Larcher & Bartók

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    im Abo erhältlich

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    Das Konzert ist zur Zeit exklusiv im Abo erhältlich, Einzelkarten (mit Pluspunkt) ab 18. August 2021, der allgemeine Verkauf startet am 1. September 2021.

Interpreten

  • Benjamin Beilman, Violine
  • Hannu Lintu, Dirigent

Programm

Franz Schubert
Ouvertüre zur Schauspielmusik «Rosamunde» D 797
- Pause -

Thomas Larchers Musik bringt eine Schönheit zum Klingen, die sich nicht vor Leid und Schmerz verschließt: In seinen packenden Werken wirken Realität und Utopie zusammen. Das Tonkünstler-Publikum weiß das etwa von Larchers Vokalsymphonie «Alle Tage» – jenes Werk übrigens, das das Orchester zusammen mit dem diesmal aufgeführten Violinkonzert und dem Solisten Benjamin Beilman auf CD gebannt hat. Der Finne Hannu Lintu ist hier wie dort der fabelhafte und schon erprobte Partner der Tonkünstler am Dirigentenpult: Franz Schuberts Festklänge und Béla Bartóks brillante Inszenierung orchestraler Farben und Stimmungen bilden den prächtigen Rahmen.

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Thomas Larcher

Konzert für Violine und Orchester

Sätze

  • Slow. Very fast

  • Flowing. Slow, static. Double Tempo

Dauer

24 Min.

Entstehung

2008
Béla Bartók

Konzert für Orchester

Sätze

  • Introduzione. Andante non troppo - Allegro vivace

  • Giuoco delle coppie (Spiel der Paare). Allegretto scherzando

  • Elegia. Andante, non troppo

  • Intermezzo interrotto. Allegretto

  • Finale. Presto

Dauer

38 Min.

Entstehung

1943

Béla Bartóks Leben war in der Zeit, als er das Concerto (Konzert für Orchester) schrieb, schon von Tragik überschattet. 1941 hatte der Ungar ins amerikanische Exil gehen müssen, wo er sich, seiner Heimat entwurzelt, stets als Fremder fühlte: einsam, unverstanden, weil man sein Werk, das sich außerhalb der konventionellen Normen bewegte, nicht verstand, und daher ohne Aufträge, ohne Schaffensfreude, ohne finanzielle Rücklagen. Noch dazu verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends, was sich in zunehmender Schwäche äußerte – ohne dass man die Krankheit damals überhaupt benennen konnte, da die modernen Diagnoseverfahren noch nicht existierten. Heute weiß man, dass Bartók an Leukämie litt.

Als sich Bartók, resigniert und gesundheitlich schwer angeschlagen, im Sommer 1943 in das New Yorker Doctor’s Hospital begeben musste, ahnte er wohl kaum, dass es noch einmal eine Wende in seinem Leben geben sollte. Diese kam in der Person des berühmten russischen Dirigenten und Leiter des Boston Symphony Orchestra, Serge Koussevitzky, der überraschend im Spital auftauchte: Im Namen der Koussevitzy-Stiftung bat er den Komponisten um ein Orchesterwerk, subventioniert mit der für damalige Verhältnisse sehr hohen Summe von 1.000 Dollar. Es sollte ein besonderes Werk werden, eine Widmung an Koussevitzkys eben verstorbene Frau Natalie. Obwohl Bartók befürchtete, nicht mehr genügend Kraft zur Vollendung der Komposition zu haben, willigte er, in Anbetracht der hohen Geldsumme, ein. Manchmal vermag seelische Kraft Wunder zu vollbringen – jedenfalls verbesserte sich seine Gesundheit von diesem Augenblick an schlagartig: Bald verließ er das Krankenhaus und begab sich Mitte August an den Lake Saranac, einen abgelegenen ruhigen Ort, wo er in großem Eifer, fast Tag und Nacht, an der neuen Komposition arbeitete und sie tatsächlich in nur zwei Monaten vollendete.

Die Uraufführung ließ dann etwas auf sich warten – sie fand erst am 1. Dezember des folgenden Jahres in Boston statt; die Ausführenden waren das Boston Symphony Orchestra unter Koussevitzkys Leitung. Bartók war nicht nur bei den Proben zugegen, er schrieb auch eine Einführung für das Programmheft. In wenigen Worten fasste er die Konzeption des Konzerts wie folgt zusammen: «Die allgemeine Stimmung der Komposition kann – mit Ausnahme des spaßigen zweiten Satzes – als ein schrittweiser Übergang vom Ernst des ersten Satzes und dem Klagelied des dritten zur Lebensbejahung des Schlusssatzes angesehen werden. Der Titel des symphonieartigen Orchesterwerkes wird durch die konzertierende oder solistische Instrumentengruppe gerechtfertigt. So werden z. B. die Blechbläser in den Fugato-Abschnitten der Durchführung im ersten Satz ‹virtuos› eingesetzt, die Streicher in den ‹perpetuum mobile›-artigen Passagen des Hauptthemas im letzten Satz, insbesondere aber im zweiten, wo die Instrumente jeweils paarweise nacheinander konzertieren und brillante Passagen ausführen.»

Damit ist auch schon das Wichtigste beschrieben: einerseits das kompositorische Konzept, die konzertante Anlage, andererseits die dem Werk zugrunde liegende Stimmung – immerhin handelte es sich ja um eine Art «Requiem» für die verstorbene Natalie Koussevitzky, weshalb Bartók darauf auch Wert legte: im Grunde genommen aber typisierte er damit eher seinen eigenen Weg und den Triumph des Lebens über Trauer und Leid.

Wie schon erwähnt, ist das Konzert für Orchester im Grunde genommen eine Symphonie mit konzertanten Elementen, nachempfunden dem barocken Concerto grosso – dies kennzeichnet Bartóks Spätwerk, in dem er eine formale und stilistische Synthese zwischen modernen und traditionellen Prinzipien anstrebt. Das Konzert besteht aus fünf Sätzen und ist symmetrisch angelegt: um den als Kern des Werkes zu verstehenden langsamen dritten Satz gruppieren sich zwei scherzandoartige Allegretto-Sätze; die Ecksätze wiederum besitzen einen lebhaft-gravitätischen Charakter.

Mit mystisch zu nennenden Klängen – vielleicht auch im Hinblick des «Requiems» – beginnt der erste Satz, der sich in der Folge mit zwei kontrastierenden Teilen charakterisiert: einem fanfarenartigen Hauptthema mit ungarischem Kolorit und einem lyrischen Seitenthema.

«Giuoco delle coppie», der Titel des zweiten Satzes, bedeutet «Spiel der Paare»: und in der Tat «tanzen» jeweils zwei Instrumente gemeinsam einen musikalischen Tanz mit jeweils eigenem Thema, in verschiedenen Intervallabständen.

Mit seinem düster-elegischen Charakter bildet der Mittelsatz, den Bartók «kummervolles Klagelied» genannt hat, nicht nur den Kern des Werkes, sondern er ist zugleich auch eine emotionale Äußerung des Komponisten, der den Verlust seiner Wurzeln beklagt. «Verschwommenes Gewebe gestaltenloser Motive», so benennt er selbst das trostlos anmutende Gerüst, das die drei Themen des Satzes umgibt, und das zweifellos als Abbild seiner eigenen Umgebung angesehen werden kann.

Unterstrichen wird diese Beobachtung durch den vierten Satz, bezeichnet mit «Intermezzo interrotto» (unterbrochenes Zwischenspiel), der ungarisches Kolorit, Tanzszenerie vorspiegelt – doch alles in merkwürdiger Verzerrung. Bartók selbst meinte dazu: «Die Form kann durch Buchstaben folgendermaßen bezeichnet werden: ABA – Unterbrechung – BA.» Doch ist es gerade diese Unterbrechung, die den wahren Hintergrund kennzeichnet: hier geht es nicht um ein lustiges Scherzando, wie es ein Zitat aus Lehárs «Lustiger Witwe» glauben macht, sondern darum, wie Aggressivität, laute Persiflage die heitere Tanzatmosphäre zunichte macht – wieder eine persönliche Stellungnahme des Komponisten, der wegen des Krieges seine Heimat verlor. Dennoch endet der Satz in sanfter, versöhnlicher Atmosphäre. Oft wird übrigens behauptet, dass Bartók ihn als Persiflage auf Schostakowitschs 7. Symphonie schrieb, in der eben dieses Lehár-Thema fast penetrant häufig wiederholt wird – was Bartóks Sohn Peter aber, nach dem Tod des Vaters, dementiert hat.

Der letzte Satz, eingeleitet von einem Hörner-Fanfarenthema, weist nicht nur zurück auf den Beginn des Konzerts – er ist mit seinem Volkstanzcharakter auch ein Symbol für die Rückkehr ins Leben, für das Über-Leben, für die Existenz Ungarns über jeden Krieg hinaus. Ein vor Lebendigkeit sprühender Satz, eine Beschwörung der Heimat, die Bartók nicht mehr wiedersehen sollte: er starb neun Monate nach der Uraufführung des Konzerts für Orchester.

© NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Astrid Schramek