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Sektionen

Archiv: Beethoven

Wien Musikverein | Großer Saal

Interpreten

Programm

John Storgårds und die Tonkünstler erzählen eine Heldengeschichte, die drei spannende Kapitel umfasst: In Beethovens einziger Oper, «Fidelio», schleicht sich Leonore verkleidet in ein Gefängnis ein, um ihren zu Unrecht eingesperrten Mann Florestan zu befreien – erst das rettende Trompetensignal am Schluss kündigt die Ankunft des Ministers an, der der Ungerechtigkeit ein Ende bereitet. Die Trompete ist auch der tönende Held in Brett Deans Konzert «Dramatis personae», das 2013 im Auftrag des Grafenegg Festivals entstand und das Soloinstrument wie einen Superhelden behandelt. Solist ist niemand Geringerer als Håkan Hardenberger, für den das Stück geschrieben wurde und der es in Grafenegg auch uraufführte. Am Ende kommt Beethoven wieder selbst ausführlich zu Wort: Seine Symphonie Nr. 8 ist das kräftige Lebenszeichen eines wahren Musikhelden!

Håkan Hardenberger

© Marco Borggreve

Biografie

Geboren in Malmö, begann Håkan Hardenberger im Alter von acht Jahren mit dem Spiel der Trompete. Später studierte er an der Pariser Musikhochschule. Inzwischen hat er sich zu einem der führenden Botschafter für Neue Musik profiliert und gibt Konzerte mit führenden Orchestern und Dirigenten. Etliche der für Hardenberger geschrieben Werke haben den Weg ins Standardrepertoire für Trompete gefunden. Stücke von Hans Werner Henze, Olga Neuwirth, Arvo Pärt und Mark-Anthony Turnage gehören ebenso dazu wie HK Grubers Konzert «Aerial», dessen 70. Aufführung Hardenberger im April 2015 mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Andris Nelsons spielte. Im Sommer 2015 kehrte er mit Brett Deans Trompetenkonzert «Dramatis personae» zum Tanglewood Music Festival zurück, gefolgt von einer Tournee mit dem Boston Symphony Orchestra.

Neben dem Eröffnungskonzert der neuen Konzerthalle in Malmö gastiert Hardenberger in der laufenden Konzertsaison unter anderem bei der Dresdner Staatskapelle, beim BBC Scottish Symphony Orchestra, bei den Göteborger Symphonikern und beim Bergen Philharmonic. Kürzlich wurde er zum künstlerischen Leiter des neuen Malmö Kammermusikfestivals ernannt, das im September 2016 erstmals stattfindet. Hardenbergers Diskographie umfasst unter anderem eine Einspielung seiner Lieblings-Filmmusiken mit der Academy of St Martin in the Fields. Er ist Professor am Malmö Conservatoire.

Stand

2016

John Storgårds

© Marco Borggreve

Biografie

Als ständiger Gastdirigent des BBC Philharmonic Orchestra und des National Arts Centre Orchestra Ottawa gehört John Storgårds zu den herausragenden finnischen Musikern, die die Welt der klassischen Musik als Dirigent und als Violinvirtuose erobert haben. Von 2008 bis 2015 war er Chefdirigent des Helsinki Philharmonic Orchestra. Storgårds arbeitet regelmäßig mit herausragenden Solisten wie Håkan Hardenberger, Christian Tetzlaff, Yefim Bronfman, Sol Gabetta, Jean-Yves Thibaudet und Sabine Meyer zuammen. Er brachte Kompositionen von Brett Dean, Kaija Saariaho, Per Nørgård und Mark Anthony Turnage zur Uraufführung; viele dieser Komponisten haben John Storgårds ihre Werke gewidmet.

Als Geiger spielte er die finnische Premiere der von Schumann selbst verfassten Version seines Cellokonzertes für Violine. Höhepunkte dieser Saison umfassen den Auftritt bei den BBC Proms sowie den Antritt seiner Position als erster Gastdirigent beim National Arts Centre Orchestra Ottawa. Storgårds´ Diskographie beinhaltet unter anderem Aufnahmen von Schumann, Mozart, Beethoven und Haydn. Mit dem BBC Philharmonic Orchestra spielte er eine von der Kritik gefeierte CD-Box mit allen Sinfonien von Sibelius ein. Storgårds´ Einspielung von Pe¯teris Vasks´ zweiter Symphonie und dem Violinkonzert, bei der Storgårds selbst den Solopart übernahm, gewann 2004 den Cannes Classical Disc of the Year Award.

Stand

2016

Ludwig van Beethoven

«Leonore» Ouvertüre Nr. 3 op. 72b

Sätze

  • Adagio - Allegro

Dauer

14 Min.

Entstehung

1806

Ludwig van Beethovens einzige Oper, «Fidelio», hat eine komplizierte Entstehungsgeschichte. Sie erlebte Uraufführungen von drei verschiedenen Versionen. Nach der Premiere im Jahre 1805 im Theater an der Wien wurde «Fidelio» in der ersten Fassung nur noch zwei Mal gespielt. Aber auch der ein Jahr später im selben Theater herausgekommenen Version, nunmehr unter dem Titel «Leonore» und von drei auf zwei Akte gerafft, war kein Erfolg beschieden. Nach nur zwei Vorstellungen verschwand sie wieder vom Spielplan. Das Publikum konnte offenbar mit der Mischung von einem heroischen Stoff aus der französischen Revolutionszeit mit Elementen der Opéra comique nicht allzu viel anfangen. Die Musik Beethovens hatte sich aber bei Kennern wohl doch als überaus qualitätsvoll und dramatisch wirkungsvoll im Gedächtnis festgesetzt, jedenfalls trat 1814 die Direktion der Hofoper wegen einer Wiederaufführung an den Komponisten heran, der daraufhin das Werk nochmals einer gründlichen Überarbeitung auf einen ebenfalls revidierten Text unterzog. Mit der Uraufführung dieser dritten Fassung unter dem ursprünglichen Titel «Fidelio» im Mai 1814 im Wiener Kärntnertortheater begann die bis heute unvermindert anhaltende Erfolgsgeschichte dieser Oper.

Hinter dem heldenhaften Kampf eines einzelnen Menschen um Gerechtigkeit stand für Beethoven ganz allgemein der Freiheitskampf jedes Volkes gegen unterdrückende Herrscher. Dieses Thema beschäftigte Beethoven sein Leben lang und löste auch noch mehrere andere, visionäre Werke aus, man denke nur an die Symphonie Nr. 9 mit dem Finale über einen Text von Friedrich von Schiller. In der Oper widmete sich Ludwig van Beethoven einerseits mit ergreifender musikalischer Intensität dem mutigen Einsatz Leonores, die, als Mann verkleidet, in einem Gefängnis des Diktators einen Hilfsdienst annimmt, um ihren dort aus politischen Gründen gefangen gehaltenen Gatten Florestan befreien zu können. Der Moment, in der aus der Ferne das Trompetensignal das Eintreffen des gerechten Ministers ankündigt, womit Leonore und Florestan vor der Ermordung durch den Unterdrücker Pizarro gerettet werden, ging in die Operngeschichte ein.

Er ist auch der Gänsehaut auslösende Mittelpunkt der zweiten und der dritten «Leonoren»-Ouvertüre, die Beethoven für die Aufführungen der ersten beiden Fassungen der Oper komponierte. Die mit Nr. 1 und anderer Opuszahl versehene «Leonoren»-Ouvertüre entstand vermutlich erst wenige Jahre später für eine Aufführung der Oper in Prag. Für die an der Hofoper angesetzte Neu- und Letztfassung des «Fidelio» schrieb Beethoven dann überhaupt eine vollkommen neue, musikalisch nicht mehr auf kommende Opernpassagen Bezug nehmende Ouvertüre, die ausschließlich die Funktion einer dramatischen Aufheizung hat. Von den drei «Leonoren»-Ouvertüren setzte sich die als Nummer drei gereihte im Laufe der Jahrzehnte als eigenständige Konzertouvertüre durch, wird aber gelegentlich auch noch vor dem Finale der Oper, direkt aus dem Befreiungsduett von Florestan und Leonore hervorgehend, als rein instrumentale Zusammenfassung des eben auf der Bühne Geschehenen eingeschoben. Die Ouvertüre führt in ihrem langsamen Einleitungsteil direkt in die finstere Gruft des Gefängnisses und ruft mit Arienzitaten noch einmal die verzweifelte Lage Florestans in Erinnerung. Im Allegro führt Beethoven ein neues Thema ein, das von einer unbändigen Energie erfüllt ist: vorwärts in die Freiheit. Dann ertönt zwei Mal das Signal der Trompete aus der Ferne. Tastend und zögerlich nur ist zunächst die Reaktion auf das Befreiungszeichen, ehe die Flöte in einem berührenden Aufbruch das Freiheitsthema anstimmt und schließlich das ganze Orchester mitreißt. Noch einmal halten alle inne ? ehe ein furioser Einsatz der Geigen, dem alle anderen Streichergruppen folgen, einen grenzenlosen Presto-Jubel einleitet.

© Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz

Brett Dean

«Dramatis personae» Konzert für Trompete und Orchester

Sätze

  • Fall of a Superhero

  • Soliloquy

  • The Accidental Revolutionary

Dauer

28 Min.

Entstehung

2013/14

Der Kompositionsauftrag des Grafenegg Festivals für das Trompetenkonzert «Dramatis personae» gab Brett Dean 2013 Gelegenheit, auf mehreren Ebenen seine künstlerische Fantasie auszuleben. «Die Trompete ist ein sehr spezielles Instrument», sagt er. «Als Signalgeber hat die Trompete natürlich eine Funktion, die ihr quasi vorbestimmt ist. Sie kann im Alleingang ein ganzes Orchester meistens übertönen und sich dabei bemerkbar machen. Die Trompete hat etwas zu sagen, sie ist eine Verkünderin - darum hat es mir auch so gut gefallen, dass wir das Konzert in Grafenegg mit der Leonoren-Ouvertüre von Beethoven eröffnen, in dem das Trompetensignal den Sieg der Gerechtigkeit ankündigt.» Brett Dean, der als ausgebildeter Bratschist häufig mit Problemen der Balance zu tun hat, konnte sich im Fall des Trompetenkonzerts also von einer wichtigen Sorge befreit sehen: «Die Trompete hat nicht nur Kraft, sie kann auch ungeheuer süß und empfindsam klingen. In dem Instrument stecken viele Charaktere. Darum lasse ich die Trompete, die ich in gewisser Weise als Protagonist einer Handlung höre und sehe, in drei Sätzen verschiedene Stadien durchlaufen.»

«Dramatis personae» beschreibt den Weg eines heroischen Charakters, eines «Superhelden», wenn man so will. Durchaus der schillernden Welt aus Actionfilmen und Comics entnommen, aber tief verwurzelt in den echten Gefühlen, die eng mit dem Heldentum verknüpft sind, schuf Brett Dean drei Tableaus, in denen der Held - die Trompete also - seinen Weg auf dieser Welt beschreitet. Brett Dean: «Alle drei Sätze sind quasi dramatisch in ihrem Charakter, aber es ist keine theatralische Musik, die eine konkrete Geschichte erzählt. Ich wollte nichts Satirisches komponieren, das Stück ist dabei aber auch nicht todernst.» Im ersten Satz, Fall of a Superhero, begegnen wir der Trompete als der Verkörperung des Guten, während das Orchester die Rolle des ewigen Gegenspielers einnimmt. Das Individuum, das sich gegen eine Masse (das Orchester) stemmt, bildet im Wesentlichen das Programm des Eröffnungssatzes. Verblüffend ist dabei, mit welcher Leichtigkeit sich das kleine Soloinstrument gegen das Orchester behaupten kann. Nur im Tutti ist auch die einzelne Trompete der klanglichen
Wucht des Orchesters unterlegen, was sich auch in einer musikalischen Niederlage gegen Ende hin ausdrückt und damit dem Satztitel gerecht wird. Anklänge an Filmmusik sind dabei durchaus beabsichtigt.

Bei der Ausarbeitung des Soloparts dachte der Komponist an einige der populären Superhelden, die uns aus der jüngeren Geschichte bekannt sind. Dabei interessierte sich Brett Dean besonders für die Charaktere, die eine menschliche Schwäche in sich tragen. «Helden, die für Ihr Heldsein einen Preis zahlen mussten», wie es Brett Dean ausdrückt. Inspiriert von der Struktur in der Lemminkäinen-Suite von Jean Sibelius - ein Werk, das sich ganz um einen «Superhelden» der finnischen Sagenwelt dreht - konzipierte Brett Dean den Kopfsatz so, dass eine musikalische Erzählung stattfinden kann. Tiefe Blechbläser eröffnen die Szene, wie aus dem Nichts platzt der Protagonist mit markanten Rhythmen herein. Doch der Auftritt ist alles andere als ein schneller Sieg, im Gegenteil: erst allmählich gewinnt die Trompete ihre Kräfte, kontrastiert von hohen Streichern und Schlagwerk. Es kommt schließlich zum «Showdown», die Trompete verliert gegen die Masse des Orchesters und gibt sich mit stotternden, fast menschlichen Lauten geschlagen.

