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Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 74 «Pathétique»

Sätze

  • Adagio - Allegro non troppo

  • Allegro con grazia

  • Allegro molto vivace

  • Finale. Adagio lamentoso

Dauer

40 Min.

Entstehung

1893

Pjotr Iljitsch Tschaikowski starb nur neun Tage nach der von ihm selbst dirigierten Uraufführung seiner Symphonie Nr. 6 h-moll op. 74 in St. Petersburg. Mit der Stadt an der Newa hatte ihn mehr verbunden als mit seinem langjährigen Wohnsitz Moskau. In St. Petersburg ging Tschaikowski ab seinem 10. Lebensjahr zur Schule, hier schlug der 19jährige eine Beamtenlaufbahn ein und besuchte die Rechtsschule, hier absolvierte der außergewöhnlich Begabte auch das Musikstudium. In St. Petersburg fanden die Erstaufführungen von vielen seiner bedeutenden Werke wie der Ballette «Nussknacker» und «Dornröschen», der Oper «Pique Dame» und der Symphonie Nr. 5 statt. Hier wurde er im Herbst 1893 zu Grabe getragen. Auf dem Tichiwiner Friedhof beim Kloster Alexander Newskij befindet sich das Grabmal des Komponisten.

Tschaikowskis Tod so kurz nach der Uraufführung einer im klanglichen Nirwana endenden Symphonie führte zu Gerüchten und Spekulationen. Zwei Varianten kursierten: Tschaikowski habe in der 1893 von einer Choleraepidemie erfassten Stadt mehr oder weniger absichtlich ein Glas ungekochten Wassers getrunken und eine Erkrankung an der Cholera riskiert, der Krankheit, an der auch seine Mutter gestorben war; der homosexuell veranlagte Tschaikowski sei wegen einer sexuellen «Verfehlung» mit dem Sohn eines ehemaligen Mitschülers an der Rechtsschule von einem «Ehrengericht» der Juristen zum Selbstmord aufgefordert worden, um einen Skandal zu vermeiden. Diese Variante wurde noch vor wenigen Jahren wissenschaftlich in den USA breitgetreten und fand sogar Eingang in seriöse Musiklexika.

Beide Varianten bauen aber nur auf Vermutungen auf. Im 19. Jahrhundert ist in Russland kein einziges Gerichtsverfahren gegen einen mehr oder weniger bekannten Homosexuellen aus der Beamtenschaft oder der Künstlerschicht bekannt. Es gibt zudem keinen Hinweis darauf, dass Tschaikowski Kontakt mit dem Sohn eines ehemaligen Mitschülers gehabt habe. Zur Vermeidung eines Skandals hätte es außerdem genügt, dass der am Zarenhof bestens angeschriebene Tschaikowski für kurze Zeit ins Ausland ging, bis die Affäre vergessen sei. Hätte Tschaikowski aber tatsächlich Gift genommen, um der Aufforderung zum Selbstmord nachzukommen, so hätte er innerhalb weniger Stunden nach der Einnahme daran sterben müssen, denn in Russland war damals kein Gift zugänglich, das die Agonie auf Tage verlängerte. Tschaikowskis Krankheitszustand aber dauerte vier Tage, ehe am 6. November des Jahres 1893 der Tod eintrat.

Die Symphonie, der Tschaikowskis Bruder Modest den Titel «Pathétique» verlieh, wirkt wie ein Abgesang auf eine versinkende Epoche. Es ist ein typisches Werk des Fin de Siècle, in dem Vieles von dem verklingt, wovon die Kunst und im Speziellen die Musik in den Jahrzehnten zuvor geprägt wurde. Das lässt sich auch an rein kompositionstechnischen Vorgängen des Werkes nachvollziehen. Verzweifelt versucht sich der erste Satz gegen den drohenden Untergang aufzulehnen, aber alle Versuche müssen in einem fatalen Zusammenbruch enden, da das aus dem Dunkel aufsteigende Hauptthema gar keinen Anfang und kein Ende kennt, also gar keinen Halt finden kann. Im Seitenthema des Kopfsatzes, in dem schon die Trauer des Finales anklingt, erinnert sich Tschaikowski an vergangene romantische Zeiten. Die beiden Mittelsätze wiederum sind Tanzsätze, aber nicht mehr nur von ursprünglicher Kraft erfüllt, sondern zur  Auflösung tendierend. Die Melodik des Finales schließlich befindet sich in einem fortwährenden Zerfallsprozess.

Im Kopfsatz fand Tschaikowski nach dramatischen Ausbrüchen noch zu einem entspannten Ausklang. Den Walzer des zweiten Satzes verschleierte er durch eine Ausweitung des Metrums vom 3/4- zum 5/4-Takt, was den Tanz unwirklich erscheinen lässt. Das Scherzo des dritten Satzes legte Tschaikowski als Perpetuum mobile an, aus dessen Stückwerken sich dann aber ein Marschthema herausschält. Je mehr die im Marsch vereinten Instrumente auftrumpfen, desto stärker kommt der Eindruck auf, sie übertönen bloß die wahren Verhältnisse. Hinter der Fassade des Jubels offenbart sich die Tragik. Über vier Oktaven abwärts rattert das Orchester dem Boden der Wirklichkeit entgegen. Das Finale bestätigt die tragische Situation: Ein erschütterndes Adagio, in dem die Akkorde zerklüftet sind und verloren durch den Raum schwirren. Eine kühne Instrumentierung löst diese Wirkung aus. Zwei verzweifelte Steigerungswellen brechen in sich zusammen. Über dumpfen Kontrabass-Schritten erklingt ein Choral. Im Dunkel, aus dem sie kam, verschwindet die Symphonie.

Die «Symphonie Pathétique» hinterließ bei den Zeitgenossen Tschaikowskis einen tiefen Eindruck. Ihre Dramaturgie blieb nicht ohne Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Gattung. Gustav Mahler etwa, der in seiner Hamburger Kapellmeisterzeit Tschaikowski noch persönlich kennen lernte und später mehrfach die «Pathétique» – so auch während seines Engagements in New York – dirigierte, griff in seiner letzten vollendeten Symphonie, der Neunten, die Satzstellung und den Aufbau von Tschaikowskis Symphonie Nr. 6 auf: Ein epischer Kopfsatz mit mehreren Steigerungswellen und ein Adagio-Abgesang als Finale umschließen zwei Tanzsätze (Ländler und Burleske).

© NÖ Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz