Erklärt. Erlebt! | Lieben Sie Tschaikowski

Wien Musikverein Großer Saal Musikverein | Großer Saal

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    im Abo erhältlich

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    Das Konzert ist zur Zeit exklusiv im Abo erhältlich, Einzelkarten (mit Pluspunkt) ab 18. August 2021, der allgemeine Verkauf startet am 1. September 2021.

Interpreten

  • Kirill Maximov Nezalizov, Violine
  • Albert Hosp, Moderation
  • Emmanuel Tjeknavorian, Dirigent

Programm

«Wieviel Poesie und welche Sehnsucht in diesen Sons voilés, den geheimnisvollen Tönen!», schwärmte Tschaikowskis Mäzenin Nadeschda von Meck über den Mittelsatz von Pjotr Iljitsch Tschaikowskis fulminantem, aber zunächst für unspielbar gehaltenen Violinkonzert, das von lyrischen Gesängen über festliche Polonaisenklänge und hochvirtuose Kapriolen bis zu rasanter russischer Volksmusik reicht. Kirill Maximov, Erster Konzertmeister der Tonkünstler, und der Geiger und Dirigent Emmanuel Tjeknavorian sind das ideale Team, um vor einem neugierigen Publikum gemeinsam mit Albert Hosp die Geheimnisse des Werks zu lüften.

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Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35

Sätze

  • Allegro moderato

  • Canzonetta. Andante -

  • Finale. Allegro vivacissimo

Dauer

35 Min.

Entstehung

1878

Pjotr Iljitsch Tschaikowski komponierte in dem idyllischen Weindorf Clarens am Genfer See im Frühjahr 1878 innerhalb weniger Wochen das Violinkonzert D-Dur op. 35. Im Schweizer «Exil», in das er nach einem psychischen Zusammenbruch als Folge der überstürzten Verehelichung mit Antonia Miljukowa geflüchtet war, fand er zu großer schöpferischer Kraft zurück. Große Teile der Oper «Eugen Onegin» wurden dort fertig gestellt, danach regte ihn der Besuch des jungen Geigers Joseph Kotek, eines Schülers des Brahms-Freundes Joseph Joachim, zur Komposition des Violinkonzertes an. Koteks Ratschläge zur Spieltechnik wirkten sich auf den zuhöchst anspruchsvollen Solopart aus.

Der berühmte Geiger Leopold Auer, dem Tschaikowski das Werk widmen wollte, lehnte es gar als unspielbar ab. Erst im Dezember 1881 fand in Wien die Uraufführung statt – mit dem jungen Geiger Adolf Dawidowitsch Brodsky, der in Wien studiert hatte und die Wiener Philharmoniker und den Dirigenten Hans Richter für das Werk gewinnen konnte. Die Kritiken fielen allerdings nicht rosig aus, so ließ sich etwa der gefürchtete Eduard Hanslick zu folgender Beurteilung hinreißen: «Tschaikowskis Violinkonzert bringt uns zum ersten Mal auf die schauerliche Idee, ob es nicht Musikstücke geben könnte, die man stinken hört.»

Doch der vermeintliche «Gestank» verbreitete sich bald als beliebter konzertanter Wohlklang in der ganzen Musikwelt. Hanslicks Kritik erscheint auch insofern unverständlich, setzte doch Tschaikowski gerade im Violinkonzert äußerst subtil die thematischen Einfälle um. Die slawisch-romantische Ausdruckssprache ist von Innigkeit und Tiefe erfüllt, gerät nie an die Oberfläche und verbreitet nicht den Geruch des ungustiös Plakativen. In der Form und Gestaltung be-hält Tschaikowski klassisches Ebenmaß. So wie bei den Tonarten-Genossen, den Violinkonzerten von Beethoven und Brahms, verschmelzen in Tschaikowskis D-Dur-Konzert lyrisch-gesangliche Eigenschaften, wie sie zum Charakter des Soloinstrumentes gehören, mit symphonischen Konturen.

Der Kopfsatz (Allegro moderato) entwickelt sich aus verhaltener Bewegung allmählich zu epischer Größe, bis am Ende der Exposition erstmals das edle Hauptthema im ganzen Orchester auftrumpft. Tschaikowski verdichtet dann Schicht für Schicht das Geschehen. So verteilt er etwa das Hauptthema auf virtuoses Figurenwerk der Solovioline, die die zunächst kantabel geschwungene Thematik zunehmend dramatisch verdichtet, darin unterstützt vom Orchester. Auch in der Kadenz, die im Rahmen des thematischen Prozesses bereits am Ende der Durchführung platziert ist, setzt die Violine die motivische Entwicklung fort und gefällt sich nicht bloß in virtuoser Selbstdarstellung. In der Reprise verstärkt Tschaikowski durch wonnevolle Ausbreitungen die Bedeutung des Seitenthemas. In der Coda zieht er das Tempo an und erzeugt die Wirkung einer Stretta. In der Canzonetta (Andante) folgt einem Holzbläservorspiel eine innige Hauptmelodie in der Violine, mit der Tschaikowski noch einmal in die Welt des melancholischen Lenski in der Oper «Eugen Onegin» eintauchte. Das zweite Thema bringt freudige Bewegung ins Spiel, bis die Kantilene, nun von typischen Tschaikowskischen Tontupfern in den Holzbläsern begleitet, wiederkehrt.

Wie ein Peitschenschlag saust ein Akkord dazwischen, mit dem das Orchester das Finale (Allegro vivacissimo) eröffnet und ein The-ma in Gang setzt, das – in der Canzonetta schon in einer Vorgestalt leise angekündigt – nun zur Triebfeder eines mitreißenden Rondos wird. Die Gestalt des Hauptmotivs hat durch und durch russische Wurzeln, die zu einem anderen Werk ausschlagen: Das Motiv ähnelt stark dem zweiten Thema aus Michail Glinkas Fantasie «Kamarinskaja», das wiederum auf ein russisches Volkslied zurückgeht. Das Seitenthema des Tschaikowski-Finales lässt sich hingegen in seinen Ursprüngen der russischen Zigeunermusik zurechnen (wir kennen eine solche volksmusikalische Note von Brahms, der gerne magyarische Anklänge ins Spiel brachte). Auch in dieses furiose Finale schiebt Tschaikowski noch lyrische Perioden mit einem sehnsuchtsvoll von der Oboe angestimmten und von Klarinette, Fagott und Solovioline aufgegriffenen dritten Themengebilde ein und schafft damit einen zyklischen Stimmungsbogen, der mit einem brillanten Ausklang geschlossen wird.

© NÖ Tonkünstler Betriebsgessellschaft m.b.H. ׀ Rainer Lepuschitz