Der Mittelsatz «Soliloquy» ist nach einer besonderen Form des Monologs benannt, in der ein Schauspieler die Bühne für sich alleine hat. In einer Phase des Innehaltens entwickelt sich das unausgesprochene Programm der Reflexion über das eigene Ich. Die Trompete tritt «dunklen» Bläsern gegenüber. Besonders prominent sind die fallenden Kaskaden von Klarinetten und Altflöten, die den hellen Klang der Trompete kontrastieren. Einem bewegten Mittelteil folgt die in Solokonzerten übliche Kadenz; ein musikalischer Moment, in dem das Soloinstrument quasi im Alleingang Ideen präsentiert und verarbeitet. Nicht nur als Möglichkeit, virtuose Fähigkeiten auszuspielen, sondern auch als Projektionsfläche für das eigene Musikverständnis des Solisten, war die Kadenz im Lauf der Geschichte ein wichtiges Charakteristikum von Solokonzerten. In Brett Deans Trompetenkonzert ist es ein auskomponiertes Nachdenken des Protagonisten über das Leben des Superhelden, jener Moment, in dem alles auf dem Spiel steht, auch die eigene Existenz.

Den dritten Satz des Konzerts, «The Accidental Revolutionary», fokussiert Brett Dean auf den zufälligen, vielleicht sogar ungewollt komischen Aspekt des Heldentums. In einer berühmt gewordenen Szene aus dem Film «Modern Times» von und mit Charlie Chaplin ergibt es sich, dass unser Held eine Fahne aufhebt, die von einem Lastwagen heruntergefallen ist. Er schwenkt die Fahne hinter dem davonfahrenden Fahrzeug, um den Fahrer zum Anhalten zu bewegen - und sieht dabei nicht, dass er eine heranmarschierende Menge von streikenden Arbeitern in seinem Rücken damit anzuführen beginnt. Dieses ungewollte Spiel zwischen Impuls und Antwort wollte Brett Dean musikalisch umsetzen. So beginnt der Satz mit kleinen «embryonischen Zellen», die ebenso kleine Reaktionen hervorrufen. Im gegenseitigen Aufschaukeln schwillt die Musik mehr und mehr an, als passende Grundlage dient dem Komponisten ein alter russischer Marsch, an den Anklänge in die Partitur eingeflochten sind.

Aber auch Charles Ives, der in manchen seiner Kompositionen spektakuläre Klangsteigerungen aus scheinbar unzusammenhängenden Quellen einbaute, stand Modell für das Finale von «Dramatis personae». Alles endet mit einem schauspielerischen Auftritt der Trompete, die nicht nur musikalisch, sondern auch sinnbildlich ihren Platz verlässt und sich zu ihresgleichen gesellt. Die Mobilisierung ist vollkommen, der Aufbruch in neue Zeiten beginnt.

© Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Alexander Moore

Ludwig van Beethoven

Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93

Sätze

  • Allegro vivace e con brio

  • Allegretto scherzando

  • Tempo di Menuetto

  • Allegro vivace

Dauer

27 Min.

Entstehung

1812

Die Symphonie Nr. 8 F-Dur op. 93 ist Ludwig van Beethovens kürzeste Symphonie. Nach den Vorstößen in vollkommen neue symphonische Gefilde besonders mit den Symphonien Nr. 3, 5 und 7 erscheint die Achte wie eine Rückbesinnung auf ein klassisches Grundmodell und auf Haydn. Das kompakte Werk ist allerdings hochexplosiv und enthält neuartige Substrate, die für das weitere Gedeihen der Gattung Wirkung zeigten. Viele Skizzen zum ersten Satz weisen auf eine ursprüngliche Konzeption als Klavierkonzert hin. Irgendwann schwenkte Beethoven aber zur Symphonie um, die er hauptsächlich im Sommer und Herbst des Jahres 1812 komponierte. In Linz, wo sich Beethoven in Familienangelegenheiten wegen seines Bruders Johann aufhielt, begann er offenbar mit der Niederschrift der Partitur der weitgehend fertig skizzierten Symphonie. Jedenfalls findet sich auf der Originalhandschrift der Hinweis «Sinfonia Lintz im Monath October 1812».

