Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Richard Strauss

«Ein Heldenleben» Tondichtung op. 40

Sätze

  • Der Held

  • Des Helden Widersacher

  • Des Helden Gefährtin

  • Des Helden Walstatt

  • Des Helden Friedenswerke

  • Des Helden Weltflucht und Vollendung

Dauer

40 Min.

Entstehung

1897-99

 Richard Strauss  hatte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Komponist und Dirigent in ganz Europa einen Namen gemacht: 1898 trat er seine neue Stelle in Berlin an, als Erster königlich-preußischer Hofkapellmeister, nachdem er zum zweiten Male im Unfrieden aus München, wo er sich später so zu Hause fühlen sollte, geschieden war. Man wollte ihm dort den vakanten Posten des Generalmusikdirektors nicht geben – der knapp Fünfunddreißigjährige schien den Verantwortlichen noch zu unerfahren, obwohl er in seinem Werkverzeichnis bereits zur Ziffer 40 vorgedrungen war, als Konzert- und Operndirigent in Meiningen, München und Weimar gewirkt und sich sein Ruf über die Landesgrenzen hinaus längst gefestigt hatte. Doch ließ sich’s der gewitzte Strauss nicht verdrießen und fand in Berlin Arbeitsbedingungen vor, die ihm später erlaubten, seine bisher noch relativ kläglich verlaufene Karriere als Opernkomponist voranzutreiben. Bis zur Komposition seines «Heldenlebens» hatte er ja bloß den relativ wenig erfolgreichen «Guntram» geschrieben, eine dreiaktige, sehr an Wagner orientierte, nach eigenem Libretto komponierte Heldenoper. Seine symphonischen Dichtungen waren, bis auf den Nachzügler «Alpensinfonie» (1915) allesamt vor den wichtigen Opern entstanden (auch die «Sinfonia domestica» wurde ein Jahr vor der «Salome» uraufgeführt). Damit erscheint es uns heute fast ein wenig verfrüht, wenn Strauss noch vor seinen großen Opernerfolgen ein Werk wie das «Heldenleben» komponierte, das zwar nicht nur autobiographisch konzipiert sein dürfte, aber auf jeden Fall direkte Parallelen zu seinem Leben zulässt.

Am 15. April 1897 notierte Strauss in ein Tagebuch: «Sinfonische Dichtung Held und Welt beginnt Gestalt zu bekommen; dazu als Satyrspiel Don Quixote.» Gleichzeitig also arbeitete Strauss an zwei Tondichtungen: Die eine hat eine literarische Figur im Zentrum, die andere einen nicht näher bezeichneten anonymen Helden, der sich ebenso gegen echte oder eingebildete Widersacher auflehnt, liebt, kämpft und schließlich der Welt entsagt. Die beiden verhalten sich dennoch wie ein recht ungleiches Zwillingspaar, wobei Strauss knapp nach den seinem Tagebuch anvertrauten Zeilen an Gustav Kogel, den Dirigenten der Frankfurter Museumskonzerte, schrieb: «Don Quixote und Heldenleben sind so sehr als direkte Pendants gedacht, daß besonders Don Qu. erst neben Heldenleben voll und ganz verständlich ist. Da es zudem die allererste (entscheidende) Aufführung von Heldenleben ist, läge mir viel daran. Es ist ja dann ein stark fortschrittliches Programm […] Aber für die allererste Aufführung von Heldenleben darf ich schon ein bißchen frech sein.» Nun, eine Doppelaufführung sollte es nicht werden, nicht zuletzt deshalb, weil der «Don Quixote» schon ein Jahr früher fertig war. Doch ein weiterer Bezug zu einem anderen Werk der Musikgeschichte ist es, auf den Strauss selbst gerne, mit einem deutlichen Augenzwinkern, hinwies: «Da Beethovens Eroica bei unseren Dirigenten so sehr unbeliebt ist und daher nurmehr selten aufgeführt wird, componiere ich jetzt, um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, eine große Tondichtung Heldenleben betitelt (zwar ohne Trauermarsch, aber doch in Es-dur, mit sehr viel Hörnern, die doch einmal auf Heroismus geeicht sind).» Eine echte Verwandtschaft mit Beethovens Symphonie gibt es nicht, obwohl Strauss im April 1898 in sein Tagebuch notierte: «An Eroica etwas weiter arbeitend.» Am 3. März 1899 schließlich war es so weit: Richard Strauss selbst brachte das Wilhelm Mengelberg und dem Concertgebouworchester Amsterdam gewidmete Werk bei den Frankfurter Museumskonzerten zur Uraufführung.

Ursprünglich waren den einzelnen Teilen des «Heldenlebens» Zwischenüberschriften zum besseren Verständnis vorangestellt, die Strauss jedoch später streichen ließ. Obwohl sie demnach in modernen Partituren nicht mehr stehen, haben sich die eingangs aufgeführten sechs programmatischen Hinweise dennoch als guter Leitfaden durch das Werk etabliert und bis heute erhalten – zumal damit auch die Themen eindeutig zuordenbar sind. Die Eröffnung der  symphonischen Dichtung präsentiert den «Helden». Drei Themen werden ineinander verwoben, wobei das erste, hoch aufragende, die tragende Rolle behält. Durch eine klare Zäsur davon abgetrennt schleichen sich meckernd «Des Helden Widersacher» hinein und unterbrechen eine weitere Aufbauschung des zuvor ungestört vor sich hin triumphierenden Helden. Das neue Thema wird von der Flöte, «scharf und spitzig» vorgestellt, von den anderen Holzbläsern übernommen und erfährt durch eine Bordunquint im tiefen Blech seine gewissermaßen kleinkarierte Grundierung. Strauss’ Vater meinte dazu: «Die Widersacher, das geht nach meiner Ansicht etwas zu sehr übers Musikalische hinaus, denn solche Widersacher, die sich so unschön benehmen, lässt man – unter seiner Würde – links liegen.» Zu bildhaft erschien die drastische Darstellung der Kritiker sowohl Vater Strauss als auch vielen damaligen Hörern. Sie alle konnten aber, ebenso wie die Widersacher im Werk selbst, durch die erhobenen Hauptes auftretende Mitstreiterin in Form der Solovioline, «Des Helden Gefährtin», wieder beruhigt werden. Diese Gefährtin will erst umschmeichelt werden, erweist sich eine Zeit lang durchaus als widerspenstig, bevor der sich immer mehr aufbäumende Held nach einer letzten, heftigen Weigerung in Form einer Kadenz der trotzigen Violine (mit «schnell und keifend» überschrieben) und langsamer Zähmung sich endlich mit seiner Gefährtin in schönster Zweisamkeit vereint.

In den Schluss dieser zuletzt so herrlich in sich ruhenden Liebeswelt mischt sich von ferne das Motiv der Widersacher, bevor schließlich die Fanfaren der Fern-Trompeten den nahenden Kampf ankündigen: «Des Helden Walstatt» betreten Held und Gefährtin gemeinsam, erheben sich immer wieder unbezwungen über die Widersacher, begleitet von heftigem Schlachtengetrommel. Das Thema des Helden wird darin zunehmend stärker, aber immer wieder von den Widersachern und den Kampffanfaren zerteilt – wie auch die anderen Themen gewissermaßen wortwörtlich im Schlachtgetümmel in Stücke zerrissen werden. Der Held geht schließlich gestärkt aus den Kämpfen  hervor – sein Thema wird jetzt vom ganzen Orchester getragen, bevor sich wieder kurz die Kritiker in Form der leeren Quint im tiefen Blech einmengen: Diesmal schreitet der Held nicht zum Kampf, sondern lässt «Des Helden Friedenswerke» für sich sprechen. Hier hat Strauss Themen seiner bisherigen Werke mit denen des «Heldenlebens» vereint: «Don Juan», «Till Eulenspiegel», «Tod und Verklärung», «Macbeth», «Also sprach Zarathustra», «Guntram» oder sogar das Lied «Traum durch die Dämmerung» sind darin verarbeitet. Doch die leere Quint ertönt erneut, der Held ist wütend und begehrt auf, durch heftige Streicherfiguren repräsentiert. Es bleibt ihm nur, sich zurückzuziehen (das Heldenthema wird gewissermaßen wütend in der Luft zerrissen) und, eingeleitet von wiegenden Figuren des Englischhorns, «Des Helden Weltflucht und Vollendung» zu betreiben. In diese friedlichen Gefilde, dessen Thema die Gefährtin schon früher vorgestellt hat, mischen sich ein letztes Mal die Widersacher, dringen ein in den beruhigten Kosmos. Erst die Solovioline der Gefährtin verhilft dem Helden, die Widersacher endgültig hinter sich zu lassen und sie stimmt ein in den elegischen, erfüllten Abgesang, aus dem sich der Held ein letztes Mal aufbäumt, bevor er in sich zusammensinkt.

© NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Markus Hennerfeind