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Sektionen

Jean Sibelius

«Aallottaret» | «Die Okeaniden» Tondichtung op. 73

    Dauer

    10 Min.

    Entstehung

    1914

    Der finnische Komponist Jean Sibelius lebte mehr als ein halbes Jahrhundert in einem Waldhaus, das nach dem Vornamen seiner Ehefrau Aino den Namen Ainola trug. Das Haus lag «am Ende des Sees» - so lautet die deutsche Übersetzung der Ortschaft Järvenpää. Der See Tuusulanjärvi zieht sich über eine Länge von etwa sieben Kilometern, umsäumt von Wald, in die Landschaft Uusimaa im Süden von Finnland. In Ainola entstanden fünf der sieben Symphonien von Sibelius und viele seiner Tondichtungen. Abgesehen von Konzert- und Urlaubsreisen verbrachte Sibelius sein Leben in Ainola. Täglich begab er sich nach den Erinnerungen seiner Tochter Margareta Jalas «auf einen langen Spaziergang in den Park und in den Wald Ainolas».

    Sibelius fühlte sich eins mit der Natur. «Wilde Schwäne schwimmen auf unserem See - im Morgengrauen werden sie sich zum Flug erheben. Auch wenn ich sie jetzt nicht einmal sehen kann, freue ich mich darüber, dass ich dieselbe Luft atme wie sie.» 1914 komponierte er im Auftrag des Norfolk Festivals in den USA eine Tondichtung, der er den Titel «The Oceanides» gab. Im Gegensatz zu vielen seiner von der nordischen Mythologie inspirierten Werke wurden «Die Okeaniden» von der antiken griechischen Mythologie angeregt: von den nach dem griechischen Dichter Hesiod «schlankfüßigen Töchtern des Okeanus, die da, weitzerstreut, die Erde und Tiefen der Ursee überallhin durchwandern, der Göttinnen herrliche Kinder». In finnischer Sprache wählte der Komponist den Titel «Aallottaret», was «Töchter der Wellen» heißt, deren Tanz durch das Wasser Sibelius zunächst in hellen, sonnendurchfluteten Klängen komponierte. Auf dem Wasser funkeln Lichtpartikeln. Eine prickelnde und in mikrotonalen Farben leuchtende Wassermusik. Langsam und leicht bewegen sich die Wellen des Wassers in den Streichern auf und ab, ehe sie sich in Flötenfiguren kräuseln und in den tieferen Streichern zu schäumen beginnen.

    Sibelius komponierte auch den Naturraum mit: Mehr und mehr breiten sich von verschiedenen orchestralen Richtungen Klangwellen aus. Die Unberechenbarkeit von Wassermassen ist faszinierend in Tonbewegungen erfasst. Die Strömungen kräftigen die Wellen, die immer größer werden. Die Unendlichkeit des Wassers wird spürbar, ebenso die Einsamkeit und Verlorenheit von lebenden Wesen in dieser Unendlichkeit und gegenüber den Naturelementen. In der Wassersymphonie braut sich eine unheimliche Stimmung zusammen. Die Klangfarben werden dunkler, die Bewegungen breiter. Dann kommt die große Welle, die in einem riesigen, auf und ab wallenden Orchester-Crescendo alles mitreißt. Das ist nicht der See Tuusulanjärvi im heimatlichen Järvenpää, sondern die See. Nach dem Sturm liegt der Ozean majestätisch ruhig da. «Die Okeaniden» sind die vorletzte Tondichtung von Sibelius. Danach zog er sich - mit «Tapiola» - in den Wald und zum Gott des Waldes, Tapio, sowie vom Komponieren zurück. Es blieben ihm noch viele Jahre, um seine wirkliche Musik zu hören: das Rauschen des Windes und der Wellen.

    © Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz