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Schostakowitsch 15

Wien Musikverein | Großer Saal

  1. Wien Musikverein | Großer Saal
    In Kürze verfügbar

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    Das Konzert ist zur Zeit exklusiv im Abo erhältlich. Einzelkarten sind erhältlich ab 1.8.18 (mit Pluspunkt) bzw. ab 29.8.18 (Allgemeiner Verkaufsstart).

Interpreten

  • John Storgårds, Violine
  • John Storgårds, Dirigent

Programm

John Storgårds gehört zu den herausragenden finnischen Musikern, die als Dirigent und Virtuose reüssieren. In dieser Doppelrolle gestaltet er in der kammermusikalischen ersten Konzerthälfte die «Hermannstädter» Symphonie von Joseph Haydn, deren Abschrift 1946 in Siebenbürgen entdeckt wurde. Längst als Klassiker der Moderne etabliert ist das Konzert für Violine und Blasorchester von Kurt Weill. Auch den anspruchsvollen Solopart übernimmt der Dirigent. Das symphonische Schlusswort hat die an musikalischen Zitaten reiche und sich doch selbst genügende 15. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch.

Joseph Haydn

Symphonie G-Dur Hob. I:27 «Hermannstädter»

Sätze

  • Allegro molto

  • Andante siciliano

  • Finale:Presto

Dauer

14 Min.
Kurt Weill

Konzert für Violine und Blasorchester op. 12

Sätze

  • Andante con moto

  • Notturno - Cadenza - Serenata

  • Allegro molto, un poco agitato

Dauer

80 Min.

Entstehung

1924
Dmitri Schostakowitsch

Symphonie Nr. 15 A-Dur op. 141

Sätze

  • Allegretto

  • Adagio

  • Allegretto

  • Adagio - Allegretto

Dauer

42 Min.

Entstehung

1971

Dmitri Schostakowitsch trug sich Anfang des Jahres 1971 mit neuen symphonischen Plänen. Gegenüber einem jüngeren Komponistenkollegen, Boris Tischtschenko, meinte er: «Ich möchte eine fröhliche Symphonie schreiben.» Tatsächlich beginnt die Symphonie Nr. 15 A-Dur op. 141 mit einem scherzohaften Satz voller humoristischer Anklänge, doch ab dem zweiten Satz schlägt die Stimmung um: Trauer, Feierlichkeit, Zweifel, Sarkasmus und Todessehnsucht verdichten sich zu einem ergreifenden symphonischen Epilog. Der Komponist, der an einer schweren Herzerkrankung litt, ahnte wohl, dass die 15. seine letzte Symphonie sein würde. Der Sohn des Komponisten, der Dirigent Maxim Schostakowitsch, sagte, das Werk behandle «die Probleme des menschlichen Lebens von Anfang bis Ende». Der großteils intime, oft kammermusikalische Charakter mit zahlreichen solistischen Einsätzen (Violoncello, Kontrabass, Flöte, Posaune, Celesta u.a.) unterstreicht die Annahme, dass die Symphonie eine autobiographische Bilanz darstelle. Rückgriffe Schostakowitschs auf eigene Werke und Zitate von Themen anderer Komponisten geben darauf eindeutige Hinweise.

Der erste Satz knüpft an den unvergleichlichen kompositorischen Witz und Esprit Schostakowitschs an, wie man ihn aus vielen vorangegangenen Stücken kennt, etwa dem Konzert für Klavier, Trompete und Streicher, dem Finale der 6. Symphonie und den Ecksätzen der 9. Symphonie. Ein spritziges Flötenthema und ein von der Trompete angeblasenes Fanfarenmotiv lösen ein munteres Treiben aus, das in einem turbulenten, dichtgefügten neuen Themenkomplex in den Streichern mündet. Und dann meldet sich plötzlich Gioacchino Rossinis «Wilhelm Tell» zu Wort. Er fühlt sich in der pfiffigen thematischen Umgebung hörbar wohl. Eine Erklärung für dieses Zitat erhielt der russische Dirigent Michail Jurowski vom Komponisten selbst. Jurowski war als junger Assistenzdirigent beim Großen Moskauer Rundfunkorchester 1971 an der Einstudierung der Uraufführung der 15. Symphonie beteiligt. Schostakowitsch erzählte damals, dass er in seiner Kindheit durch ein geöffnetes Fenster in seinem Elternhaus in St. Petersburg oft eine falsch spielende Blasmusikkapelle aus dem benachbarten Park hörte, zu deren favorisierten Stücken die «Wilhelm Tell»-Ouverture zählte. In der Erinnerung an die Misstöne habe er dieses Stück immer gehasst, doch in der 15. Symphonie wollte er Frieden mit dieser Musik schließen.

