Vorgestellt

Thomas Larcher

Vom Suchen und Sammeln

Thomas Larcher ist einer der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit. Seine Musik verbindet eine in der Tradition verwurzelte, deutlich tonale Klangsprache mit einer schillernden, oft von Naturerfahrungen inspirierten Klangfantasie. Eine Annäherung an einen Künstler, der in keine Schublade passt

Wenn die Sonne scheint, dann hält es ihn nicht im Haus. Dann muss Thomas Larcher raus ins Freie, zu Fuß oder auch auf dem Fahrrad. «Das Auslüften in der Natur finde ich sehr wichtig, weil ich sonst so viel sitze», sagt der Komponist. Er wohnt allerdings auch in herrlicher Umgebung, im Tiroler Inntal, in der Gemeinde Schwaz am Fuß des 2.300 Meter hohen Kellerjochs. Larchers Hauptarbeitszeit ist der Abend, dann hat er die innere Ruhe, um die Klänge, die er bei seinen Ausflügen gesammelt hat, zu sichten, zu sortieren – und im Idealfall in Kompositionen zu verwandeln. 

«Den Imperativ des Verstörenden, den zeitgenössische Kunst auslösen soll, habe ich komplett abgelegt», sagt er. «Das ist nicht mein Kriterium. Ich will die Leute erreichen, ich will, dass meine Musik gehört wird.» Wenn es um die «Neue Musik» geht – die mit dem großgeschriebenen «N», die bei den Avantgardefestivals gefeiert wird – geht Thomas Larcher in Opposition. «Durch den Zwang, immer neu zu sein, wird so viel unmöglich gemacht», findet er. «Denn mit dieser Geisteshaltung verbaue ich mir die Möglichkeiten des Suchens im bereits Bestehenden, des Neu-Kombinierens, des Entdeckens der heutigen Welt durch vermeintlich veraltete Methoden.»

Den Imperativ des Verstörenden, den zeitgenössische Kunst auslösen soll, habe ich komplett abgelegt. [...] Ich will die Leute erreichen, ich will, dass meine Musik gehört wird.
Thomas Larcher

Keine Revolutionen am grünen Tisch

Larcher kommt aus der Praxis, seine musikalische Karriere hat er als Pianist begonnen, später konnte er als Gründer des Festivals «Klangspuren Schwaz» sein Talent als Kulturmanager unter Beweis stellen. Als Komponist plant er keine Revolutionen am grünen Tisch, er ist kein System-Umstürzler, der mal eben die gesamte Musikgeschichte wegfegt und sein eigenes Universum erschafft, in dessen Regelwerk sich die Zuhörer dann bitte einarbeiten sollen. Sein Weg ist ein anderer: Er lässt sich inspirieren «von dem, was schon da war», greift als «Sucher und Sammler» Anregungen auf, die er von Musikern bekommt, von Instrumentenbauern oder auch von Tontechnikern. «Ich bin ein Teil von Musikentstehung», lautet Larchers Credo. «Und darum wecke ich die Spiegelneuronen auch eher bei Musikern, die im traditionellen Konzertbetrieb spielen und von einem Komponisten dort abgeholt werden wollen, wo sie sich auskennen.»

Diese Verwurzelung in der Tradition kann durchaus Irritationen hervorrufen. Immer wieder würden ihm Leute sagen: «Bei Ihnen gibt es ja dieses interessante Spiel mit angeblicher Tonalität», berichtet er. Seine Antwort lautet dann immer: «Nein, tut mir leid, das ist keine Simulation. Das ist tonale Musik.» Der distanzierte Blick auf die Vergangenheit, das ironisch gemeinte Zitieren, bei dem die Überheblichkeit dessen mitschwingt, der es mittlerweile besser weiß, liegt ihm nicht: «Mit diesem Meta-Schmäh kann ich einfach nichts anfangen.» Auch wenn es Thomas Larcher durchaus schmerzt, dass ihm die Zirkel der Neuen Musik verschlossen geblieben sind, kann er über mangelnden Erfolg nicht klagen. 

Wenn sich Thomas Larcher vor das leere Notenblatt setzt, beginnt die kreative Arbeit mit einem «Ausfilterungsprozess». Einen Bauplan für das neue Stück zu entwerfen, ein Korsett, das er dann nur noch mit klingendem Inhalt füllen muss, das liegt ihm nicht: «Bei mir beruht sehr viel auf vorhandenen Ideen, auf hingekritzelten Notizen oder auch auf Elementen aus misslungenen Klavierstücken, die sich noch verwenden lassen. Ich fungiere als mein eigener Katalysator.»

Mann mit Brille zeigt Notenblätter
© Richard Haughton
Es gibt eine Sehnsucht in mir, die Werke hinter mir zu lassen, um weitergehen zu können, ins Freie, ins Neue.
Thomas Larcher

Enormer Verbrauch an Radiergummis

Beim Komponieren verfährt er nach dem Trial-and-Error-Prinzip, versucht, gleichzeitig den Überblick zu bewahren und im Detail stimmig zu sein. Was zu ständigen Korrekturen führt – und einem enormen Verbrauch an Radiergummis. Denn Larcher arbeitet radikal analog, mit Bleistift und Papier. Ist das Stück dann fertig, wirft er möglichst viel vom Skizzenmaterial weg – «sonst krame ich immer nur in den alten Sachen herum» – und übergibt das Manuskript an seinen Verlag. Dort erst, bei Schott in London, entsteht die digitale Form der Partitur, die für den Druck nötig ist.

Die «Stimmigkeit», die für Thomas Larcher ein Schlüsselbegriff ist, bezieht sich auf drei Ebenen: Für ihn selbst muss es sich «richtig» anfühlen, aber er denkt immer auch ans Publikum und an die Ausführenden. «Ich will, dass die Musiker sich von mir ernstgenommen fühlen. Ich will sie ermutigen, ihre Kreativität einzubringen, sie spüren lassen, dass sie nicht als Maschinen benutzt werden, dass innerhalb der Partitur jeder einen wichtigen Teil hat, der eingewoben ist in den Kosmos des Werkes und darum nicht einfach anders gemacht werden kann.»

Eine neue Komposition freizugeben für die Uraufführung fällt Thomas Larcher übrigens fast immer leicht. «Es gibt eine Sehnsucht in mir, die Werke hinter mir zu lassen, um weitergehen zu können, ins Freie, ins Neue.»

Frederik Hanssen

Leicht gekürzte Fassung des Originalbeitrags, veröffentlicht anlässlich der deutschen Erstaufführung eines neuen, noch unbenannten Auftragswerkes mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Klaus Mäkelä im Mai 2027; Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Berliner Philharmoniker

Auf einen Blick

Das Wichtigste über Thomas Larcher

Konzerttermine

Thomas Larcher mit dem Tonkünstler-Orchester
    Sa 28 Nov 26
    19.30 Uhr
    Abend | 5 Konzerte Abend | 12 Konzerte
    Sa 28 Nov 26
    19.30 Uhr

    Brahms & Zemlinsky

    Wien | Musikverein Wien | Großer Saal
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    € 76 | 70 | 60 | 49 | 43 | 31 | 23 | 8
    So 29 Nov 26
    15.30 Uhr
    Sonntagnachmittag | 5 Konzerte Sonntagnachmittag | 12 Konzerte
    So 29 Nov 26
    15.30 Uhr

    Brahms & Zemlinsky

    Wien | Musikverein Wien | Großer Saal
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    € 76 | 70 | 60 | 49 | 43 | 31 | 23 | 8
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