Vivat Beethoven!
Vor bald 200 Jahren, am 26. März 1827, starb Ludwig van Beethoven in Wien – das Tonkünstler-Orchester lässt ihn hochlebenBeethovens Esprit auf verschiedene Arten zu zeigen, ist ein Anspruch der Tonkünstler in jener Saison, in der sich der Todestag des Komponisten zum 200. Mal jährt. Dabei werden durch Kombinationen mit Werken wie «Con brio» von Jörg Widmann auch Bezüge zur Gegenwart hergestellt.
«Lebhaft», «mit Elan», «mit Feuer» oder auch neudeutsch «peppig»: So kann man «Con brio» übersetzen. Im Fall von Ludwig van Beethoven war es eine sehr häufig von ihm verwendete Vortragsbezeichnung. Und just jenen Esprit, der seinem Œuvre eingeschrieben ist, wird man in dieser Tonkünstler-Saison vielfach erleben können, legt das Orchester doch – auch anlässlich des Beethoven-Todesjahres 2027 – einen Schwerpunkt auf Werke dieses Komponisten. Der Bogen reicht bis in die Gegenwart, wenn sich bei den Abonnementkonzerten im Juni die fünfte Symphonie des großen Schöpfers klassischer Musik mit einem ebenfalls «Con brio» überschriebenen – und in diesem Fall auch betitelten – Werk des zeitgenössischen Komponisten Jörg Widmann verbindet.
Beethovens Furor
Es war Dirigent Mariss Jansons, der Widmann einst anregte, eine Orchesterouvertüre zu schaffen, die sich an den musikalischen Charakteristika von Beethovens siebenter und achter Symphonie orientierte. Direkte Zitate gibt es darin nicht – es sind vor allem spezifische schnelle Bewegungstypen bei Beethoven, die Widmann in seine eigene Klangsprache übersetzte. Außerdem wählte er die exakt gleiche Besetzung wie sein Vorbild und stellte sich zur Aufgabe, wie Widmann in Interviews erzählte, ein ähnliches rhythmisches Drängen zu erzeugen. Beethoven entfessele, so Widmann, «einen Furor, der uns heute noch durch Mark und Bein geht». Er zitiere, so war es Widmann stets wichtig festzuhalten, keine einzige Note: Es sei «der Gestus, den ich übernehme». So interessiere er sich für harte Brüche, Takt- und Tempowechsel sowie Steigerungswellen. Als Ziel hatte er angegeben, dass man die «scheinbar alte Musik neu hört» und «meine Musik in diesem Traditionskontext auch nochmals anders wahrnimmt».
2008 wurde «Con brio» von Widmann für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks geschaffen und von diesem unter Mariss Jansons uraufgeführt. Mittlerweile gehört das Werk zu den meistgespielten Partituren aus der Feder des 1973 geborenen Komponisten. Wenn es nun von den Tonkünstlern gemeinsam mit Beethovens fünfter Symphonie aufgeführt wird, die das Orchester seit 1942 rund 60-mal präsentiert hat, wird auch in dieser der charakteristische Furor besonders hörbar gemacht. Und das nicht nur in dem berühmten Motiv, über das Beethoven zu seinem Sekretär Anton Schindler angeblich gesagt haben soll: «So pocht das Schicksal an die Pforte.» Außerdem wird an diesen Abenden auch Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert in e-Moll zu Gehör gebracht.
Ludwig van Beethoven: Fünfte Symphonie
Konzerttermine
Vorbilder überwunden
Eine Symphonie, auf die sich Widmann in seiner Komposition bezieht, wird schon am Beginn der Saison mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich zu erleben sein: Mitte November steht auf dem Programm des Konzerts in Wiener Neustadt die siebente Symphonie, die schon von einem zeitgenössischen Kritiker als eine bezeichnet wurde, die «wildes, schwelgendes Leben» und Beethovens «neckenden, humoristischen Geist» vermittle.
Tief in Beethovens Charakteristika einzutauchen ermöglicht das Tonkünstler-Orchester generell quer durch die ganze Saison: Im Februar geht es weiter mit Beethovens erster Symphonie, jener, die er relativ spät komponierte, im Alter von 30 Jahren. Zwar hatte er schon in seiner frühen Wiener Zeit an einer Symphonie in C-Dur gearbeitet, doch dieser Anlauf versandete – und als er Jahre später neu begann, griff er bis auf das Rondothema nicht auf das Material zurück. Mit seiner Ersten legte Beethoven den Grundstein für seine symphonische Reihe, die die Musikwelt bis heute beeinflussen sollte.