Schostakowitsch tut dies auf zuhöchst originelle Weise, der Satz entwickelt sich zu einem Bravourstück, in dem Schabernack getrieben wird. Der Komponist verglich diesen Satz einmal mit einem «Spielzeuggeschäft», was die Aufarbeitung von Kindheitseindrücken unterstreicht. Im bunten Treiben geht völlig unter, dass das Fanfarenmotiv eine Zwölftonreihe einleitet. Auch in den folgenden drei Sätzen tritt jeweils eine Zwölftonreihe hervor, doch Schostakowitsch verarbeitet sie nie in der Schönbergschen Technik, vielmehr sucht er mit diesen Themen den Kontrast zum harmonischen System, an dem er in letzter Konsequenz festhält.

Im langsamen zweiten Satz, der mit einem feierlichen Choral in den Blechbläsern anhebt, verbirgt sich hinter dem von Schmerz erfüllten Rezitativ des Solocellos eine Zwölftonreihe. Aus Trillerketten des Cellos wächst dann ein Trauermarsch hervor, der von den Flöten angestimmt wird und der zu einem unheimlichen Cluster-Akkord der Holz- und Blechbläser führt. In der Folge wächst der Trauermarsch, angetrieben von den  pochenden Pauken, zu einem gewaltigen Ausbruch an. Dann sinkt die Musik in den Choral zurück, der nunmehr von den Streichern gespielt wird und in dem eine Sequenz der orthodoxen Kirchenmusik mitschwingt: «Lieber Gott, erhöre mich.» Celesta und Vibraphon erzeugen Glockengeläute.

Zu schnarrenden Bordunquinten der Fagotte geht der langsame Satz direkt in das folgende Scherzo über, einen Satz voller Sarkasmus. Die Klarinette und  später die Solovioline stimmen ein skurriles zwölftöniges Thema an. Auch in diesem kurzen Satz finden sich «inhaltliche» Hinweise. Der Schlussteil des ersten Themas enthält die Wendung der existenziellen Frage aus Ludwig van Beethovens Streichquartett op. 135: «Muss es sein? Es muss sein!» Und die Posaunen-Glissandi erinnern an die Liebesszene von Katarina und Sergej in der Schostakowitsch-Oper «Lady Macbeth von Mzensk». Eine bittere Erinnerung. Denn dieses in den Dreißigerjahren zunächst erfolgreiche Bühnenwerk wurde dann offensichtlich auf Stalins Geheiß mit einem Artikel unter dem Titel «Chaos statt Musik» in der «Prawda» vernichtend kritisiert, was gleichbedeutend war mit der Verurteilung Schostakowitschs als staatsfeindlichem Künstler. Jahrelang musste der Komponist damals vor den Todeskommandos Stalins zittern.

Seinen letzten Symphoniesatz beginnt Schostakowitsch mit Zitaten aus Opern Richard Wagners. Im Adagio-Tempo spielen die Blechbläser und Pauken das Motiv der «Todesverkündigung» Brünnhildes an Siegmund aus «Walküre»: «Nur Todgeweihten taugt mein Anblick. Wer mich erschaut, der scheidet vom Lebenslicht.» Das folgende Hauptthema im Symphoniesatz beginnt mit dem «Sehnsuchtsmotiv» aus «Tristan und Isolde». Daraus entspinnt Schostakowitsch im Allegretto-Tempo eine lyrische Melodie von berührender Schönheit, die jegliches Gefühl von Angst hinter sich lässt. Ein Schleier milder Wehmut legt sich über die Musik. Doch im Mittelteil des Satzes, einer leise beginnenden Passacaglia, tritt der Tod wieder unerbittlich in Erscheinung. Das Thema der Passacaglia ähnelt stark dem Xylophonthema im 5. Satz der 14. Symphonie, in dem Schostakowitsch das Gedicht «Die Wachsamen I» von Guillaume Apollinaire vertont hat: «Es muss heut’ abend sterben den Tod im Schützengraben, mein kleiner Sturmsoldat ...» Das Passacaglia-Thema ist aber auch mit dem Invasionsthema aus der 7. Symphonie verwandt, die Schostakowitsch während der Belagerung von Leningrad komponierte. Erschütternd ist zu hören, wie der Komponist in seinem letzten symphonischen Werk noch einmal die Schrecken der Epoche, in die er hineingeboren wurde, anklingen lässt – die Revolutionswirren, das Stalin-Regime, Hitlers Invasion. Die Passacaglia mündet in einem furchtbaren Akkord, der wie ein grelles Aufleuchten nach dem Einschlag einer Bombe wirkt.

Aus dieser Katastrophe steigt zögerlich das tröstliche lyrische Hauptthema hervor, das sich allmählich im Klappern des Schlagwerks verliert. Kleine Trommel, Tomtom, Kastagnetten etc. erzeugen einen hölzernen, knöchrigen Klang – als ob Gevatter Tod in Erscheinung tritt. Die Celesta und das Xylophon spielen leise klirrende Glockenklänge. Im Paradies schaut es ähnlich aus wie im Spielzeuggeschäft. Die Streicher schwingen sich zu einem verklärenden A-Dur-Akkord auf.

© NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Rainer Lepuschitz