Prélude

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  1. Grafenegg Auditorium Auditorium

Interpreten

  • Jugendsinfonieorchester Niederösterreich
  • Vladimir Prado, Dirigent

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Nikolai Rimski-Korsakow

«Scheherazade» Symphonische Suite für Orchester op. 35

Sätze

  • Das Meer und Sindbads Schiff (Largo e maestoso - Allegro non troppo)

  • Die Geschichte vom Prinzen Kalender (LEnto - Andantino - Allegro molto - Con moto)

  • Der junge Prinz und die junge Prinzessin (Andantino quasi allegretto - Pochissimo più mosso - Come prima - Pochissimo più animato)

  • Fest in Bagdad. Das Meer. Das Schiff zerschellt an einer Klippe unter einem bronzenen Reiter (Allegro molto - Vivo - Allegro non troppo maestoso)

Dauer

41 Min.

Entstehung

1887/88

Nikolai Rimski-Korsakow hat der Partitur der symphonischen Suite «Scheherazade» ein Einleitungswort vorangestellt, mit dem er den inhaltlichen Ausgangspunkt und Rahmen seiner musikalischen Erzählung festhält, aber auch verschlüsselt die musikalische Form preisgibt:

«Der Sultan Schahriar, überzeugt von der Falschheit und Untreue der Frauen, hatte geschworen, jede seiner Frauen nach der ersten Nacht töten zu lassen. Aber Scheherazade, die Tochter des Großwesirs, rettete ihr Leben, indem sie sein Interesse fesselte durch die Märchen, die sie ihm während Tausendundeiner Nächte erzählte. Unter dem Eindruck der Spannung schob der Sultan von Tag zu Tag Scheherazades Tötung hinaus, und endlich ließ er den grausamen Beschluss völlig fallen. Sehr viele Wunder wurden dem Sultan Schahriar von Scheherazade erzählt. Für ihre Erzählungen entlehnte sie den Dichtern die Verse, den Volksliedern die Worte, und sie schob dieselben ineinander.»

Mit dem letzten Satz deutete Rimski-Korsakow ein Spezifikum seiner Kompositionstechnik in «Scheherazade» an. Alle vier Teile hindurch überlagerte er die beiden thematischen Ebenen und ihre Variationen: das von fallenden Intervallsprüngen und starker Gestik dominierte Sultan-Motiv und die verzierungsreiche, figurative und betörende Melodie der Prinzessin. Der Komponist verwandelte die beiden Leitthemen der jeweiligen Stimmung entsprechend. Der Sultan wird zum Beginn der Komposition mächtig, bedrohlich, ja brutal vorgestellt. Doch später ändert sich das Thema in sanfte Begierde, wenn es etwa die Celli als Kantilene spielen, oder es erklingt in pulsierender Erregung und schließlich in überzeugter Ergebenheit. Die Melodie der Prinzessin wiederum trägt deren Vorhaben, mit den Geschichten nicht enden zu wollen, in sich – eine schier unendliche, in sich kreisende Girlande aus Tönen, die den Hörer mit sich zieht und fesselt. Das Scheherazade-Thema ist meist der Solovioline mit Harfenbegleitung zugeteilt.

In diese beiden Hauptthemen schob Rimski-Korsakow auch anderes thematisches Material ein, das die Stimmung der Geschichten andeutet, die Scheherazade erzählt: «Das Meer und das Schiff des Sindbad», «Die Erzählung des Prinzen Kalender», «Der junge Prinz und die junge Prinzessin», «Fest in Bagdad; das Meer. Das Schiff zerschellt an dem Felsen in Form eines ehernen Reiters». Die Titel  dieser Geschichten stellte Rimski-Korsakow erst auf Anraten von seinem Kollegen Anatol Liadow über die vier Sätze, die eigentlich neutrale Bezeichnungen tragen sollten: Prélude, Ballade, Adagio und Finale. Rimski-Korsakow wehrte sich gegen eine allzu deutliche programmatische Deutung seiner Musik: «Die Überschriften waren nur dazu gedacht, die Fantasie des Hörers in die Richtung zu lenken, die meine eigene Fantasie beim Komponieren gegangen war. Die Ausmalung der Details sollte dem Vorstellungsvermögen und der Stimmung jedes einzelnen Hörers überlassen bleiben.»

Halten wir uns also an die Empfehlung des Komponisten und verzichten auf eine inhaltliche Deutung der vier Teile. Lenken wir die Aufmerksamkeit vielmehr auf die fabelhafte Klanggebung und die hohe Instrumentierungskunst Rimski-Korsakows, die sich der ausgebildete Marine-Soldat in jahrelangen Studien von Partituren Franz Liszts und Hector Berlioz’ angeeignet hatte. Damit wandte er sich auch allmählich vom Dogma des so genannten «Mächtigen Häufleins» ab, wie ein Komponistenkreis um Mili Balakirew, Cesare Cui und Modest Mussorgski genannt wurde, der jegliche akademische musikalische Ausbildung nach westlichen Vorbildern ablehnte und allein auf die Kraft der Inspiration und die Nähe zur volkstümlichen sowie sakralen russischen Musik setzte. Eine Zeit lang ging Rimski-Korsakow den Weg der «Mächtigen» mit, die Ausprägung einer «nationalen russischen Musik» vor Ohren, doch irgendwann, als er an satztechnische Grenzen und auf Probleme in der Strukturbildung stieß, beschäftigte er sich intensiv mit der Formen- und Harmonielehre und mit der Kontrapunkttechnik und holte sich auch Rat bei Peter Iljitsch Tschaikowski. Rimski-Korsakow ist es letztlich gelungen, die Idee von einer ursprünglichen, von der Inspiration lebenden und auf volksnahe Themen zurückgehenden Musik mit den «akademischen», kunstmusikalischen Kriterien zu vereinen. Schließlich wurde er als Kompositionslehrer am St. Petersburger Konservatorium selbst eine Autorität in der kompositionstechnischen Ausbildung und gab sein Wissen und seine Erfahrung an eine nachfolgende Musikergeneration weiter. Zu seinen Schülern zählten Alexander Glasunow, Ottorino Respighi und Igor Strawinski.Ging Rimski-Korsakow vor allem als Opernkomponist in die russische Musikgeschichte ein, der mit Werken wie «Mlada», «Sadko», «Mozart und Salieri», «Die Zarenbraut», «Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch» und «Der goldene Hahn» einen beeindruckenden slawischen Gegenentwurf zur dominanten Opernwelt Richard Wagners schuf, so komponierte er doch auch originelle Orchesterwerke und entwickelte eine eigenständige Idee der Tondichtung. In Hinblick darauf waren die Jahre 1887/88, in denen «Scheherazade» entstand, besonders ergiebig. So komponierte Rimski-Korsakow auch die große Ouvertüre «Russische Ostern» und das «Capriccio Espagnol». Vergleicht man die drei Werke, so erkennt man Rimski-Korsakows große Fähigkeit zur musikalischen Illustration vorgegebener Bilder und Stimmungen. In «Russische Ostern» spiegelt er den grandiosen Prunk des Osterfestes in der russisch-orthodoxen Kirche wider (auch hier lässt Rimski-Korsakow übrigens, wie in «Scheherazade», einen wirkungsvollen Kontrast zwischen einer wuchtigen Gestalt des Hauptmotivs und einer Violinsolomelodie entstehen). Im «Capriccio Espagnol» gibt er spanischen Lied- und Tanzmelodien das passende, sprühend-vibrierende Kolorit durch raffinierte Orchestereffekte. In «Scheherazade» vermittelt er mit klanglich einfühlsamer Instrumentierung eine angespannt-hitzige Situation im orientalischen Harem.

Neben der Violine teilte Rimski-Korsakow in «Scheherazade» auch mehreren Holz- und Blechbläsern solistische Aufgaben zu. Das Fagott und die Oboe eröffnen mit einer etwas burlesken und dem Prinzessinnenthema verwandten Melodie den zweiten Teil, später schlagen Trompete und Posaunen mannhafte Signale an, ehe das Fagott mit einer Kadenz die anderen Holzbläser auf animierende Triolenbewegungen einstimmt. Im dritten Teil schlägt die Stunde der Klarinette, die mit atemberaubenden Läufen und grazilen Schritten betört und schließlich die anderen Holzbläser an den Händen nimmt und zu einem schwungvollen Tänzchen verführt. Hier erzeugt Rimski-Korsakow eine wahrhaft märchenhafte Stimmung. Im Finale stimmen, nach dem Beginn des ganzen Orchesters mit dem ungeduldig wirkenden Sultan-Thema, die Flöten in  tiefer Lage einen spannenden Tanz an, der sich zu einem echten Bacchanal steigert. Das letzte Wort behält aber doch die «ewige» Melodie der Solovioline, also Scheherazades sanfte Stimme.Auch wenn seine Tonsprache monumental-symphonisch und seine Themen konkret-fasslich sind, so hat Rimski-Korsakow doch dem musikalischen Impressionismus schon wesentliche Anhaltspunkte gegeben. Er ist zweifellos der Klangmaler unter den russischen Komponisten gewesen.

© NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Rainer Lepuschitz