debütierte er 2012 an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin sowie an der Bayerischen Staatsoper in München; im Sommer 2016 leitet er eine Neuproduktion an der Semperoper Dresden. Inkinens CD-Aufnahmen für das Label «Naxos» erhielten herausragende Kritiken. Auch als Geiger ist er erfolgreich und konzertierte mit führenden Orchestern in seiner finnischen Heimat. Als Kammermusiker gastierte er mit dem Inkinen-Trio im Londoner St. John's Smith Square und in der Wigmore Hall.

Stand

2016

Jean Sibelius

«Aallottaret» | «Die Okeaniden» Tondichtung op. 73

    Dauer

    10 Min.

    Entstehung

    1914

    Der finnische Komponist Jean Sibelius lebte mehr als ein halbes Jahrhundert in einem Waldhaus, das nach dem Vornamen seiner Ehefrau Aino den Namen Ainola trug. Das Haus lag «am Ende des Sees» - so lautet die deutsche Übersetzung der Ortschaft Järvenpää. Der See Tuusulanjärvi zieht sich über eine Länge von etwa sieben Kilometern, umsäumt von Wald, in die Landschaft Uusimaa im Süden von Finnland. In Ainola entstanden fünf der sieben Symphonien von Sibelius und viele seiner Tondichtungen. Abgesehen von Konzert- und Urlaubsreisen verbrachte Sibelius sein Leben in Ainola. Täglich begab er sich nach den Erinnerungen seiner Tochter Margareta Jalas «auf einen langen Spaziergang in den Park und in den Wald Ainolas».

    Sibelius fühlte sich eins mit der Natur. «Wilde Schwäne schwimmen auf unserem See - im Morgengrauen werden sie sich zum Flug erheben. Auch wenn ich sie jetzt nicht einmal sehen kann, freue ich mich darüber, dass ich dieselbe Luft atme wie sie.» 1914 komponierte er im Auftrag des Norfolk Festivals in den USA eine Tondichtung, der er den Titel «The Oceanides» gab. Im Gegensatz zu vielen seiner von der nordischen Mythologie inspirierten Werke wurden «Die Okeaniden» von der antiken griechischen Mythologie angeregt: von den nach dem griechischen Dichter Hesiod «schlankfüßigen Töchtern des Okeanus, die da, weitzerstreut, die Erde und Tiefen der Ursee überallhin durchwandern, der Göttinnen herrliche Kinder». In finnischer Sprache wählte der Komponist den Titel «Aallottaret», was «Töchter der Wellen» heißt, deren Tanz durch das Wasser Sibelius zunächst in hellen, sonnendurchfluteten Klängen komponierte. Auf dem Wasser funkeln Lichtpartikeln. Eine prickelnde und in mikrotonalen Farben leuchtende Wassermusik. Langsam und leicht bewegen sich die Wellen des Wassers in den Streichern auf und ab, ehe sie sich in Flötenfiguren kräuseln und in den tieferen Streichern zu schäumen beginnen.

    Sibelius komponierte auch den Naturraum mit: Mehr und mehr breiten sich von verschiedenen orchestralen Richtungen Klangwellen aus. Die Unberechenbarkeit von Wassermassen ist faszinierend in Tonbewegungen erfasst. Die Strömungen kräftigen die Wellen, die immer größer werden. Die Unendlichkeit des Wassers wird spürbar, ebenso die Einsamkeit und Verlorenheit von lebenden Wesen in dieser Unendlichkeit und gegenüber den Naturelementen. In der Wassersymphonie braut sich eine unheimliche Stimmung zusammen. Die Klangfarben werden dunkler, die Bewegungen breiter. Dann kommt die große Welle, die in einem riesigen, auf und ab wallenden Orchester-Crescendo alles mitreißt. Das ist nicht der See Tuusulanjärvi im heimatlichen Järvenpää, sondern die See. Nach dem Sturm liegt der Ozean majestätisch ruhig da. «Die Okeaniden» sind die vorletzte Tondichtung von Sibelius. Danach zog er sich - mit «Tapiola» - in den Wald und zum Gott des Waldes, Tapio, sowie vom Komponieren zurück. Es blieben ihm noch viele Jahre, um seine wirkliche Musik zu hören: das Rauschen des Windes und der Wellen.

    © Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz

    Benjamin Britten

    Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 15

    Sätze

    • Moderato con moto

    • Vivace

    • Passacaglia. Andante lento

    Dauer

    31 Min.

    Entstehung

    1939, rev. 1954/65

    Benjamin Britten war 25 Jahre alt, als der spanische Bürgerkrieg im April 1939 mit einem Sieg des faschistisch unterstützten Franco endete. Dieser Ausgang – und der gesamte vorangegangene Krieg – war eine Katastrophe für die politische Kultur in Europa und lediglich ein Vorbote auf den großen Weltkrieg, der wenige Monate später losbrechen sollte. Viele Intellektuelle zogen es vor, sich nach einer neuen Heimat umzusehen. Der englische Schriftsteller Wystan Hugh Auden, ein enger Freund Brittens, hatte in England die Vorreiterrolle übernommen und war 1938 nach China gereist, wo er den chinesisch-japanischen Konflikt hautnah mitbekam. 1939 reiste Auden nach Amerika und entschloss sich zu bleiben. Die Distanz zum tobenden Krieg einerseits, die Anonymität und die Loslösung von der «europäischen Literaturfamilie» andererseits, waren die Hauptgründe für diese Entscheidung. Benjamin Britten und Peter Pears folgten im selben Jahr nach und reisten über Kanada in die USA, wo sie im Juni eintrafen. Im Gepäck befand sich auch die Partitur des bereits 1938 begonnenen Violinkonzerts, das somit zum ersten Werk wurde, an dem Britten im amerikanischen Exil arbeitete. Den Sommer 1939 verbrachte er in der Gesellschaft von Aaron Copland, mit dem ihn später eine Freundschaft verband. Nach einigen Monaten im New Yorker Stadtteil Brooklyn zogen Benjamin Britten und Peter Pears nach Amityville auf Long Island. Dort, in der gastfreundlichen Obhut des aus Deutschland ausgewanderten Ehepaars Mayer, konnte Britten in aller Ruhe arbeiten. Die Partitur des Violinkonzerts stellte er am 29. September während eines Besuchs in St. Jovite (Quebec) fertig.

    Das Violinkonzert op. 15 ist kein ausuferndes Violinsolo mit Orchesterbegleitung, sondern vielmehr eine formvollendete Zusammenführung zweier musikalischer Entitäten. Dabei wird der virtuose Aspekt des Soloparts aber keineswegs ausgespart. Innerhalb der dreiteiligen Struktur wird der kämpferisch getriebene Mittelsatz von zwei lyrisch gehaltenen Ecksätzen umfasst. Die Grundstimmung des Konzerts ist entschlossen und expressiv.

    Der erste Satz (Moderato con moto) eröffnet mit einem Quartenmotiv der Pauke, das von den Becken beantwortet wird. Die Solovioline gewinnt mit einem lyrischen Thema bald die Oberhand, das markante Quartmotiv im Bass bleibt jedoch lange bestehen; eine Beharrlichkeit, die auf die Passacaglia des dritten Satzes vorgreift. Das sangliche erste Thema wird bald von einem rhythmisch prägnanten Motiv konterkariert, das über dem bekannten Quartenbass zu einem rhapsodischen Teil überleitet. Unverwechselbar spanisches Kolorit blitzt hier durch – zweifellos ein Kunstgriff, den Britten dem Spanier Antonio Brosa zueignete, der das Werk uraufführte. Gegen Ende des Kopfsatzes erklingt schließlich wieder das beruhigende erste Thema, das über einem leisen Donnergrollen der Pauke und Pizzicato-Reminiszenzen der Streicher im Flageolett der Solovioline verhallt.

