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Pjotr Iljitsch Tschaikowski

«Der Nussknacker» Ballettsuite op. 71a

Sätze

  • I. Miniatur-Ouvertüre. Allegro giusto

  • II. Charaktertänze:

  • a) Marsch. Tempo di marcia viva

  • b) Tanz der Zuckerfee. Andante non troppo

  • c) Russischer Tanz. Tempo di Trepak, molto vivace

  • d) Arabischer Tanz. Allegretto

  • e) Chinesischer Tanz. Allegro moderato

  • f) Tanz der Rohrflöten. Moderato assai

  • III. Blumenwalzer. Tempo di Valse

Dauer

25 Min.

Entstehung

1892

Pjotr Iljitsch Tschaikowski hätte sich in den letzten Jahren seines Lebens freuen können über die wachsende Anerkennung seiner Musik, sowohl daheim als auch im Ausland. Ein bleibendes Glücksgefühl über seine Erfolge wollte sich bei ihm jedoch nicht einstellen, stattdessen wuchs mit den äußeren Triumphen eine innere Leere, die 1893 zum Selbstmord führen sollte. Dabei spielten gewiss zahlreiche Umstände mit, wobei der Tod seiner Schwester Alexandra im Frühjahr 1891 und vor allem der Bruch mit Nadeshda von Meck, seiner langjährigen Brieffreundin und großzügigen Gönnerin, seine Stimmung nur weiter niederdrückten. Doch zurück zu den lichten Seiten seines Lebens.

Im Dezember 1890 wurde am Mariinski-Theater in St. Petersburg Tschaikowskis Oper «Pique Dame» mit großem Erfolg uraufgeführt. Im Anschluss wurde ihm umgehend ein neues Projekt des Hofballetts unterbreitet: Er sollte zwei kürzere Werke komponieren, eine Oper und ein Ballett, die gemeinsam an einem Abend präsentiert werden konnten. Gesagt, getan: Schon im Februar 1891, nach Fertigstellung seiner «Hamlet»-Ouvertüre, machte sich Tschaikowski an das Ballett «Der Nussknacker». Wie es der Zufall wollte, kam gerade damals ein neues Instrument auf den Markt, die Celesta. Tschaikowski war fasziniert von dem gläsernen Klang und beschloss, es in beiden neuen Werken zu verwenden. Im März stand eine USA-Tournee an, auf der er in Konzerten in Baltimore, Philadelphia und New York gefeiert wurde. Ende Mai verließ er die USA und kehrte nach Russland zurück, um sich sogleich an den Schreibtisch seines Arbeitszimmers in Maidanowo zu begeben und die Arbeit an der Oper «Yolanthe» und dem «Nussknacker» (auf russisch «Schtschelkuntschik») fortzuführen.

Das vom berühmten Ballettmeister des Mariinski-Theaters, Marius Petipa, entworfene Szenario basiert auf Alexandre Dumas’ Version von E.T.A. Hoffmanns Erzählung «Nussknacker und Mäusekönig»: Die blinde Prinzessin Klara bekommt zu Weihnachten von ihrem Patenonkel Drosselmeyer einen Nussknacker geschenkt, der umgehend ihre Fantasie zu Höhenflügen reizt. Das Mädchen legt sich schlafen und träumt sich in eine Welt, in welcher der Nussknacker als Anführer des Spielzeugsoldaten-Heers gegen den Mäusekönig kämpft. Es kommt, wie es kommen muss: Der Nussknacker siegt und verwandelt sich in einen Prinzen. Gemeinsam reisen sie im zweiten Akt in das Zauberschloss von Zuckerburg, in dem in Abwesenheit des Prinzen die Zuckerfee herrscht. Dort feiern die Fee, der Prinz und alle lebendig gewordenen Süßigkeiten zu Ehren des Mädchens ein großes Fest mit Tänzen und allerlei reizvollen Figurationen.

So reizend die Geschichte sich auch liest, so wenig erweckte sie in Tschaikowski allzu große Begeisterung. Dennoch schuf er eine Partitur, welche die an sich harmlose Geschichte, wenn schon ohne Tiefgang, so doch mit einer Vielzahl an einfallsreichen Melodien und einer musikalischen Gestaltung vornahm, die diesen traumhaften Ausflug in das Spielzeug- und Süßigkeitenland unmittelbar erfassbar macht. Das Instrument mit dem «himmlisch süßen Klang», wie Tschaikowski bewundernd über die Celesta schwärmte, behielt er der Charakterisierung der Zuckerfee vor. Für große Gefühle hatte Petipa an sich keine Gestaltungsmöglichkeiten in seinem rigorosen (auf zwei, dennoch knappe Akte erweiterten) Ballettlibretto gelassen, dafür jedoch viel Gelegenheit, den Fantasiefiguren ihr ganz eigenes, puppenhaftes Leben einzuhauchen. Und ob nicht Glanzstücke wie der «Blumenwalzer» doch ausreichend über bloße Spielerei hinaus auch andere Sinne ansprechen? Bedenkt man, wie erfolgreich der «Nussknacker» heute ist – er zählt zu den meistgespielten Balletten überhaupt –, so scheint Tschaikowski doch einen Nerv getroffen zu haben. Und wenn es nicht die Laune der Erwachsenen ist, so fand er auf jeden Fall den richtigen Ton für die Kinder, die Jahr für Jahr rund um Weihnachten am «Nussknacker» ihre Freude haben.

Die Uraufführung ging, wie geplant gemeinsam mit «Yolanthe», am 18. Dezember 1892 über die Bühne des Mariinski-Theaters in St. Petersburg. Der Erfolg blieb diesmal wenn schon nicht aus, so doch in bescheidenen Grenzen. Zu viele kleine Szenen verstellten dem Publikum die Sicht auf das Ganze. Doch wurde die kurzweilige Musik des «Nussknacker» schon bei der Uraufführung günstiger bewertet als die Handlung und die – an diesem ersten Abend – überbordende Inszenierung. Für die heutige konzertante Aufführung hat Antonio Pappano eine abwechslungsreiche Suite aus den herrlich charakteristischen Stücken des zweiten Akts zusammengestellt.

© Grafenegg Kulturbetriebsges.m.b.H. | Markus Hennerfeind