Auf Wiedersehen im nächsten Jahr
Unterwegs nach Echsenbach: Warum das Neujahrskonzert mit Alfred Eschwé im Gasthof Klang so beliebt ist – beim Publikum im Waldviertel und beim OrchesterMusik hat die wunderbare Fähigkeit, Menschen zu verbinden, und gerade in Zeiten wie diesen sind solche gemeinsamen Erlebnisse oft von unschätzbarem Wert. Sie bereichern nicht nur unser kulturelles Leben, sondern stärken auch das Miteinander.
Langsam und sehr vorsichtig lenkt der Fahrer die letzte enge Kurve in der Ortsmitte aus. Zwei Stunden hat er die Musikerinnen und Musiker des Tonkünstler-Orchesters und ihren Dirigenten Alfred Eschwé entlang verschneiter Felder und vereister Wälder gefahren, vom Musikverein Wien hinein ins tiefste Waldviertel, beinahe bis zur tschechischen Landesgrenze. Zu diesem Zeitpunkt ist in den Orchesterbus längst Bewegung gekommen: Spätestens als er das Ortsschild passiert, hüllen sich alle in ihre Wintersachen – Ankunft in Echsenbach!
Das Neujahrskonzert in Echsenbach wollen alle erleben. Die Mitwirkenden vom Orchester sowieso, und auch das Publikum strömt aus dem gesamten Waldviertel herbei. Oder vielmehr: Es reist an. Manche nehmen eine Stunde Fahrtzeit auf sich. Maria Sulm zum Beispiel wohnt in Bad Traunstein und besucht heute ihr 15. Neujahrskonzert mit den Tonkünstlern. «Um das Orchester zu hören, fahren wir sonst zumindest bis St. Pölten», sagt sie. Und sie liebt es, «das luftig-leichte Programm und die Moderation von Alfred Eschwé, der immer witzig ist, egal, was er sagt». Sobald das Orchester spielt, vergisst die Waldviertlerin, die als Pflegeassistentin in Zwettl arbeitet, alle Umstände: «Weit ist es schon, aber wenn ich dann im Konzert sitze, weiß ich, dass ich im nächsten Jahr wiederkomme.»
Auch für Johann Knoll, er ist bereits pensioniert und lebt in Echsenbach, ist das Neujahrskonzert ein «Fixpunkt im Jahreskalender» seiner Gemeinde. Von den insgesamt 18 Tonkünstler-Auftritten habe er «höchstens zwei» versäumt. Er, der ansonsten gar keine klassischen Konzerte besuche, erfreue sich vor allem an Alfred Eschwés «Schmäh und Charme» und an den populären Stücken im zweiten Programmteil, darin sich die Sopranistin Günel Shirinova vor jedem Auftritt neu in den jeweiligen imaginären Rollenpartner verliebt. Johann Knoll hat einen Wunsch: «Ich möchte, dass es weitergeht. So etwas kann man nicht abdrehen!»
Auch die Willkommenskultur hat einen guten Klang
Aber was genau heißt hier eigentlich «Festsaal»? Im großen, modernen Veranstaltungssaal, der zum Gasthof Klang, genauer gesagt, dem Gastwirten Josef Klang, gehört, finden dem Vernehmen nach tatsächlich viele Feste statt. Der Name selbst kann kein Zufall sein: Hier hat nicht nur die Kunst, sondern auch die Willkommenskultur einen guten Klang. Dass drinnen der freundlichste Gastwirt Niederösterreichs empfängt, hat man schon draußen lesen dürfen, bevor man am Tresen erfährt, dass dieser freundlichste Gastwirt gerade seinen 60-er gefeiert hat.
In der ersten Reihe sind derweil vier Sessel für die «Presse» reserviert, denn die Niederösterreichischen Nachrichten haben sich angesagt und die BezirksBlätter. Schon lange vor dem Konzertbeginn werden Plätze besetzt oder vorsichtshalber mit Schals belegt. Auf der Bühne sind längst alle Pulte mit den richtigen Stimmen ausgestattet, denn die Orchesterwarte haben bereits zwei Stunden gearbeitet, den Lastwagen mit den Instrumenten rückwärts den Hügel hinauf gelotst und sind nun froh, sagt Christian Pehatschek, wieder alle 44 Orchestermitglieder auf der kleinen Bühne untergebracht zu haben.
Während sich die Holzbläserinnen und -bläser einspielen und die Saalakustik ausprobieren, sitzen die meisten Kolleginnen und Kollegen im Gastraum und bestellen, was man im Gasthof Klang bestellt: Wiener Schnitzel! Eigens für diesen Abend hat Josef Klang wieder eine eigene Speisekarte aufgelegt, mit Tonkünstler-Logo, so ist es Tradition. Fürs Erste aber steht er persönlich an der Getränkebar im Saal und bewirtet seine Gäste mit Erfrischungen. Am Eingang hat sich Bürgermeister Andreas Straßer postiert, um alle Eintretenden mit Handschlag zu begrüßen: Man kennt sich.
Nach und nach treffen auch die Ehrengäste ein, mischen sich an der Bar unters Publikum, Erinnerungsfotos entstehen, auch mit den Musikerinnen und Musikern. Zum Konzertbeginn wird der Bürgermeister seine prominenten Gäste begrüßen, was dauert, denn es sind viele, und alle stehen kurz auf und nicken in den Saal: Franz Mold vertritt als Landtagsabgeordneter die Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, Pfarrer Pater Richard ist gekommen, Bezirkshauptmann Markus Peham, Straßers Vorgänger und Ehrenbürger Johann Lehr, ein herzliches «Grüß Gott» gilt Diakon Leopold Weiß. Der Obmann der Kleinregion «Herz des Wald4tels» betritt den Festsaal, auch der Truppenübungsplatz und das Rote Kreuz Allentsteig haben Vertreter geschickt. Der Vizebürgermeister ist da und natürlich der Gemeinderat. Die Fotografen bringen sich in Position, eine Filmkamera wird aufgebaut, weil das Neujahrskonzert auch im gerade entstehenden «Echsenbach-Film» vorkommen soll.
Musik stärkt das Miteinander – heute Abend ganz besonders
Diese Szenerie erklärt ohne Worte, weshalb die alljährliche Vorfreude im Orchester schon Tage vor diesem Ereignis zu spüren ist: Es geht wieder in den Gasthof Klang! Vielen Musikerinnen und Musikern ist das Waldviertel seit vielen Jahren bestens vertraut, andere sind heute zum ersten Mal nach Echsenbach mitgefahren – wie Liudmila Kharitonova, obwohl sie schon seit einigen Jahren Tonkünstlerin ist. «Die Atmosphäre hier ist besonders», sagt die Bratschistin nach dem Konzert, «das Publikum sehr aufmerksam und sehr freundlich. Vom Wirten, der in seinem Gasthaus von Tisch zu Tisch geht und alle Gäste begrüßt, Orchestermitglieder wie Publikum, bis hin zur wirklich guten Stimmung auf der Bühne» spüre man die Gastfreundschaft und ein Miteinander, das nicht selbstverständlich sei: «Man fühlt sich willkommen und geschätzt, als Gast und als Musikerin!»
Die Neujahrskonzert-Tournee sei für das Orchester als Institution wichtig, bedeute aber vor allem den Musikerinnen und Musikern viel: «Für uns ist das eine schöne Gelegenheit, den Menschen in Niederösterreich zu danken», resümiert Gerhard Fechner, der schon seit 1987 Primgeiger bei den Tonkünstlern ist und auch in Echsenbach schon oft auf der Bühne saß. Jedes Jahr freue er sich auf diese Ausfahrt, denn «die Gastfreundschaft hier gibt uns das Gefühl, dass unsere Neujahrskonzerte in Echsenbach etwas ganz Besonders sind», sorgten doch die Gemeinde und «Veranstaltungsprofi Josef Klang» dafür, dass «alles wie am Schnürchen klappt – von der Ankunft bis zur Abfahrt».
In seiner Begrüßungsrede spricht der Bürgermeister offenbar vielen Anwesenden aus dem Herzen: «Dass ein Orchester von diesem künstlerischen Rang in unserer Gemeinde zu Gast ist, erfüllt uns mit großem Stolz, und das seit mittlerweile 18 Jahren», sagt Straßer. «Weit über die Grenzen unseres Bundeslandes hinaus» stünden die Tonkünstler «für musikalische Qualität, Leidenschaft und kulturelle Vielfalt». Vor allem aber: «Musik hat die wunderbare Fähigkeit, Menschen zu verbinden, und gerade in Zeiten wie diesen sind solche gemeinsamen Erlebnisse oft von unschätzbarem Wert. Sie bereichern nicht nur unser kulturelles Leben, sondern stärken auch das Miteinander.» Was das konkret bedeutet, kann man an diesem Abend in Echsenbach sehen.
Beim Militärmarsch wird unverzüglich mitgeklatscht
Für Alfred Eschwé ist es heuer das letzte Neujahrskonzert, denn die letzten drei noch folgenden Aufführungen übernimmt Kollege Sascha Goetzel. Noch einmal bereitet der beliebte Dirigent Hunderten von Menschen eine große Gaudi, nennt sie «das beste Publikum der ganzen Serie» und bekennt: «Ich komme immer wahnsinnig gern nach Echsenbach.» Mit seiner Assoziation «des völlig verschneiten Waldviertels» moderiert er Béla Bartóks Meldie aus den «Bildern aus Ungarn» an, um anschließend mit dem Orchester Puszta-Stimmung in den Saal zu zaubern. Sein Geständnis, mit der Polka «Auf Flügeln des Tanzes» von Gisela Frankl zum ersten Mal überhaupt ein Stück von einer Komponistin im Neujahrskonzert untergebracht zu haben, wird mit spontanem Applaus quittiert. Und nicht nur das: Beklatscht wird auch die Information, dass im Tonkünstler-Orchester am heutigen Abend immerhin 14 Frauen musizierten.
Nicht minder unterhaltsam der zweite Konzertteil: Das Publikum darf «'s kommt ein Vogel geflogen» singen – ein Volkslied, das samt seinen Variationen von Siegfried Ochs nicht zufällig am Programm steht, wurde es vermutlich doch zuallererst in niederösterreichischer Mundart gesungen. «Wie in der Kirche», kommentiert Alfred Eschwé zur allgemeinen Erheiterung den Gemeindegesang, «immer ein bisschen hinten nach!» Dann lässt er das Orchester die Stile der Komponisten durchdeklinieren, beim Militärmarsch am Schluss wird unverzüglich und wie auf Befehl mitgeklatscht. Und nachdem der «Kopenhagener Eisenbahn Dampf Galopp» von Hans Christian Lumbye mit «Zugfahr ´n statt Flugscham» angekündigt und vom «Conducteur» mit «Nächster Halt Echsenbach!» angepfiffen ist, fehlt nur noch der heiß ersehnte Radetzky-Marsch.
Wie Echsenbach zu seinem Neujahrskonzert kam
Das Publikum dankt mit stehenden Ovationen und der Bürgermeister mit einer «Echsenbach-Tasse», wie die Niederösterreichischen Nachrichten schreiben, auf gut Waldviertlerisch natürlich «Echsi-Häferl». Es zeigt einen drolligen kleinen Dinosaurier, das Maskottchen des Ortes. Während Ehrengäste und Publikum auf einen letzten Schluck mit den Musikerinnen und Musikern zusammenstehen, muss Johann Lehr für diesen Bericht unbedingt noch eine Geschichte loswerden: Als er, der frühere Bürgermeister der Gemeinde, 2006 ein Neujahrskonzert mit den Tonkünstlern in Pfaffstätten erlebte, habe er gewusst: Die hole ich nach Echsenbach! Man versteht ´s. Als Geburtshelfer zu gelten für eine Tradition, die bis heute so viele Menschen glücklich macht, muss ein gutes Gefühl sein. Die Premiere 2008 sei «ein so schöner Abend» gewesen, dass er gleich zum Hörer gegriffen und bei den Tonkünstlern angerufen habe: Kommt ihr nächstes Jahr wieder?
Weit ist es schon, aber wenn ich dann im Konzert sitze, weiß ich, dass ich im nächsten Jahr wiederkomme.
Sie kamen und mit ihnen die Schlangen vor dem Gemeindeamt, schon morgens vor 8 Uhr. Auch Amtsleiterin Maria Kletzl erinnert sich gut an diese Zeit: Am 1. Dezember begann der Kartenvorverkauf, mit nichts anderem war sie an diesem Tag beschäftigt. Am 2. Dezember waren alle Karten weg. Seit ein paar Jahren, sagt Maria Kletzl, «kaufen viele Leute die Tickets für das Neujahrskonzert auch als Weihnachtsgeschenk.» Dass nun, nach einer schwierigen Phase, der Saal endlich wieder voll ist, stimmt sie sehr froh.
Spät am Abend rollt der Orchesterbus durch schlafende Waldviertler Dörfer und vom Frost verzauberte Gegenden zurück nach Wien. Melodien begleiten die Musikerinnen und Musiker, Erinnerungen an einen großartigen Abend, die grandiose Stimmung im Saal, die köstliche Bewirtung, die herzlichen Begegnungen. Am wichtigsten aber ist diese Zusage, mit der Bürgermeister Andreas Straßer sich verabschiedet hat: Auf Wiedersehen im nächsten Jahr. Auch 2027 wird Echsenbach auf dem Tourneeplan des Tonkünstler-Orchesters stehen, so viel steht fest. Und das ist doch eine gute Nachricht – für das Publikum im Waldviertel. Für die Gemeinde Echsenbach. Und für die Tonkünstler.
Ute van der Sanden
Auf einen Blick
Die Tonkünstler in Echsenbach2008 fand das erste Neujahrskonzert mit dem Tonkünstler-Orchester in Echsenbach statt. Seitdem spielen die Tonkünstler – bis auf wenige pandemiebedingte Ausfälle – alljährlich, zumeist in der 2. Jännerhälfte, in der mitten im Waldviertel zwischen Waidhofen an der Thaya und Zwettl gelegenen Gemeinde. Echsenbach zählt 1.250 Einwohnerinnen und Einwohner. Heuer erlebten sie das 18. Tonkünstler-Neujahrskonzert im Gasthof Klang.
Auf einen Blick
Auf ein Neues mit Walzern, Polkas und den Tonkünstlern: 23 Neujahrskonzerte an 13 OrtenWas wäre ein Jahreswechsel ohne Musik? Etwa 20.000 Menschen in Wien und Niederösterreich können nicht irren! So viele Zuhörerinnen und Zuhörer besuchen jährlich die Tonkünstler-Konzerte zum Jahreswechsel. Auch heuer boten die Tonkünstler im Rahmen ihrer 23-teiligen Neujahrskonzert-Serie Ausschnitte aus Opern, Operetten und festliche Orchestermusik. Parallel zu den vier Aufführungen im Musikverein Wien und an den großen Residenzen des Landes – auch das Publikum in St. Pölten, in Grafenegg und in Wiener Neustadt freut sich alljährlich auf seine Neujahrskonzerte – gehen die Tonkünstler auf Tournee durch Niederösterreich: Vom 2. bis 24. Jänner 2026 war das Programm – mit Alfred Eschwé oder Sascha Goetzel am Pult – zwischen Amstetten und Schrems, Laa an der Thaya und Langenzersdorf zu erleben. Insgesamt standen neun Aufführungen auf dem Tourneeplan. Damit umfasst die Silvester- und Neujahrsserie des Tonkünstler-Orchesters insgesamt 23 Konzerte an 13 Spielstätten. So kommt die Musik direkt zu den Menschen: in vielen Gemeinden ein wichtiges Ereignis im Jahreskalender!
Das Programm der Neujahrsserie 2026 präsentierte Musik von Béla Bartók, Johann Strauss, Gioachino Rossini, Carl Michael Ziehrer und Hans Christian Lumbye. Erstmals entschied sich Alfred Eschwé, der seit fast 30 Jahren die Titelauswahl für alle Tonkünstler-Neujahrskonzerte trifft, für ein Werk einer Komponistin: die Polka française «Auf Flügeln des Tanzes» der 1860 in Wien geborenen Gisela Frankl. Die Sopranistinnen Kathrin Zukowski, Miriam Kutrowatz und Günel Shirinova unterhielten mit beliebten Arien aus Bühnenwerken von Gaetano Donizetti, Giacomo Puccini, Franz Lehár und Nico Dostal.
Das erste Neujahrskonzert im Festspielhaus St. Pölten wird alljährlich vom ORF Niederösterreich aufgezeichnet; in Radio Niederösterreich ist es jeweils am 1. Jänner ab 20.04 Uhr zu hören.