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Sektionen

Gustav Holst

«The Planets» Suite für großes Orchester op. 32

Sätze

  • Mars, the Bringer of War

  • Venus, the Bringer of Peace

  • Mercury, the Winged Messenger

  • Jupiter, the Bringer of Jollity

  • Saturn, the Bringer of Old Age

  • Uranus, the Magician

  • Neptune, the Mystic

Dauer

51 Min.

Entstehung

1914-16

Gustav Holsts weltberühmte Suite «The Planets» gehört zu den ganz wenigen Kompositionen, die von der Astrologie beeinflusst sind und hat im Jahr, in dem weltweit der 40. Jahrestag der ersten Mondlandung gefeiert wird, womöglich besondere Aktualität. In Holsts Leben nahm das Stück eine Schlüsselposition ein. Bis heute ist der Name Gustav Holst den meisten Musikliebhabern nur wegen dieses Opus magnum bekannt, übrige Werke standen und stehen im Schatten der siebenteiligen Suite. Dass der Komponist mit kaum einer anderen Komposition Bekanntheit erlangen konnte, gehört zu den Eigentümlichkeiten der Musikgeschichte und lastete nach diesem großen Erfolg schwer auf ihm.

Seine kompositorischen Erfolge waren in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bescheiden, die Durststrecke zog sich bis in die frühen 1910er-Jahre. Wen verwundert es, dass er auf seinen ausgedehnten Reisen Zerstreuung suchte und womöglich besonders empfänglich für neue Ideen war? Sein großes Interesse an der Mystik und fremden Kulturen hatte sich schon davor in Musik ausgedrückt. Der Kontakt zum bereits erwähnten Clifford Bax und der daraus resultierenden Beschäftigung mit der Astrologie ließ in Holst die Idee reifen, die Planeten des Sonnensystems und ihre astrologischen Funktionen in Musik umzusetzen.

Für Holst war alles da, was er brauchte, um einen großen Wurf zu Papier zu bringen: Die zündende Idee, ein tragfähiges Konzept, ausreichend musikalisches Wissen und die nötige Motivation. Vielleicht in Anlehnung an Schönberg und seine fünf Orchesterstücke nannte Holst die erste Skizzensammlung «Sieben Stücke für Orchester», es bestand aber kein Zweifel, dass hieraus die siebenteilige Suite «The Planets» entstehen sollte. Die sich aufdrängende Frage, warum es nur sieben und nicht neun Stücke waren, kann dadurch beantwortet werden, dass Pluto erst 1930 entdeckt wurde und zur Zeit der Entstehung (1914 – 16) somit unbekannt war. Eine Randbemerkung: 2006 wurde der Planetenbegriff neu definiert, wodurch Pluto seinen Status als Planet eingebüßt hat. Auch die Erde vertonte Holst nicht, weil ihr nach astrologischer Denkweise gänzlich andere Funktionen zufallen als den übrigen Gestirnen, die die Sonne umkreisen. Es blieben also sieben Planeten übrig, die Gustav Holst weder in der Entfernung zur Sonne oder zur Erde anordnete, sondern in der chronologischen Abfolge der Tierkreiszeichen, denen die Planeten zugeordnet sind – ein weiterer Beleg für die astrologische Durchdringung des Werks.

Die Suite für großes Orchester «The Planets» gliedert sich in sieben einzelne Sätze, die jeweils spezifische Charakteristika einer astrologischen Entität beleuchten. Die folgenden Erläuterungen zur Musik werden daher in jedem Abschnitt von einer Reihe von Stichworten und Assoziationen eingeleitet, die einer astrologischen Betrachtung des Werks entnommen sind:

«Mars, the bringer of war» (Stärke, Effizienz, Zerstörung, Aggression, männlich, ­eigensinnig, energisch, willensstark)Der Satz basiert auf einem durchgehend gepeitschten 5/4-Rhythmus. Die Blechbläser nehmen die thematische Führungsrolle ein und erzeugen effektvoll eine martialische Atmosphäre. Die tiefen Bläser grollen das aggressive Thema, das von den übrigen Instru­men­tengruppen in mehreren Etappen gesteigert wird. Das zweite Thema wird von den Posaunen vorgestellt und danach von den übrigen Blechbläsern entwickelt. Meisterhaft verschiebt Holst den tonalen Schwerpunkt um Nuancen – das Zentrum mäandert von C nach H, dann nach Des zurück und schließlich wieder nach C: ein verbissenes Kräfteringen, gefasst in Musik. Es folgt ein fanfarenartiges drittes Thema (Tenortuba), das mit Unterstützung der Trompeten ein scharf gezeichnetes Gesicht erhält. Einer Überleitung folgt der Wettstreit der Themen, die aufgespaltet und gegeneinander geworfen werden. Wir sind Zeugen eines Kampfes auf Leben und Tod, der sich glücklicherweise nur in der Partitur abspielt. Unerbittliche Schläge zertrümmern diese Szenerie und markieren das Ende des Satzes.Es ist einer jener merkwürdigen Zufälle, dass zum Zeitpunkt der Uraufführung der «Planeten» der erste Weltkrieg schon so gut wie vorbei war und man erkannt hatte, welch grauenhafte Entwicklung die Industrialisierung genommen hatte. Aufmärsche gigantischer Armeen, die Mechanisierung durch Panzer, Maschinengewehre und Giftgas, die unerbittliche Maschinerie der modernen Kriegsführung – all das meinte das Publikum als musikalische Reaktion auf den entsetzlichen Krieg zu hören. Tatsächlich war dieser Satz, wie alle übrigen auch, bereits vor 1914 fertig skizziert worden. Holst hatte mit seiner Musik zwar einen kriegerischen Charakter erzielen wollen, sich dabei aber bestimmt nicht auf den faktischen Weltkrieg bezogen.

«Venus, the bringer of peace» (Friede, Schönheit, Ausgewogenheit, Lieblichkeit, Passivität, weiblich, emotional)Der zweite Satz ist ein durchwegs überzeugender Kontrast zu der dramatischen Einleitung der Orchestersuite. Die drei Themen in diesem Satz sind alle miteinander eng verwandt und treten niemals in Konkurrenz zueinander. Hörner spielen das friedvolle erste Thema und werden dabei von den Holzbläsern unterstützt. Streicherzerlegungen schaffen einen romantischen Klangteppich, auf dem sich eine Solovioline mit einer kurzen Kantilene vorstellt. Im Wechselspiel von lyrischen Melodiebögen und dem unaufdringlichen Pulsieren der Bläser entsteht das Bild von verklärter Entrücktheit. Die Venus in diesem Stück ist keine Liebesgöttin, sondern tatsächlich der hellste Stern am Abendhimmel, zu dem man in friedlichen Augenblicken aufschauen mag.

«Mercury, the winged messenger» (Schnelligkeit, Geschäftigkeit, Kommunikation, erfindungsreich)Der Merkus ist ganz in der Manier eines Scherzos im 6/8-Takt komponiert. Die flackernden Kontraste zwischen den Holzbläsern und gedämpften Streichern schaffen eine leichtfüßige Atmosphäre, die in Ansätzen volksliedhafte Züge trägt. Das zentrale Stichwort des kurzen Satzes ist «Wendigkeit» und so eilt der Brennpunkt von einer Instrumentengruppe zur nächsten, ohne sich irgendwo zu manifestieren. In einem Buch über Astrologie, das sich in Holsts Besitz befand, wurde dem Merkur größte Anpassungsfähigkeit attestiert – diese Eigenschaft finden wir meisterhaft in Musik umgesetzt wieder.

«Jupiter, the bringer of jollity» (Freude, Würde, Großzügigkeit, Selbstbewusstsein, heiter, hoffnungsvoll)Der Jupiter ist eindeutig das fröhlichste und lebhafteste Stück der Suite. Holst selbst bemerkte zu dieser Musik, dass Jupiter nicht nur Glück im allgemeinen Sinn bringe, sondern auch religiöses und nationales Feiern symbolisiert. Dem festlichen Charakter entsprechend, werden auch fast alle Themen des Satzes von Blechbläsern eingeführt. Sie alle vermitteln lebensbejahende Freude, gesellige Einmütigkeit und Eintracht. Selbst in der langsamen Mittelpassage kommt ein Gefühl von Erhabenheit auf, das intuitiv das große Kollektiv zu beschwören scheint. Das Ende des Satzes ist wiederum eine Gegenüberstellung der flotten Themen, die eilig durcheinander wirbeln und sich schließlich in den festlich geschmetterten Schlussakkorden wiederfinden.

«Saturn, the bringer of old age» (Vergänglichkeit, Melancholie, Akzeptanz, geduldig, beständig)Der Saturn war Gustav Holsts persönlicher Lieblingssatz der Suite und stellt einen Abgesang auf das Leben dar. Aufgehängt an pulsierenden Akkorden der Flöten und Harfen erklingt das erlahmende Lamento der Kontrabässe, die an einen beschwerlichen Gang erinnern. Das Thema wird von den übrigen Streichern und den Holzbläsern aufgegriffen – immer wieder erklingt die markante Seufzerfigur im großen Sekundschritt unter den langsamen Flöten- und Harfenakkorden. Die Dramatik steigert sich und artet zu einer wuchtigen Prozession aus, die letztlich in Resignation steckenbleibt – ein Bild für den leiblichen Tod? Für den spirituell veranlagten Komponisten Holst ist das aber kein Schlusspunkt: Die Szene vom Beginn des Satzes wiederholt sich – diesmal hat der Gesang der Bässe aber etwas Verklärtes, Erhabenes. Die ehemals langsam pulsierende Begleitung der Flöten und Harfen wird in sphärisch anmutende Akkordzerlegungen ausgebaut, die Streicher begleiten den langsamen Aufstieg ins Elysium.

«Uranus, the magician» (Umwälzung, Sprunghaftigkeit, Virtuosität, erfindungsreich, listig)Der Uranus legt zu Beginn einen effektvollen Auftritt hin, indem er sich mit einer strengen Blechbläserfigur ankündigt, die die Pauke verknappt wiederholt. Der kurzen Einleitung folgt eine kecke Passage, die unweigerlich an den «Zauberlehrling» von Paul Dukas erinnert: Scharf punktierte Streicherfiguren spielen eine geisterhafte, unstete Tanzmusik, zu der irrlichternde Figuren herumflitzen. Die Blechbläser intonieren ein zünftiges Thema, das sich im Nichts verliert. Die düstere Fanfare vom Beginn leitet eine neue Entwicklung ein, in der das Bläserthema im punktierten Rhythmus aufgebrochen wird. Die Szene steigert sich zur aberwitzigen Pointe und stürzt danach ins Bodenlose. Aus den Niederungen kämpft sich einmal noch das kecke Motiv mit aufgesetzter Fanfare herauf.

«Neptune, the mystic» (Sensibilität, das «höhere Ich», Übergang zum Jenseitigen, feinfühlig, geheimnisvoll)Der Neptun erhebt die Suite – in seiner Funktion als Schlusssatz einerseits und durch seinen überirdischen Charakter andererseits – endgültig ins Extraterrestrische. Flöten und Bassflöten umspielen einander schwerelos, die Harfe streut ein paar Lichtfunken dazu. Die Violinen greifen den musikalischen Gedanken auf und führen ihn weiter; Flöten und Holzbläser steigern nun das Tempo, ohne den ruhigen Charakter der Musik zu beeinträchtigen. Irisierende Klangflächen von monumentaler Größe entstehen und lenken den Blick in die schier unendlichen Weiten des Alls. Es ist an der Zeit, den letzten Schritt in die geheimnisvolle Welt des Universums zu wagen, scheint der wortlose Sirenengesang des Chors zu locken. Mit einer sich perpetuierenden Phrase entschwebt der mystische Neptun ins Unendliche.

Die Suite «The Planets» stellt ein Meisterwerk der Programmmusik an der Schwelle von der ausgehenden Romantik zur Moderne dar und hat ihren verdienten Platz im Repertoire eingenommen. Eine geradezu schamlose Ausplünderung des Werks seitens der Unterhaltungsindustrie war der Rezeption bestimmt nicht zuträglich. Alleine die Häufigkeit, mit der der  «Mars»-Satz in Dokumentarfilmen über kriegerische Ereignisse eingesetzt wurde und wird, erwies weder dem Werk noch seinem Schöpfer einen  guten Dienst. Zu den positiven Auswirkungen der Suite gehören sicherlich Holsts immense kompositorische Errungenschaften, die durch Musenküsse an unzählige Filmmusikschaffende weitergegeben wurden und so bis heute weiterleben.

© Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft m.b.H. | Alexander Moore