Arvo Pärt
Außerordentlich vielseitiges Œuvre: Der Komponist im PorträtArvo Pärt gehört zu den zeitgenössischen Komponisten, deren Schaffen das moderne Musikverständnis entscheidend verändert hat. Der von ihm entwickelte Kompositionsstil «Tintinnabuli», mit dem er 1976 zum ersten Mal in Erscheinung trat, bestimmt sein Werk bis heute. Obwohl Pärt nicht unterrichtet, wurden große Teile der zeitgenössischen Musik von seinen Kompositionen beeinflusst.
Geboren 1935 im estnischen Paide, studierte er bei Heino Eller, einem der wichtigsten Komponisten Estlands, am Konservatorium Tallinn – heute Estnische Musikakademie – und arbeitete zunächst als Tontechniker für den Estnischen Rundfunk. Seit den späten 1960er-Jahren ist Pärt als freischaffender Komponist tätig. Schon in dieser Zeit galt er als eine der führenden Persönlichkeiten der sogenannten sowjetischen Avantgarde.
1977 schrieb er das Doppelkonzert «Tabula Rasa» für zwei Violinen, Streichorchester und präpariertes Klavier als erstes größeres Werk im «Tintinnabuli»-Stil, das 1984 auch am Beginn seiner Zusammenarbeit mit dem CD-Label ECM Records stand. Es gilt seither als Durchbruch innerhalb der Avantgarde hinein in eine breitere Öffentlichkeit. Auch im Rahmen der Palliativpflege und bei der Sterbebegleitung spielt «Tabula Rasa» eine große Rolle. Tintinnabuli – angelehnt an das lateinische Wort für «Glöckchen» – floss auch in weitere Kompositionen der späteren 1970er-Jahre wie «Für Alina» für Klavier, «Cantus in Memory of Benjamin Britten» für zehnstimmiges Streichorchester und Glocke, «Fratres» und «Spiegel im Spiegel» für Klavier und Violine ein.
2010 kehrte Pärt nach Estland zurück, wo er bis heute lebt. Sein Œuvre ist außerordentlich vielseitig und umfasst groß angelegte Kompositionen für Chor und Orchester, vier Symphonien, Solowerke mit Orchester sowie zahlreiche Chorwerke und Kammermusik. Die meisten seiner Arbeiten basieren auf liturgischen Texten und Gebeten – als Beispiele seien hier lediglich das 1992 vollendete «Miserere» für Soli, gemischten Chor, Ensemble und Orgel sowie «Adam’s Lament» für Chor und Streichorchester genannt; letzteres entstand als Ko-Auftrag der beiden Europäischen Kulturhauptstädte Istanbul 2010 und Tallinn 2011 und basiert auf Texten des Hl. Siluan von Athos. Arvo Pärts Musik wird von den besten Orchestern und Interpreten unserer Zeit aufgeführt und aufgenommen.
Ute van der Sanden