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Carl Maria von Weber

Konzertstück für Klavier und Orchester f-Moll op. 79

Sätze

  • Larghetto affettuoso

  • Allegro passionato

  • attacca Tempo di marcia

  • Presto assai

Dauer

17 Min.

Carl Maria von Weber, der begnadete Opernkomponist, war auch ein Musikdramatiker, wenn er Konzertmusik schrieb. Der Schöpfer des «Freischütz», der romantischen Oper schlechthin, der «Euryanthe», die in ihrer durchkomponierten Spannung Richard Wagner den Weg wies, und des märchenhaften und idealistischen «Oberon» komponierte vor dem grandiosen Opernfinale seines kurzen Lebens auch äußerst wirkungsvolle Konzerte und Symphonien, in denen er bildhafte Szenarien entwarf. Beim Konzertstück für Klavier  und Orchester f-moll op. 79 gab es sogar einen konkreten inhaltlichen Hintergrund vom Sehnen und Klagen eines Burgfräuleins nach ihrem in den Heiligen Krieg gezogenen Ritter. Allerdings hat der Komponist diese Geschichte nur seiner Frau, der Sängerin Caroline Brandt, und einem Schüler mitgeteilt, und dem Werk nicht als «Programm» beigegeben. Denn Webers Konzertmusik ist keineswegs  Programmmusik, vielmehr Instrumentalmusik mit poetischer Inspiration, in der ein erzählender Tonfall mit abstrakten musikalischen Formen zu einer Einheit verschmilzt. Oder anders ausgedrückt: Die Inspiration erfolgt durch dramatische Stoffe oder auch bildliche Eindrücke, die Musik selbst ist Poesie.

Nach der einleitenden Pfitzner-Ouvertüre führt also auch der zweite Programmpunkt in die Ritterwelt. Als er das Konzertstück seiner Frau und einem Schüler, die eigentlich anlässlich der Uraufführung des «Freischütz» in Berlin weilten, vorspielte und dabei fortlaufend das musikalische Geschehen durch eine Geschichte erklärte. Der Weber-Schüler Julius Benedict schrieb die Geschichte, die er zu hören bekam, nieder: «Die Burgfrau ist auf dem Söller. Sie schaut wehmütig in die weite Ferne hinaus. Der Ritter ist seit vielen Jahren im Heiligen Lande. Wird sie ihn wiedersehen? Viele blutige Schlachten sind geschlagen. Keine Botschaft von ihm, der ihr alles ist. Vergebens ihr Flehen zu Gott, vergebens ihre Sehnsucht nach dem hohen Herrn. Da befällt sie eine entsetzliche Vision. Er liegt auf dem Schlachtfeld, verlassen von den Seinen, das Herzblut aus der Wunde rinnend. Ach, könnte sie ihm zur Seite sein – und wenigstens mit ihm sterben! Sie sinkt bewusstlos und erschöpft hin. Horch, was klingt da in der Ferne? Was glänzt dort am Walde im Sonnenschein? Was kommt näher und näher? Die stattlichen Ritter, alle mit dem Kreuzeszeichen und wehenden Fahnen, und Volksjubel, und dort – er ist’s! Sie stürzt in seine Arme. Welch ein Wogen der Liebe – welch endloses unbeschreibliches Glück. Wie rauscht und weht es mit Wonne aus den Zweigen und Wellen, mit tausend Stimmen den Triumph treuer Minne verkündend.» So unfreiwillig komisch uns dieser Text in seiner Überladenheit und seinem Kitsch vorkommt (wobei wir nicht vergessen dürfen, dass es sich dabei nicht um eine Dichtung handelt, sondern bloß um die ungefähre Wiedergabe einer Geschichte, die Weber während des Klavierspielens erzählte) – den Komponisten inspirierte diese Ritterschauer­roman­tik und dieser Prototyp einer Liebesgeschichtenkonstellation (Burgfräulein liebt Kreuzritter, der sich auf dem Schlachtfeld heldenmütig seine Liebe verdient) zu einer exquisiten Konzertkomposition, die in ihrer Form, ihrem Aufbau und ihrer thematischen Gestaltung ein Modell des einsätzigen Klavierkonzerts etablierte, das später von Franz Liszt (in seinen beiden Klavierkonzerten) bis zu Richard Strauss (Burleske für Klavier und Orchester) und Sergej Prokofjew (1. Klavierkonzert) mehrfach aufgegriffen wurde und vorbildhaft wirkte.Man kann, wenn man will, die Ritterrromantik heraushören aus der Musik, das Sehnen der Frau, ihre Ängste, die Rückkehr des Kreuzritterheers, die Wiedersehensfreude der Liebenden. Man kann aber auch eine konzertante Musik bestaunen, die aus einem Holzbläservorspiel heraus einen spannenden musikalischen Wachstumsprozess durchläuft, die das Soloklavier in klanglich effektvolle Umgebung setzt (drama­tische Tremo­los, Geflecht aus gegeneinandergesetzten Quintolen und Sechzehntel-Vierergruppen), die nach einem entrückten Adagio mit fahlem Fagottsolo einen imposanten Marsch in Gang setzt, mit Klarinetten und Hörnern als musikalischen Fahnen­trägern und dem sich mit rasenden Bewegungen an die Spitze setzenden Klavier. Ein virtuoses Stück, aber kein bloßes Schaustück, sondern mit viel thematischer und kompositorischer Substanz. Ein Meisterwerk, das am Morgen der «Freischütz»-Uraufführung abgeschlossen wurde und die Welten von Konzertmusik, Programmmusik und dramatischer Musik verschmilzt. Und das in jeweils knapper Form jene Stimmun­gen anreißt, die wohl viele Menschen in Musik wahrnehmen und  hören wollen: Trennung ... Klage ... höchster Schmerz ... Trost ... Wiedersehen ... Jubel.

© NÖ Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz