Jean Sibelius

«Finlandia» op. 26

Sätze

  • Andante sostenuto - Allegro moderato - Allegro

Dauer

8 Min.

Entstehung

1899

Jean Sibelius’ Nachname vervollständigt ein viel zitiertes Lebensrezept der Finnen, das sich aus drei prägnanten Wörtern zusammensetzt: Sauna – Sisu – Sibelius. Das zweite Wort «Sisu» hat viele Bedeutungen: Am ehesten könnte es mit Beharrlichkeit, Kampfgeist oder Standfestigkeit übersetzt werden. Den regelmäßigen Saunagang, die Beharrlichkeit und die Musik von Jean Sibelius sollte man also verinnerlicht haben, um das Leben im waldreichsten Land Europas zu verstehen. Und gerade mit «Sisu» und Jean Sibelius sollte man die berühmte Tondichtung «Finlandia» auch in Verbindung bringen.

Als eine der erfolgreichsten Kompositionen Sibelius’ hat das Stück einen besonderen Stellenwert im musikalischen Bewusstsein der Finnen erlangt. «Finlandia» ist der kraftstrotzende Urschrei nach Unabhängigkeit. Dieser unbändig starke Wille nach Freiheit ist durch einen Blick in die finnische Geschichte leicht zu erklären: Finnland war über Jahrhunderte hinweg ein Spielball zwischen dem schwedischen Königreich und dem zaristischen Russland. Militärische Auseinandersetzungen auf finnischem Boden verschoben Grenzen; alte Gouverneure gingen, neue kamen. Die scheinbar endgültige Entscheidung über Finnland fiel im Schwedisch-Russischen Krieg 1808/09, als das Gebiet an Russland fiel. Zar Alexander I. er-kannte, dass sich die Finnen nicht ohne Weiteres in sein Reich eingliedern würden und erhob das Land zum Großfürstentum mit einer selbständigen Regierung und Gesetzgebung. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts pflegte man in Finnland einen Weg des Kompromisses: Prosperität und innerer Friede im Tausch gegen Selbst-bestimmung – das Großherzogtum Finnland blieb aber weiter-hin Teil Russlands. Unter Zar Alexander II. (1855 – 1881), der die Zügel lockerer ließ als seine Vorgänger, nahm der politische Schwung zu. Unter Nikolaus II. (1894 – 1917) verschlechterten sich die Dinge für die Finnen aber merklich. Ein wesentlicher Grund war die Installation des Generals Nikolai Bobrikow als Gouverneur in Finnland im Jahr 1898. Bobrikows Auftrag war es, die Russifizierung Finnlands voranzutreiben und jegliche separatistischen Ansätze zu unterbinden. Im Jahr 1900 verfügte er, dass die Korrespondenz zwischen den Behörden in russischer Sprache zu führen sei. Der Russisch-Unterricht sollte in den Schulen verstärkt werden. 1901 wurde die eigenständige finnische Armee abgeschafft. Finnische Wehrpflichtige waren von nun an gezwungen, in russischen Einheiten im ganzen zaristischen Reich Dienst zu tun. 1903 gab Zar Nikolaus II. General Bobrikow weitere Sondervollmachten. Er hatte künftig das Recht, direkt finnische Staatsbeamte zu entlassen. Außerdem erhielt er weitgehende Zensurrechte gegenüber den finnischen Zeitungen und schränkte die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit ein. Bobrikow schrieb: «Russlands Würde fordert es […], dass Finnland, mit harter Hand regiert, schrittweise so umgebildet wird, dass es auch äußerlich als eine russische Grenzprovinz erkennbar ist, und während dieser Erneuerungsarbeit unvermeidlich zu Tage tretende Ausbrüche von Bosheit und Widerstandswillen sind um jeden Preis zu zerschlagen.» Finnland wurde zum Pulverfass; wenige Jahre später wurde Bobrikow von einem fanatischen Nationalisten in Helsinki erschossen, was die Stimmung weiter aufheizte.

Die Entstehung von «Finlandia» fällt in jene Zeit, in der Bobrikow gerade einmal ein Jahr im Amt war. In weiten Teilen Finnlands war man sich einig, dass die Situation nicht länger hinnehmbar war; Jean Sibelius war derselben Meinung. Allerdings zog er es vor, sich künstlerisch auszudrücken, die politische Betätigung überließ er anderen. Sein «Gesang der Athener», komponiert im Frühjahr 1899, wurde in Windeseile zum musikalischen Symbol für die Auflehnung gegen den Zaren. Sibelius war nolens volens zu einer der führenden künstlerischen Figuren des Widerstands geworden. Obwohl das offizielle Finnland unter eiserner russischer Hand war und man die Presse sukzessive durch Stilllegungen von Druckereien und weitere Re-pressalien in die Enge trieb, lief der Musikbetrieb einigermaßen unberührt weiter. Die Reaktion darauf waren die «Pressetage» vom 3. bis 5. November 1899, die offiziell zu Gunsten der Rentenkasse für Journalisten abgehalten wurden. Tatsächlich war die Veranstaltung aber als moralische Unterstützung für Finnlands kämpfende Presse gedacht. Für die Galavorstellung am 4. November hatte sich der Leiter des Finnischen Theaters in Helsinki eine Reihe historischer Tableaus ausgedacht, die mit Texten namhafter Dichter und Musik von Jean Sibelius untermalt werden sollte. Das letzte dieser Tableaus hieß «Finnland erwache» und erinnerte an Schlüsselmomente der finnischen Geschichte, darunter auch die erste Eisenbahnlokomotive, die im Land fuhr, und die Sibelius so trefflich am Ende des Tableaus vertonte.

Der Komponist zeigte sich in diesem vergleichsweise kurzen Stück als glühender Patriot; die Musik wurde zu einem spontanen Erfolg, Sibelius hatte die Sorgen und Sehnsüchte seiner Landsleute so gut eingefangen wie niemand zuvor. Das Grollen der Blechbläser war von ihm eigentlich dazu gedacht, das Gemurmel im Saal bei der Aufführung zum Verstummen zu verbringen, stellt gleichzeitig aber den verbissenen Grimm der zaristischen Umklammerung dar. Zaghaftes Flehen und Weinen wird mehr und mehr durchsetzt von wütenden Einwürfen – Finnland beginnt zu erwachen. Am Ende dieses Prozesses steht ein markiges Thema aus fünf Tönen, es eilt vorwärts und verströmt Kraft und Zuversicht. Festlich und freudig eilt die Musik ihrem hymnischen Finale entgegen.

Als man im Frühjahr 1900 das Gastspiel des Philharmonischen Orchesters Helsinki bei der Pariser Weltausstellung vorbereitete, wurde Sibelius eingeladen, aus diesem Anlass eine Ouvertüre zu komponieren. Anstelle eines neuen Stücks offerierte er seinen Sensationserfolg aus der Tableaumusik und gab die Komposition unter dem Titel «Finlandia» heraus. Als Beitrag zur – letztlich erfolgreichen – Unabhängigkeitsbewegung darf «Finlandia» seinen fixen Platz in der (Musik-)Geschichte beanspruchen. Nach weiteren Jahren des Ringens erklärte Finnland in den Nachwehen der Oktober-revolution am 6. Dezember 1917 seine Unabhängigkeit, die von Lenin umgehend akzeptiert wurde. «Finlandia» war aber nicht nur bei den Finnen enorm populär, sondern erfreute sich schon bald in weiten Teilen der Welt großer Beliebtheit. «Finlandia» verkörpert das allgemeingültige Wesen der Bedrohung, der Revolte, des Gebets, der Glaubensgewissheit und der Zuversicht.

© NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Alexander Moore

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