    Der zweite Satz (Vivace) ist der virtuose Brennpunkt des Violinkonzerts. In einem übermütigen Totentanz fetzen Irrlichter herum, inmitten derer die Solovioline in Kaskaden von chromatischen Skalen und aberwitzigen Läufen taumelt. Das Trio entspannt die Situation in kirchenmusikalischer Abgeschiedenheit nur ganz wenig, die wahnsinnige Jagd wird durch zwei irr trillernde Piccoloflöten, eine bedrohliche Tuba und tremolierende Streicher fortgesetzt. Schließlich verbeißen sich Orchester und Solopart in einer einzelnen Phrase, einer Umspielung eines Tons, der eine Feder aufzieht. Die freigesetzte Kadenz jagt abermals durch schaurige Bilder in den höchsten Lagen des Soloparts und bleibt schließlich auf einem Ton stehen, den das Orchester mit zögerlichen Schritten aufgreift.

    Das schleppende Ende des Mittelsatzes stellt gleichzeitig den Anfang des Finales (Passacaglia. Andante lento) dar. Die tappende Unbeholfenheit der Bässe entpuppt sich als Passacaglia, der sich Benjamin Britten hier erstmals in einer Komposition bedient. Die Passacaglia, ursprünglich ein spanischer Tanz in Variations­form über einer festen Basslinie, wurde von einigen Komponisten des 20. Jahrhunderts (u. a. Schostakowitsch) benützt, um Druck aufzubauen und das Paradoxon zwischen Stillstand und Fortbewegung darzustellen. Der besondere Reiz liegt im insistierenden Fortspinnen einer Idee. Für Britten wurde die Passacaglia ein häufig benütztes Stilmittel, um eine musikalische Idee zu entwickeln, ohne sie ihrer Grundsubstanz zu berauben – somit wurde diese alte Form in ihrer bloßen Definition eine Beschreibung von Brittens Kompositionsstil. Die Posau­nen stellen ein Thema vor, das neun­mal von der Solovioline variiert wird. Daran schließt sich eine pathetische Coda an, die der Solist mit einer Flut von versöhnlichen, klagenden, schmachtenden und gleichzeitig wieder aufreibenden Passagen beantwortet. Das Orchester untermalt mit zarten Akkorden die letzten Takte des Konzerts, das mit einer leeren Quinte der Orchesterstimmen verhallt. Darüber trillert die Solovioline einen im Nichts verhallenden Wechsel zwischen Dur- oder Moll. Der Komponist behält die erweiterte und letztlich nicht feststellbare Tonalität bis zur letzten Note bei.

    Benjamin Britten fand, sein Violinkonzert sei «zweifellos mein bestes Stück. Es ist recht ernst geworden, fürchte ich.» Die Uraufführung fand in New York am 28. März 1940 mit dem New York Philharmonic Orchestra unter Sir John Barbirolli statt, Solist war der bereits erwähnte Antonio Brosa. Das von Jascha Heifetz für «unspielbar» erklärte Konzert arbeitete Benjamin Britten 1950 um. Für viele Virtuosen gehört es zu den größten und schönsten Herausforderungen im gesamten Repertoire für Violine. Es ist ganz zweifellos eines der beeindruckendsten Instrumentalwerke aus Brittens Feder, das seinen Weg viel zu selten in den Konzertsaal findet.

    © NÖ Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Alexander Moore

    Gustav Holst

    «The Planets» Suite für großes Orchester op. 32

    Sätze

    • Mars, the Bringer of War

    • Venus, the Bringer of Peace

    • Mercury, the Winged Messenger

    • Jupiter, the Bringer of Jollity

    • Saturn, the Bringer of Old Age

    • Uranus, the Magician

    • Neptune, the Mystic

    Dauer

    51 Min.

    Entstehung

    1914-16

    Gustav Holsts weltberühmte Suite «The Planets» gehört zu den ganz wenigen Kompositionen, die von der Astrologie beeinflusst sind und hat im Jahr, in dem weltweit der 40. Jahrestag der ersten Mondlandung gefeiert wird, womöglich besondere Aktualität. In Holsts Leben nahm das Stück eine Schlüsselposition ein. Bis heute ist der Name Gustav Holst den meisten Musikliebhabern nur wegen dieses Opus magnum bekannt, übrige Werke standen und stehen im Schatten der siebenteiligen Suite. Dass der Komponist mit kaum einer anderen Komposition Bekanntheit erlangen konnte, gehört zu den Eigentümlichkeiten der Musikgeschichte und lastete nach diesem großen Erfolg schwer auf ihm.

    Seine kompositorischen Erfolge waren in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bescheiden, die Durststrecke zog sich bis in die frühen 1910er-Jahre. Wen verwundert es, dass er auf seinen ausgedehnten Reisen Zerstreuung suchte und womöglich besonders empfänglich für neue Ideen war? Sein großes Interesse an der Mystik und fremden Kulturen hatte sich schon davor in Musik ausgedrückt. Der Kontakt zum bereits erwähnten Clifford Bax und der daraus resultierenden Beschäftigung mit der Astrologie ließ in Holst die Idee reifen, die Planeten des Sonnensystems und ihre astrologischen Funktionen in Musik umzusetzen.

    Für Holst war alles da, was er brauchte, um einen großen Wurf zu Papier zu bringen: Die zündende Idee, ein tragfähiges Konzept, ausreichend musikalisches Wissen und die nötige Motivation. Vielleicht in Anlehnung an Schönberg und seine fünf Orchesterstücke nannte Holst die erste Skizzensammlung «Sieben Stücke für Orchester», es bestand aber kein Zweifel, dass hieraus die siebenteilige Suite «The Planets» entstehen sollte. Die sich aufdrängende Frage, warum es nur sieben und nicht neun Stücke waren, kann dadurch beantwortet werden, dass Pluto erst 1930 entdeckt wurde und zur Zeit der Entstehung (1914 – 16) somit unbekannt war. Eine Randbemerkung: 2006 wurde der Planetenbegriff neu definiert, wodurch Pluto seinen Status als Planet eingebüßt hat. Auch die Erde vertonte Holst nicht, weil ihr nach astrologischer Denkweise gänzlich andere Funktionen zufallen als den übrigen Gestirnen, die die Sonne umkreisen. Es blieben also sieben Planeten übrig, die Gustav Holst weder in der Entfernung zur Sonne oder zur Erde anordnete, sondern in der chronologischen Abfolge der Tierkreiszeichen, denen die Planeten zugeordnet sind – ein weiterer Beleg für die astrologische Durchdringung des Werks.

    Die Suite für großes Orchester «The Planets» gliedert sich in sieben einzelne Sätze, die jeweils spezifische Charakteristika einer astrologischen Entität beleuchten. Die folgenden Erläuterungen zur Musik werden daher in jedem Abschnitt von einer Reihe von Stichworten und Assoziationen eingeleitet, die einer astrologischen Betrachtung des Werks entnommen sind:

    «Mars, the bringer of war» (Stärke, Effizienz, Zerstörung, Aggression, männlich, ­eigensinnig, energisch, willensstark)Der Satz basiert auf einem durchgehend gepeitschten 5/4-Rhythmus. Die Blechbläser nehmen die thematische Führungsrolle ein und erzeugen effektvoll eine martialische Atmosphäre. Die tiefen Bläser grollen das aggressive Thema, das von den übrigen Instru­men­tengruppen in mehreren Etappen gesteigert wird. Das zweite Thema wird von den Posaunen vorgestellt und danach von den übrigen Blechbläsern entwickelt. Meisterhaft verschiebt Holst den tonalen Schwerpunkt um Nuancen – das Zentrum mäandert von C nach H, dann nach Des zurück und schließlich wieder nach C: ein verbissenes Kräfteringen, gefasst in Musik. Es folgt ein fanfarenartiges drittes Thema (Tenortuba), das mit Unterstützung der Trompeten ein scharf gezeichnetes Gesicht erhält. Einer Überleitung folgt der Wettstreit der Themen, die aufgespaltet und gegeneinander geworfen werden. Wir sind Zeugen eines Kampfes auf Leben und Tod, der sich glücklicherweise nur in der Partitur abspielt. Unerbittliche Schläge zertrümmern diese Szenerie und markieren das Ende des Satzes.Es ist einer jener merkwürdigen Zufälle, dass zum Zeitpunkt der Uraufführung der «Planeten» der erste Weltkrieg schon so gut wie vorbei war und man erkannt hatte, welch grauenhafte Entwicklung die Industrialisierung genommen hatte. Aufmärsche gigantischer Armeen, die Mechanisierung durch Panzer, Maschinengewehre und Giftgas, die unerbittliche Maschinerie der modernen Kriegsführung – all das meinte das Publikum als musikalische Reaktion auf den entsetzlichen Krieg zu hören. Tatsächlich war dieser Satz, wie alle übrigen auch, bereits vor 1914 fertig skizziert worden. Holst hatte mit seiner Musik zwar einen kriegerischen Charakter erzielen wollen, sich dabei aber bestimmt nicht auf den faktischen Weltkrieg bezogen.

    «Venus, the bringer of peace» (Friede, Schönheit, Ausgewogenheit, Lieblichkeit, Passivität, weiblich, emotional)Der zweite Satz ist ein durchwegs überzeugender Kontrast zu der dramatischen Einleitung der Orchestersuite. Die drei Themen in diesem Satz sind alle miteinander eng verwandt und treten niemals in Konkurrenz zueinander. Hörner spielen das friedvolle erste Thema und werden dabei von den Holzbläsern unterstützt. Streicherzerlegungen schaffen einen romantischen Klangteppich, auf dem sich eine Solovioline mit einer kurzen Kantilene vorstellt. Im Wechselspiel von lyrischen Melodiebögen und dem unaufdringlichen Pulsieren der Bläser entsteht das Bild von verklärter Entrücktheit. Die Venus in diesem Stück ist keine Liebesgöttin, sondern tatsächlich der hellste Stern am Abendhimmel, zu dem man in friedlichen Augenblicken aufschauen mag.

    «Mercury, the winged messenger» (Schnelligkeit, Geschäftigkeit, Kommunikation, erfindungsreich)Der Merkus ist ganz in der Manier eines Scherzos im 6/8-Takt komponiert. Die flackernden Kontraste zwischen den Holzbläsern und gedämpften Streichern schaffen eine leichtfüßige Atmosphäre, die in Ansätzen volksliedhafte Züge trägt. Das zentrale Stichwort des kurzen Satzes ist «Wendigkeit» und so eilt der Brennpunkt von einer Instrumentengruppe zur nächsten, ohne sich irgendwo zu manifestieren. In einem Buch über Astrologie, das sich in Holsts Besitz befand, wurde dem Merkur größte Anpassungsfähigkeit attestiert – diese Eigenschaft finden wir meisterhaft in Musik umgesetzt wieder.

    «Jupiter, the bringer of jollity» (Freude, Würde, Großzügigkeit, Selbstbewusstsein, heiter, hoffnungsvoll)Der Jupiter ist eindeutig das fröhlichste und lebhafteste Stück der Suite. Holst selbst bemerkte zu dieser Musik, dass Jupiter nicht nur Glück im allgemeinen Sinn bringe, sondern auch religiöses und nationales Feiern symbolisiert. Dem festlichen Charakter entsprechend, werden auch fast alle Themen des Satzes von Blechbläsern eingeführt. Sie alle vermitteln lebensbejahende Freude, gesellige Einmütigkeit und Eintracht. Selbst in der langsamen Mittelpassage kommt ein Gefühl von Erhabenheit auf, das intuitiv das große Kollektiv zu beschwören scheint. Das Ende des Satzes ist wiederum eine Gegenüberstellung der flotten Themen, die eilig durcheinander wirbeln und sich schließlich in den festlich geschmetterten Schlussakkorden wiederfinden.

    «Saturn, the bringer of old age» (Vergänglichkeit, Melancholie, Akzeptanz, geduldig, beständig)Der Saturn war Gustav Holsts persönlicher Lieblingssatz der Suite und stellt einen Abgesang auf das Leben dar. Aufgehängt an pulsierenden Akkorden der Flöten und Harfen erklingt das erlahmende Lamento der Kontrabässe, die an einen beschwerlichen Gang erinnern. Das Thema wird von den übrigen Streichern und den Holzbläsern aufgegriffen – immer wieder erklingt die markante Seufzerfigur im großen Sekundschritt unter den langsamen Flöten- und Harfenakkorden. Die Dramatik steigert sich und artet zu einer wuchtigen Prozession aus, die letztlich in Resignation steckenbleibt – ein Bild für den leiblichen Tod? Für den spirituell veranlagten Komponisten Holst ist das aber kein Schlusspunkt: Die Szene vom Beginn des Satzes wiederholt sich – diesmal hat der Gesang der Bässe aber etwas Verklärtes, Erhabenes. Die ehemals langsam pulsierende Begleitung der Flöten und Harfen wird in sphärisch anmutende Akkordzerlegungen ausgebaut, die Streicher begleiten den langsamen Aufstieg ins Elysium.

    «Uranus, the magician» (Umwälzung, Sprunghaftigkeit, Virtuosität, erfindungsreich, listig)Der Uranus legt zu Beginn einen effektvollen Auftritt hin, indem er sich mit einer strengen Blechbläserfigur ankündigt, die die Pauke verknappt wiederholt. Der kurzen Einleitung folgt eine kecke Passage, die unweigerlich an den «Zauberlehrling» von Paul Dukas erinnert: Scharf punktierte Streicherfiguren spielen eine geisterhafte, unstete Tanzmusik, zu der irrlichternde Figuren herumflitzen. Die Blechbläser intonieren ein zünftiges Thema, das sich im Nichts verliert. Die düstere Fanfare vom Beginn leitet eine neue Entwicklung ein, in der das Bläserthema im punktierten Rhythmus aufgebrochen wird. Die Szene steigert sich zur aberwitzigen Pointe und stürzt danach ins Bodenlose. Aus den Niederungen kämpft sich einmal noch das kecke Motiv mit aufgesetzter Fanfare herauf.

    «Neptune, the mystic» (Sensibilität, das «höhere Ich», Übergang zum Jenseitigen, feinfühlig, geheimnisvoll)Der Neptun erhebt die Suite – in seiner Funktion als Schlusssatz einerseits und durch seinen überirdischen Charakter andererseits – endgültig ins Extraterrestrische. Flöten und Bassflöten umspielen einander schwerelos, die Harfe streut ein paar Lichtfunken dazu. Die Violinen greifen den musikalischen Gedanken auf und führen ihn weiter; Flöten und Holzbläser steigern nun das Tempo, ohne den ruhigen Charakter der Musik zu beeinträchtigen. Irisierende Klangflächen von monumentaler Größe entstehen und lenken den Blick in die schier unendlichen Weiten des Alls. Es ist an der Zeit, den letzten Schritt in die geheimnisvolle Welt des Universums zu wagen, scheint der wortlose Sirenengesang des Chors zu locken. Mit einer sich perpetuierenden Phrase entschwebt der mystische Neptun ins Unendliche.

    Die Suite «The Planets» stellt ein Meisterwerk der Programmmusik an der Schwelle von der ausgehenden Romantik zur Moderne dar und hat ihren verdienten Platz im Repertoire eingenommen. Eine geradezu schamlose Ausplünderung des Werks seitens der Unterhaltungsindustrie war der Rezeption bestimmt nicht zuträglich. Alleine die Häufigkeit, mit der der  «Mars»-Satz in Dokumentarfilmen über kriegerische Ereignisse eingesetzt wurde und wird, erwies weder dem Werk noch seinem Schöpfer einen  guten Dienst. Zu den positiven Auswirkungen der Suite gehören sicherlich Holsts immense kompositorische Errungenschaften, die durch Musenküsse an unzählige Filmmusikschaffende weitergegeben wurden und so bis heute weiterleben.

    © Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft m.b.H. | Alexander Moore