Man merkt ihr an, dass Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart hier noch in Beethovens Hinterkopf waren, dass er aber damals Bekanntes mit neuen Ideen verband. Und doch waren es eine Mozart-Symphonie und Arien aus Haydns Hand, die bei der Uraufführung von Beethovens erster Symphonie gemeinsam mit dieser gespielt wurden. Wenn die Tonkünstler Beethovens Erste – die das Orchester seit 1943 annähernd 40-mal gespielt hat – nun unter ihrem früheren Chefdirigenten Yutaka Sado zur Aufführung bringen, so kombinieren sie diese ihrerseits mit Beethovens düster und grimmig startenden Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel «Egmont» und mit Magnus Lindbergs Konzert für Viola und Orchester. Letzteres erlebt im Rahmen dieser Konzerte die österreichische Erstaufführung, außerdem sind die Tonkünstler damit das erste österreichische Orchester, das ein Werk dieses finnischen Komponisten im Musikverein Wien spielt.
«Egmont» entstand auf Grundlage des Dramas von Johann Wolfgang Goethe, das der Autor 1787 schon von vornherein für eine musikalische Ausgestaltung konzipiert hatte – ja, mehr noch, er hatte explizit eine «Siegessymphonie» für das Finale vorgeschlagen. Jahre später erst entstand im Auftrag des Wiener Hoftheaters nun Beethovens neunteilige Komposition, die tatsächlich von einer Ouvertüre und der von Goethe erwünschten Siegessymphonie eingerahmt ist. Außerdem umfasst «Egmont» drei emotionsgeladene Lieder, Zwischenaktmusiken sowie ein Melodram, das die Emotionen des Helden im Angesicht des Todes vermittelt.
Konzerttermine
Beethoven und der weiße Hai
Zur Chefsache erklärt Fabien Gabel, der neue Chefdirigent des Tonkünstler-Orchesters, Beethovens fünftes Klavierkonzert in Es-Dur für Konzerte im März – und er kombiniert es mit Erich Wolfgang Korngolds «The Sea Hawk»-Suite, letztere wiederum als Erstaufführung im Musikverein. Beethovens fünftes Klavierkonzert trägt zwar im englischsprachigen Raum den Beinamen «Emperor Concerto», ist aber kein allein von Heroismus geprägtes Werk. Mag Napoleon damals, als Beethoven es komponierte, mit seinen Truppen vor Wien gestanden haben – das Konzert besetzt durchaus auch intime, sanfte Momente. Der Solist wechselt förmlich zwischen kämpferischen und Friede verströmenden Momenten. Beethovens frühere Begeisterung für Napoleon war zu dieser Zeit bereits in Ablehnung umgeschlagen. Zeugnisse des Patriotismus lassen sich sogar im Partitur-Autografen finden, da der Komponist zu Beginn des zweiten Satzes festhielt, Österreich möge es Napoleon heimzahlen.
Ludwig van Beethoven: Fünftes Klavierkonzert
Ein weiteres Klavierkonzert Beethovens, nämlich das dritte in c-Moll, steht im Mittelpunkt der Tonkünstler-Konzerte im April. Bei dessen Uraufführung im April 1803 saß Beethoven selbst am Flügel, wobei er zwar den Orchesterpart rechtzeitig auf Papier gebracht hatte, nicht aber die komplette Klavierstimme, sodass er seinen Solopart teils aus dem Gedächtnis abrief. Bereits seit 1796 hatte er immer wieder an diesem Klavierkonzert gearbeitet. Heraus kam das erste Klavierkonzert symphonischen Zuschnitts, das wegweisend sein sollte in der Hinsicht, wie Klavier und Orchester miteinander interagieren. Als keck empfanden damals jedoch Kritiker, dass er beispielsweise das variantenreich eingesetzte Klavier mit der Pauke in Dialog treten ließ. So manche Gestaltungsweise dieses Konzerts wurde auch als Indiz dafür gelesen, dass sich Beethoven von den Einflüssen Joseph Haydns und den Erwartungen an ihn als prononcierter «Mozart-Nachfolger» frei machen wollte.
Die Beethoven-Bezüge abschließen wird das Tonkünstler-Orchester in dieser Saison mit der eingangs beschriebenen Aufführung der Fünften in Kombination mit Widmanns «Con brio» und Mendelssohn-Bartholdys e-Moll-Violinkonzert.
Dr. Theresa Steininger-Mocnik