Keine andere Symphonie Beethovens, ja kaum ein anderes symphonisches Werk beginnt derart unvermittelt, ohne Einleitung und jede Vorbereitung. Das ganze Orchester fällt mit dem Hauptthema in den ersten drei Takten mit der Tür ins Haus. Nach einem kurzen Atemholen in den Holzbläsern und Hörnern breitet sich das Thema mit langgezogenen Punktierten und großen Intervallsprüngen aus. Auch das Seitenthema hat durch seinen synkopischen Anfang etwas Drängendes an sich und mündet nach zahlreichen Sforzato-Akkorden in einer von Punktierten und Oktavsprüngen angetriebenen Schlussgruppe. Nach der siebten Symphonie, in der Beethoven die Kraft des Rhythmischen an sich thematisierte, setzte er sich in der folgenden achten Symphonie mit rhythmischen Phänomenen auseinander. Der erste und der dritte Satz stehen im ungeraden Dreivierteltakt, der zweite und der vierte Satz im geraden Zweiviertel- bzw. Alla-breve-Takt. Das Tänzerische, das in der Siebten zur «Apotheose» (Richard Wagner) wurde, spielt auch in der Achten eine maßgebliche Rolle, wird dabei aber überzeichnet und gerät mitunter zur Parodie.

Der Komponist spielt mit herkömmlichen Hörerwartungen, die er in den vier Sätzen immer wieder mit überraschenden Gegenbewegungen durchkreuzt ? worin er diesbezüglichen Unternehmungen des für ihn beispielhaften Symphonikers Joseph Haydn folgt. Im Kopfsatz, Allegro vivace, wird die Betonung in den Steigerungen des Hauptthemas in der Durchführung und in der Coda auf den zweiten und dritten Taktteil verlagert, womit dem Thema droht, aus der Bahn geworfen zu werden. Am Ende fixiert es Beethoven aber dann durch mehrere simple Dreier-Akkordfolgen im gesicherten Metrum. Im Pianissimo kann sich das Thema aus dem Satz drehen und verschwindet so abrupt, wie es aufgetaucht ist. Für einen langsamen Satz besteht in diesem Werk kein Platz. Im folgenden zweiten Satz, einem Allegretto scherzando, wurde in den gleichbleibenden, im Staccato tickenden Sechzehntel-Noten eine Parodie Ludwig van Beethovens auf das von seinem Zeitgenossen Johann Nepomuk Mälzel erfundene Metronom vermutet, was aber nicht den historischen Fakten entspricht, da das Metronom erst 1815, also mehrere Jahre nach der Komposition der Symphonie, funktionstüchtig war. Beethoven widmet sich in diesem Satz vielmehr allgemein und mit Augenzwinkern dem Taktschlagen in der Musik und den Irritationen durch unerwartete Wendungen. Das metrische Ticken gerät mehrmals aus den Fugen oder mündet in heftigen Schüttelanfällen, verursacht durch Vierundsechzigstel-Noten in den Streichern.

Im dritten, Tempo di Menuetto überschriebenen Satz kehrt Beethoven zum klassischen Menuett zurück, aber nicht etwa, um diesem zu seiner Zeit schon altmodischen Tanz zu huldigen, sondern um sich mit ihm einen Spaß zu erlauben. Damit es nicht aus dem Tritt kommt, muss sich das ergraute Tänzchen ganz stur am Metrum festhalten. Der sichere Grundschritt wird ständig überbetont. Am Ende setzen die Holzbläser aber doch zu früh ein und bringen das Menuett ins Wanken. Der im Trio folgende Ländler kann sich auch nicht ganz ungestört entfalten - permanent versetzen ihn nervöse Achtel-Triolen in den Violoncelli in Unruhe und treiben ihn an. Im Finale, Allegro vivace, treibt Beethoven das Scherzen auf die Spitze. In das auf leisen Sohlen dahinhuschende Hauptthema fährt zwischendurch im Fortissimo das ganze Orchester drein. Das Fagott und die Pauke treten der Masse aber mutig mit behänden Oktavsprüngen entgegen und lösen einen motorischen Wettlauf aus, der in martialischen Episoden und schließlich in einer aberwitzigen Koda mündet. Virtuose Tonskalen, hüpfende Akkorde und vehemente Orchesterschläge gaukeln einen triumphalen Abschluss vor. Die symphonische Wirklichkeit aber ist hier schwarzer Humor.

© Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz