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Joseph Haydn

Symphonie G-Dur Hob. I:8 «Le Soir»

Sätze

  • Allegro molto

  • Andante

  • Menuetto

  • La Tempesta. Presto

Dauer

21 Min.

Entstehung

1761

Mit einem musikalisch illuminierten Sonnenaufgang stimmt Joseph Haydn seinen symphonischen Zyklus «Die Tageszeiten» an, mit «La Tempesta» beendet er ihn: «Das Gewitter» - was für eine Entwicklung! Nachdem Yutaka Sado bei seinem Antrittskonzert als Chefdirigent des Tonkünstler-Orchesters im Oktober 2015 «Le Matin» - «Der Morgen», beginnend mit eben jenem Sonnaufgang - dirigiert hatte und in weiterer Folge «Le Midi», «Der Mittag», erklungen war, wird die Aufführung von Joseph Haydns einzigem symphonischen Zyklus «Die Tageszeiten» nun mit «Le Soir» vollendet, «Der Abend».

Auch diese Symphonie steht exemplarisch für Haydns frühe Meisterschaft und seinen kreativen Umgang mit den musikalischen Stilmitteln seiner Zeit. In seinen «Tageszeiten»-Symphonien Nr. 6 bis 8 verwob er das Konzertieren nach barocker Concerto-grosso-Manier mit den gestalterischen Prinzipien der klassischen Epoche. Der Kompositionsanlass war ein sehr konkreter: Am 1. Mai 1761 hatte der junge Komponist seinen Dienstvertrag als Vizekapellmeister am Fürstenhaus Esterházy in Eisenstadt unterschrieben und gab mit den drei Symphonien seinen Einstand. Sie sollten ihm die Gunst des Hofes sichern und gehen wahrscheinlich auf eine Anregung des neuen Dienstherrn zurück, der den aus Italien stammenden konzertanten Stil bevorzugt haben soll. Die symphonische Trilogie erwies sich für den gerade 29-jährigen Haydn als genialer Schachzug: Er sah für seine Musiker zahlreiche solistische Aufgaben vor und gab ihnen damit die Gelegenheit, vor der fürstlichen Herrschaft zu brillieren. Was den jungen Komponisten bewogen hatte, dem ersten Satz, Allegro molto, einen Gassenhauer zugrunde zu legen, kann nur vermutet werden. Das «Tabaklied» aus der französischen Opera comique «Le Diable à quatre» nach einem Libretto von Michel-Jean Sedaine, zu dem Christoph Willibald Gluck die Musik komponiert hatte, wurde justament 1761 im Wiener Burgtheater aufgeführt und offenbar so schnell populär, dass dem Fürsten Esterházy ein Wiederhören an seinem eigenen Hof ausgesprochen willkommen gewesen sein muss. Haydn stellte den kompletten Kopfsatz diesem Opernschlager anheim und entfachte aus der eigentlich schlichten Melodie ein musikalisches Feuerwerk im Dreiachteltakt, das mit gemütlich-beschaulicher Abendstimmung so gar nichts gemein hat: «Le Soir» besitzt damit einen prächtigen Auftakt, die Soloflöte jubelt im Wettstreit mit den Oboen, Hörnern und dem Streicherapparat. An Esprit, Vitalität und Lebensfreude ist der Eingangssatz kaum zu überbieten.

Wie in «Le Midi» ist auch in «Le Soir» der zweite Satz der umfangreichste der Symphonie. Selbst ein virtuoser Geiger, wies Haydn den Soloviolinen im Andante eine tragende Rolle zu. Doch nicht nur das. Er gesellte ihnen ein zweites konzertierendes Instrumentenpaar zu: Solocello und - jawohl - ein Fagott! Reizvolle Klangeffekte, gepaart mit charakterstarken Punktierungen, zeichnen den in der Subdominant-Tonart C-Dur gehaltenen zweiten Satz aus, der durch eine unerwartete Wendung in die Paralleltonart a-Moll keine wirkliche Trübung erfährt. Aber jetzt: Solo für den Kontrabass! Wie schon in den Menuetten der beiden vorhergehenden Symphonien verschafft Haydn auch hier dem Violone- bzw. Kontrabass-Spieler einen großen, beherzten Auftritt. Im Trio darf er sich an hüpfenden Achtelskalen über fast zwei Oktaven und an Trillern beweisen, eingerahmtvom maßvollen Schreiten in den Menuett-Teilen, welche von der Flöte, den Oboen und den in beeindruckender Höhe agierenden Solohörnern angeführt werden. Und dann entlässt ein kurzes, aber heftiges Gewitter «Le Soir» in eine stürmische Nacht - freilich nicht zu vergleichen mit den plastischen Unwetterdarstellungen in Haydns «Jahreszeiten»-Oratorium oder Ludwig van Beethovens «Pastorale», aber dennoch ein Meisterstück musikalischer Naturmalerei. Im Presto-Tempo jagen die Zweiunddreißigstel-Figuren in den Streichern die Soloflöte mitsamt ihren verhuschten Staccato-Achteln in die Flucht. Jeder Hörer wird sich anhand der aufgewühlten musikalischen Darstellung die dreinfahrenden Blitze, das Tosen der Winde und den quer durch das Orchester peitschenden Sturm vorstellen können - eine Verfahrensweise, den man heutzutage Dolby-Surround-Effekt nennen würde. In «Le Soir» zeigt der «Urvater der Symphonie» ebenso wie mit den beiden anderen Werken des «Tageszeiten»-Zyklus nicht nur seine frühe Meisterschaft und seinen kreativen Elan. Er lässt auch schon seine Größe als Wegbereiter der Wiener Klassik erahnen. Mit unwiderstehlichem Charme, spritziger Eleganz und heiter-gelöster Ausstrahlung gehört der Zyklus zweifellos zu jenen eher selten (ein-)gespielten Orchesterwerken von Joseph Haydn, die eine weitaus stärkere Präsenz im Musikleben verdienen. So trumpft auch «Le Soir» bei aller aphoristischen Kürze mit Innovationsgeist und spielerischer Energie auf: eine ungemein interessante Symphonie, ein wahres Hörvergnügen und ihren Interpreten eine dankbare Herausforderung - damals wie heute.

© NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Ute van der Sanden