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Leos Janácek

Konzert für Violine und Orchester «Putování Dusicky» | «Wanderung einer kleinen Seele»

Sätze

  • Andante. Tempo di Marcia - Adagio - Allegro - Grave - Maestoso

Dauer

12 Min.

Entstehung

1926

Seelenmusik

«Liebe Seele! Glauben Sie mir, ich kann mich nicht aus dem Bann unserer beiden Spaziergänge lösen. Es ist wie ein schwerer, schöner Traum, darin ich verzaubert bin. Ich weiß, ich würde in der Glut, die nicht aufflammen darf, verbrennen.» So begann Leos Janácek im April 1927 einen Brief an Kamila Stösslová, mit der ihn seit mehr als zehn Jahren eine innige Freundschaft verband. Aus den Hunderten Briefen Janáceks an sie spricht eine starke Liebe zu der um 37 Jahre jüngeren Frau, der Gattin eines Antiquitätenhändlers, die der Komponist 1917 in Luhacovice kennen lernte, wo er jeden Sommer zur Kur weilte. Stösslová war die Muse des Komponisten, der den Großteil seiner Meisterwerke in den letzten zehn Jahren seines Lebens schuf, in denen er in Beziehung zu ihr stand.
«Meine Seele, Mädchen, drei Jahre liebt ich dich allein.» Mit diesen Worten verabschiedet sich Filka Morozov für immer von Akulka, die mit seinem Freund Siskov verheiratet ist und die er vor ihrer Hochzeit verleumdet hat. Als sie ihrem Ehemann gesteht, dass auch sie Filka trotz seiner Verleumdung liebe, wird sie von Siskov erschossen. Viele Jahre später in einem sibirischen Gefangenenlager, wo er seine Strafe abbüßt, erzählt Siskov Mithäftlingen die Geschichte von Filka und Akulka. Die Episode ist ein Teil des dritten Aktes von Janáceks letzter Oper «Aus einem Totenhaus», die er über ein Libretto von Fjodor Dostojewski komponierte.
«Wanderung einer Seele» notierte Leos Janácek in musikalischen Skizzen für ein Violinkonzert. Einige der Skizzen finden sich auf der Rückseite der Komposition des Vorspiels zur Oper «Aus einem Totenhaus». Das einsätzige Violinkonzert blieb Fragment, während Janácek die Oper vollständig komponierte und darin sehr viel musikalisches Material aus dem Konzert verwendete. So konzentrieren sowohl das Vorspiel als auch das Finale der Oper wesentliche Themen des Violinkonzert-Entwurfs, aus dem aber auch noch an anderen Stellen der Oper Passagen und Motive auftauchen. Just an der Stelle, an der Filka mit den Worten «Meine Seele, Mädchen» sein Liebesgeständnis beginnt, erklingt «Seelenmusik» aus dem Violinkonzert.
«Die Seele und der Leib» heißt ein Libretto des mit Janácek befreundeten französischen Romanciers William Ritter. Der Komponist trug sich eine Zeitlang mit dem Gedanken, Ritters Geschichte von einer Frau, die in ihrer Liebe zu zwei Männern zerrissen ist, als Oper zu vertonen. Es gibt also mehrere Möglichkeiten, worauf Janácek das Wort «Seele» in den Violinkonzertskizzen bezog, von Kamila Stösslová bis zu einer Romanheldin.
Entstanden sind die Skizzen nach einem England-Besuch Janáceks 1926. In London hörte er in einem Konzert die Geigerin Adila Fachiri seine Violinsonate spielen. Laut der englischen Musikautorin Rosa Newmarch, die mit Janácek bei seinem England-Besuch zusammentraf, hat Janácek der Geigerin ein Violinkonzert versprochen und sich mit der Komposition noch während seines England-Aufenthalts zu beschäftigen begonnen.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später, 1988, stellten die beiden tschechischen Musikwissenschaftler Leos Faltus und Milos Stedron aus allen erhaltenen Skizzen zum Violinkonzert eine Aufführungsfassung des Werkes zusammen, die im selben Jahr beim Janácek- Festival in Brünn uraufgeführt wurde und sich bald einen Platz im Repertoire erobern konnte. In der Fassung von Faltus und Stedron ist jeder Ton, jeder Akkord original von Janácek, die beiden Bearbeiter haben die unverwechselbare Klangsprache des mährischen Komponisten mit Feingefühl und Akribie vollends zu bewahren verstanden und sich in ihrer Arbeit darauf konzentriert, die Skizzen in einen Zusammenhang zu bringen und einen Ablauf der Komposition zu schaffen. Sie konnten natürlich auch auf die komprimiert in die Oper «Aus einem Totenhaus» eingegangenen Konzertpassagen zurückgreifen, mussten sie nur in eine andere, den Konzertskizzen entsprechende Reihenfolge bringen. So taucht etwa das markante Marschthema, mit dem die Oper eröffnet wird, in den Skizzen zum Konzert erst an späterer Stelle auf.
Das einsätzige Konzert, das einer Rhapsodie gleicht, beginnt mit einem einsamen, leidenschaftlichen Violingesang, der nur von dunklen Orchestertönen grundiert wird. Dann erklingen bereits erste Marschrhythmen, die aber noch nichts mit dem eigentlichen, späteren Marschthema zu tun haben. Die Violine beschleunigt ihre Gangart, um dann über Holzbläsergemurmel wieder ihren Gesang anzustimmen. Klarinette, Oboe, Flöte, Harfe und schließlich Orchesterstreicher stimmen nun ihrerseits eine lyrische Melodie an, die von der Solovioline zunächst mit Figurationen unterbrochen, dann aber aufgenommen wird. Es setzt ein erregter, von der Violine virtuos angeführter Teil ein, der vom Marsch-Hauptthema dominiert wird. In den Figuren der Solostimme und einiger Bläserstimmen des Orchesters sind die für Janácek so typischen, aus der tschechischen Sprache seines Heimatlandes gewonnenen Klangfloskeln zu erkennen. Aus den in Musik verwandelten Worten sprechen immer tiefe Emotionen.
Die Seele des Violinkonzerts wandert mit den starken Schritten des Marschthemas in traumhafte Gefilde, in denen ein Choralmotiv und liedhafte Melodien eine feierliche Stimmung verbreiten. Aber auch Akkorde des Schmerzes erklingen. Der extrem diffizile Solopart schraubt sich in entlegene Höhen, findet aber nicht zuletzt in vertrauten Anklängen aus anderen Werken Janáceks Halt, der «Sinfonietta» und der «Glagolitischen Messe». Die Seele des Violinkonzerts erreicht ihre Heimat.
© Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz