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Es wird märchenhaft!

So viel wunderbare Musik: Welche Geschichten die neue Abonnementsaison mit den Tonkünstlern erzählt

Von der kleinen Seejungfrau über «Das klagende Lied» bis zu Herzog Blaubart – zahlreiche, auch weniger bekannte Märchen waren Inspiration für Werke, die in der Saison 26–27 in Konzerten des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich zur Aufführung kommen.

Brutalität und eine Atmosphäre, die dennoch anziehend wirkt: Wie oft liegen sie bei Märchen nah beisammen. So ist es auch bei jenen alten Geschichten der Fall, die Inspiration für die Werke waren, welche bei den Konzerten der Tonkünstler Ende September präsentiert werden. Sie stehen am Anfang einer Saison, durch die sich Märchen generell wie ein roter Faden ziehen.

«Das klagende Lied» von Gustav Mahler für Soli, gemischten Chor und Orchester, das Chefdirigent Fabien Gabel für die ersten Konzerte der Saison ausgewählt hat, ist beispielsweise auf eine besonders traurig-schaurige Schöpfung der Gebrüder Grimm zurückzuführen, die Ludwig Bechstein dann auch in sein «Neues deutsches Märchenbuch» aufgenommen hat. Im Original wetteifern zwei – oder in einer anderen Fassung sogar drei – Brüder um die Hand der Königstochter, dabei schaltet einer den anderen aus, indem er ihn erschlägt. Doch als ein Hirte einen Knochen des Verstorbenen findet, erklingt aus diesem wie aus einer Flöte ein klagendes Lied, das allen die Wahrheit erzählt. Bei Bechstein seinerseits ist es ein Bruder, der seine Schwester umbringt, um sie als Konkurrentin um den Königsthron aus dem Weg zu räumen. Doch auch hier verrät das Lied, das aus dem flötengleichen Knochen klingt, den Mörder. Mahler verwendete das Märchen für seine frühe Kantate «Das klagende Lied», die er kaum 20-jährig schrieb. 

Von einem Mord innerhalb der Familie berichtet auch der märchenhafte Stoff «Pelléas et Mélisande» nach Maurice Maeterlinck, in der sich zwei Brüder in eine geheimnisvolle junge Frau verlieben, wobei einer den anderen tötet. Nicht nur die berühmte Oper von Claude Debussy basiert auf diesem Stoff, sondern auch seine von feinsinnig-opulenten Klängen gekennzeichnete Konzertsuite, die man in der Bearbeitung von Alain Altinoglu an den Beginn dieses Konzerts der Tonkünstler stellen wird.

© parole/KI midjourney

Ebenfalls von Gräueltaten erzählt das alte persische Märchen «Shéhérazade»: Die gleichnamige listige Tochter des Wesirs des persischen Königs führt den Herrscher an der Nase herum. Denn er, der einst betrogen wurde und dies unterbinden will, heiratet jeden Tag eine neue Frau, die er am nächsten Morgen töten lässt. Um das zu verhindern, lässt Shéhérazade sich selbst mit ihm vermählen und erzählt ihm jede Nacht eine Geschichte – doch stets bleibt sie ihm das Ende schuldig, weswegen er sie aus Neugierde und aus dem Wunsch heraus, dass sie ihm weitererzähle, verschont. All das zieht sich über die berühmten 1001 Nächte, bis der König von ihrer Treue überzeugt ist. 

Shéhérazade ist somit die Hauptfigur der Rahmenhandlung der berühmten persischen Märchensammlung «Tausendundeine Nacht», die vielfach Inspiration für fernöstlich beeinflusste Filme, Ballette und Musikwerke war, bei letzteren etwa von Nikolai Rimski-Korsakow bis John Adams. Im Fall des Saisoneröffnungs-Konzerts des Tonkünstler-Orchesters greift man auf Maurice Ravels «Shéhérazade»-Schöpfung für Sopransolo und Orchester zurück, einen Liederzyklus, der von einem weit entfernten, auf besondere Art anziehenden Wunderland erzählt. In drei Liedern namens «Asie», «La flûte enchantée» und «L´indifférent» bringt Ravel den Exotismus ein, der ihn generell vielfach interessierte. Das Werk wurde 1904 uraufgeführt, es sang Jeanne Hatto, der die Komposition unter anderem auch gewidmet ist. Nun sind bei den Saisoneröffnungs-Konzerten unter Chefdirigent Fabien Gabel Sopranistin Elsa Benoit, Mezzosopran Sasha Cooke und Tenor Maximilian Schmitt gemeinsam mit dem Singverein besetzt, wenn an diesen Abenden also gleich drei märchenhafte Stoffe musikalisch zum Leben erweckt werden.

So klingt ´s!

Maurice Ravel: «Shéhérazade»

Konzerttermine

© parole/midjourney

Eine sehr bekannte Märchenfigur steht auch als Aushängeschild über den Konzerten des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich Ende November: «Die Seejungfrau» von Hans Christian Andersen war es, die Alexander Zemlinsky zu einer traurig-schönen Fantasie inspirierte, die Chefdirigent Fabien Gabel für die Auftritte im Musikverein und im Festspielhaus St. Pölten ausgewählt hat. Zemlinskys Werk, das in der revidierten Fassung präsentiert wird, greift eben das Märchen auf, das viele auch durch die Disney-Verfilmung «Arielle» kennen. Andersen erzählt darin von einer Seejungfrau, die zu ihrem 15. Geburtstag an Land darf und sich in einen Prinzen verliebt, den sie vor dem Ertrinken rettet. Im Original kann sie, wenn der Angebetete ihre Gefühle nicht erwidert, nicht ins Meer zurück. Vielmehr muss sie sich wegen ihres Pakts mit der Meerhexe, die ihr zeitweilig zu Beinen verhalf, in Schaum verwandeln. Andersen lässt es zwar nicht ganz so weit kommen, aber ein Happy End wie bei Disney gibt es für seine Seejungfrau trotzdem nicht.

Dass Zemlinsky diesen Stoff einst aufgriff, wird als Ausdruck seines gebrochenen Herzens interpretiert, hatte sich doch die von ihm verehrte Alma Schindler kurz zuvor Gustav Mahler zugewandt. Bei der Uraufführung wurde diese Märchen-Vertonung passenderweise mit Arnold Schönbergs Beschäftigung mit dem «Pelléas und Mélisande»-Stoff gemeinsam präsentiert, auch bei Mélisande handelt es sich ja um ein mit dem Wasser verbundenes Wesen. Beim Konzert der Tonkünstler wird Zemlinskys Werk mit der packend-düsteren «Tragische Ouvertüre» in d-Moll von Johannes Brahms ebenso kombiniert wie mit Thomas Larchers «returning into darkness», sein neues Konzert für Violoncello und Orchester, das in diesem Rahmen im Musikverein zur österreichischen Erstaufführung kommt und das von den Tonkünstlern mitbeauftragt wurde.

Konzerttermine

© parole/KI midjourney

Um eine verzauberte Frau dreht sich auch das Märchenmotiv, an dem sich Pjotr Iljitsch Tschaikowski für sein wohl berühmtestes Ballett orientierte. «Schwanensee», genauer die Suite aus diesem, wird von den Tonkünstlern unter der Leitung von Jun Märkl im Dezember aufgeführt. Der Stoff, der den russischen Komponisten zu so viel wunderbar-nostalgischer Musik inspirierte, baut auch hier auf einer Verzauberung auf, die durch Liebe gelöst werden könnte. Denn Odette, eine Prinzessin, wurde vom Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelt und soll ein solcher bleiben, es sei denn, es verliebt sich jemand wirklich in sie. Tatsächlich entwickelt Prinz Siegfried, der auf seinem Geburtstagsfest von vorbeiziehenden Schwänen überrascht wird, Gefühle für die Schwanenprinzessin. So schnell gibt sich Zauberer Rotbart aber nicht geschlagen und schickt seine Tochter Odile, die Odette zum Verwechseln ähnlichsieht. Und nun gibt es verschiedene Versionen des Endes dieser märchenhaften Liebesgeschichte: Mal werden die Liebenden gerettet, mal stirbt einer von beiden.

Bei dem Konzert der Tonkünstler wird die Suite aus «Schwanensee» mit «Anka kuşu» von Fazıl Say und dem Marsch «Orient et Occident» von Camille Saint-Saëns verbunden, beide sind Erstaufführungen im Musikverein. «Anka kuşu» ist dabei die persische Variante der Phönix-Geschichte aus der griechischen Mythologie, also eines Vogels, der im Feuer stirbt und aus der eigenen Asche wieder aufersteht. Eine dramatische Handlung rund um gefiederte Lebewesen ist es also, was dieses von östlichen Klängen inspirierte Klavierkonzert und die titelgebende Suite gemein haben.

So klingt ´s!

Pjotr Iljitsch Tschaikowski: «Schwanensee»

Tanz der Schwäne

Konzerttermine

© parole/KI midjourney

Nicht per se ein Märchen, aber doch eine märchenhafte Handlung ist Leitthema für die Konzerte der Tonkünstler Anfang April: Die symphonische Dichtung «Der Zauberlehrling» von Paul Dukas geht auf Johann Wolfgang von Goethes berühmtes Gedicht zurück. Darin versucht die Titelfigur die Abwesenheit des Lehrmeisters zu nutzen, um die eigenen magischen Fähigkeiten zu erproben und sich die Arbeit beim Füllen des Badezubers zu erleichtern. Wie der Zauberlehrling hierbei ein großes Durcheinander anrichtet, hat Dukas im Sinne der Programmmusik in sein Werk verpackt, sei es den hüpfenden Besen als Fagottmotiv, das später nach dem Zerschlagen des Stiels von der Klarinette gedoppelt wird, oder sei es das Gießen des Wassers, das die Streicher nachvollziehen lassen.
 
Besonders berühmt wurde Dukas Komposition durch den Film «Fantasia» von Walt Disney, in dem Micky Maus den Zauberlehrling spielt. Kombiniert wird das Werk von den Tonkünstlern unter dem Dirigat von Fabien Gabel mit Alexander Mossolows «Konzert für Harfe und Orchester», Strawinskis «Feuerwerk» und Maurice Ravels «Daphnis et Chloé»-Suite sowie dem Vorspiel zum dritten Akt der Oper «Ariane et Barbe-bleue», abermals von Paul Dukas. Letzterer hat darin auf ein altes Märchen der Gebrüder Grimm zurückgegriffen. In diesem Märchen, das man auch aus Béla Bartóks Oper «Herzog Blaubarts Burg» kennt, dreht sich alles um das Schicksal eines Mädchens, das einen Herzog auf Brautschau trifft, der es mit in seine Burg nimmt und es warnt, einen bestimmten Schlüssel zu nutzen. Als sie nicht widerstehen kann, findet sie in dem verbotenen Raum ihre vom Herzog ermordeten Vorgängerinnen. Bei den Gebrüdern Grimm hat die Protagonistin drei Brüder, die sie am Ende noch retten können, während in einer anderen Version die Listigkeit des Mädchens es selbst und seine Schwestern vor dem Tod bewahrt.

Die Schönheit der so vielseitigen, aber stets märchenhaften Kompositionen wird jedenfalls manches Schaudern wettmachen, das die Märchen, die diese Saison im Zentrum stehen, bei einigen im Publikum hervorrufen mögen.

Dr. Theresa Steininger-Mocnik

Konzerttermine

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