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Sektionen

Thomas Adès

Tänze aus der Kammeroper «Powder Her Face» op. 14

Sätze

  • Ouvertüre

  • Walzer

  • Finale

Dauer

11 Min.

Entstehung

2007

Die Kammeroper «Powder Her Face» ist eine surrealistische Abfolge von Szenen aus dem ausschweifenden Leben einer englischen Herzogin. Librettist Philip Hensher und Komponist Thomas Adès beabsichtigten durchaus das musikdramatische Porträt einer Ikone der High Society, Margaret Whigham (1912 - 1993) zu zeichnen, die in zweiter Ehe mit dem Herzog von Argyll verheiratet war und in einem sensationellen Prozess von diesem wegen Untreue wieder geschieden wurde. Ihr aufwändiger Lebensstil, der auch von sexuellen Eskapaden gekennzeichnet war, führte zum finanziellen Ruin der Herzogin in hohem Alter.

All dies wird in der 1995 beim Cheltenham Festival uraufgeführten Oper mit Ironie, Biss, Humor und vor allem virtuoser musikalischer Sprache reflektiert, kommentiert und dramatisiert. Adès tauchte die Herzogin in ein berauschendes Klangbild, man scheint förmlich die teuren Parfüms und die exquisite Garderobe der Lady zu hören. Kurze Anspielungen auf Mozarts «Zauberflöte » («Königin der Nacht») und Strawinskis «The Rake´s Progress» unterstreichen ebenso die mythologische Kraft, die Adès seiner ersten Opernheldin gibt, wie unüberhör- und unübersehbare Parallelen zu Bergs «Lulu», Weills «Die sieben Todsünden» und Brittens «The Turn of the Screw».

Aus der Oper destillierte Adès brisante und prickelnde Musik und übertrug sie auf ein großes Symphonieorchester. Der erste der 2007 beim Aldeburgh Festival vom Philharmonia Orchestra London uraufgeführten «Dances from Powder Her Face» ist die Ouvertüre zur Oper gleichsam im Cinemascope-Format. Rhythmus und Melodik von Tango und Foxtrott spiegeln etwas überdreht schwung- und glanzvoll die Zeit und das Flair der frühen Dreißigerjahre, in denen die junge und schöne Margaret ihren Aufstieg in die Gesellschaft feierte. Der zweite Tanz, ein Walzer, ist die Orchestertranskription jener Opernszene, in der eine Kellnerin in einer koloraturreichen Arie die Hochzeit des Herzogs und der Herzogin nacherzählt und mit Beschreibungen des schönen Lebens der Noblen garniert. Im Finaltanz schließt sich der Kreis zur Ouvertüre, nunmehr sind Klänge und Tänze der Erinnerung der Herzogin an ihr einst glamouröses Leben zu hören. Allmählich zerfleddern die melodischen und rhythmischen Motive in ihre einzelnen Bestandteile und lösen sich auf. Die Schminke bröckelt vollends ab.

Wie in den «Dances» Rhythmus zu Klang wird, wie die dramatischen Geschehnisse bis in kleinste musikalische Bewegungen aufgefächert werden, das macht diese drei Sätze zu einer der bedeutendsten Tanzkompositionen für großes Orchester. Wenn man so will, sind die «Dances» ein knappes Jahrhundert nach Ravels «La Valse» eine apokalyptische Revue der dekadenten westlichen Gesellschaft. 2009 folgte übrigens auf die «Dances from Powder Her Face» für Orchester eine «Concert Paraphrase on Powder Her Face» für Klavier solo.

© Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz