Vorgestellt

Erich Urbanner

«Star Trek»-Fan im Klangkosmos
Portraitfoto von Erich Urbanner

Die «Konzertanten Formen» von Erich Urbanner werden vom Tonkünstler-Orchester und ihrem Chefdirigenten Fabien Gabel am 21. März 2026 im Stadttheater Wiener Neustadt uraufgeführt. Christian Heindl über den Komponisten, der fünf Tage später seinen 90. Geburtstag feiert

Nein, ein passionierter Tarockspieler ist er trotz entsprechender Ausführungen in einer Erwähnung, die in harmlos-boshafter Weise einem Lokalpolitiker in eine Laudatio hineingeschmuggelt wurde, nicht. Und, nein, auch der ominöse Hollywood-Star von Graden eines Robert Redford oder Paul Newman, den die Telefonistinnen im altehrwürdigen Musikverlag in der Wiener Dorotheergasse gelegentlich vor sich zu sehen glaubten, wenn er das Vorzimmer des Hauses betrat, verbarg sich nicht hinter seiner eleganten Erscheinung. Hingegen, ja, ein dem Vernehmen nach gar nicht so unbegabter Torjäger auf den Fußballplätzen seiner Tiroler Jugendjahre – dazu bekennt er sich nach wie vor mit Leidenschaft. Und eine weithin verborgene und nur den etwas engeren Vertrauten bekannte Neigung für «Star Trek»-Unterhaltung bestätigt er auch mit einem vergnügten Schmunzeln ebenso wie die Tatsache, dass das Duo für Flöte und Klavier «Ein-Fall für zwei» aus dem Jahr 2007 einst eine gewisse Inspiration aus populärer TV-Unterhaltung erfuhr. 

Der, von dem da so in ganz und gar nicht in die komplexe Materie heutiger Konzertmusik weisender Weise die Rede ist, ist der aus Innsbruck gebürtige und seit frühen Jahren in Wien lebende Erich Urbanner. Am 26. März 2026 feiert er seinen 90. Geburtstag. Ein markantes Jubiläum, das die Tonkünstler mit der Uraufführung seines jüngsten Orchesterwerks, den 2022 entstandenen «Konzertanten Formen», am 21. März im Stadttheater Wiener Neustadt und am 22. März im Stadttheater Baden feiern werden. Am Pult steht dabei Chefdirigent Fabien Gabel. 

Musik sollte [...] ihren Stellenwert als autonome Kunst sui generis immer bewahren.»
Erich Urbanner

Kontrapunkt zu konservativen Kreisen

Gemeinsam mit Iván Eröd, Ingomar Grünauer, Gösta Neuwirth, Kurt Schwertsik, Otto M. Zykan und einigen anderen zählte Erich Urbanner zu jener Gruppe junger Musiker, die sich ab Mitte der 1950er-Jahre um den Komponisten Karl Schiske scharte, welcher als Lehrer an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien, der heutigen Musikuniversität, einen wesentlichen Kontrapunkt zu den das damalige Musikleben dominierenden konservativen Kreisen bildete. Viele derer, die den Anschluss an die internationale Moderne suchten, fanden in Schiske den idealen Lehrer, der sie individuell zu unterstützen verstand. Urbanner im Gespräch mit dem Verfasser 2016: «Schiske tat sich manchmal mit diesem Angebot, das da auf ihn zukam, schwer. Das führte dann im Unterricht dazu, dass er abrupt abbrach und sagte: ‹Jetzt schauen wir uns das bei der Kunst der Fuge an.› Uns alle hat das so geprägt, dass Stimmführung für uns ganz wichtig wurde.»

Weitere für Erich Urbanner wichtige Lehrer in den Studienjahren waren Hanns Jelinek, ebenfalls Komposition, Grete Hinterhofer für das Klavier und der legendäre Hans Swarowsky im Fach Dirigieren, der auch spätere Pultstars wie Claudio Abbado, Zubin Mehta, Mariss Jansons, Adam und Iván Fischer, Giuseppe Sinopoli, Mario Venzago und viele mehr auf ihre Weltkarrieren vorbereitete. Stellten 1956 erste Kompositionspreise des Verlagshauses Doblinger und der Österreichischen Musikzeitschrift für Urbanner sehr frühe Anerkennung seiner schöpferischen Arbeit dar, so musste es für den gerade einmal 25-Jährigen 1961 mindestens so encouragierend wirken, unmittelbar nach Abschluss der eigenen Studien Lehrer für Partiturspiel an der Wiener Musikakademie zu werden. Es folgten weitere Preise und ein Aufbau eigener Dirigiertätigkeit, ehe er – dem tragischen Ereignis des frühen Todes seines Lehrers folgend – 1969 Schiskes Nachfolger als Professor für Komposition und Tonsatz an der Akademie wurde. 

Meisterschüler eines Meisters und Meister von Meisterschülern

Wie man allen Berichten über Karl Schiskes und Erich Urbanners Unterricht entnehmen kann, vereinten darin beide neben ihrer profunden fachlichen Kompetenz, dass sie uneingeschränkt Lehrer aus Liebe und voll der Leidenschaft waren – immer bereit, in Wechselwirkung auch von ihren Schülern und Schülerinnen zu lernen. Dementsprechend mochte es Urbanner 2004 auch nur bedingt leicht fallen, als Pädagoge in den Ruhestand zu treten. Dass er noch längere Zeit fallweise am Haus wirkte, bestätigt seinen Wunsch nach Nähe zu den zu Unterrichtenden, aber auch, dass es keineswegs leicht für die Musikuniversität war, gänzlich auf seine Expertise zu verzichten. 

So wie Schiske von seinen früheren Schülern und Schülerinnen höchste Verehrung und Dankbarkeit erfuhr und erfährt, so findet man in der Legion an Schülern, die Urbanner unterrichtete, eine uneingeschränkte Sympathie für ihren früheren Professor. Er, dessen Zugang zur Materie, stets die Individualität in den Vordergrund stellte, bildete einige der heute prominentesten Vertreter der jüngeren Generationen aus. Als «sehr kleine» Auswahl daraus seien erwähnt Kyoko Abe, Peter Ablinger, Johanna Doderer, Paul Hertel, Mayako Kubo, Herbert Lauermann, Gerhard Schedl, Roman Pawollek, Germán Toro Peréz, Christian Utz, Alexander Wagendristel, Wolfram Wagner, Thomas Wally, Gerhard E. Winkler und Šimon Voseček genannt. 

Thomas Larcher, Bernd Richard Deutsch, Olga Neuwirth und die Tonkünstler

So mancher der ehemals bei Urbanner Studierenden kann auch längst eine Verbindung mit dem Tonkünstler-Orchester aufweisen: Auch wenn es für den Lehrer keinen Primus inter pares geben darf, so fällt dem Betrachter unweigerlich als «Landsmann» im engeren Sinn der ebenfalls in Innsbruck geborene Thomas Larcher ein. Er stand im vergangenen Jahrzehnt gleich vier Mal mit großen Orchesterwerken auf dem Tonkünstler-Programm, die jeweils große Zustimmung erfuhren. Und gewissermaßen exklusiv an dieser Stelle sei bereits vor Veröffentlichung der Konzertpläne für die nächste Saison verraten, dass Ende November dieses Jahres drei Aufführungen des neuen Cellokonzerts «returning into darkness» in Wien und St. Pölten erfolgen werden. 

Von Bernd Richard Deutsch, der im Vorjahr mehrfach mit seinem Orchesterstück «Con moto» vertreten war, wird es im April 2027 das Konzert für Saxofonquartett und Orchester geben sowie mit einem in Entstehung befindlichen Schlagzeugkonzert in der Saison 27–28 erneut eine Uraufführung. Und nicht zu vergessen Olga Neuwirth, die schon im heurigen Sommer als Composer in Residence den Composer-Conductor-Workshop «Ink still wet» in Grafenegg prägen wird. Am 21. August wird zudem ihre vom Bayerischen Rundfunk/musica viva, von L’Auditori in Barcelona, dem Cleveland Orchestra, Grafenegg Festival und Royal Stockholm Philharmonic Orchestra gemeinsam in Auftrag gegebene Rhapsodie für Klarinette und Orchester «Zones of blue» im Auditorium von Grafenegg ihre österreichische Erstaufführung erleben.

Entwicklungen von Darmstadt bis zu Maximilian I.

Zurück zu Urbanner selbst: Wie seine Kollegen aus der Schiske-Klasse beschäftigte auch er sich zunächst mit Avantgardetechniken, wobei er vor allem unter dem Einfluss der Wiener Schule und der Erfahrungen der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik stand. Zu seinen dodekafon und seriell organisierten Arbeiten der 1960er-Jahre gehören etwa die – Parallelen zu Anton Weberns «Vier Stücken für Geige und Klavier» op. 7 aufweisenden – «Fünf Stücke» für Violine und Klavier von 1961, das «Adagio» für Klavier von 1966 sowie das Orchesterwerk «Thema, 19 Variationen und ein Nachspiel» aus dem Jahr 1968, das noch einmal alle von Urbanner bis dahin angewandten kompositorischen Mittel zusammenfasst. 

Beginnend mit «Improvisation III» für Kammerensemble bediente sich Urbanner 1969 einer freieren Schreibweise unter Einbindung improvisatorischer Elemente, zunächst sogar mit einer eigens dafür entwickelten «Streckennotation». Im «Violinkonzert» und im «Kontrabasskonzert» wird ab den 1970-er Jahren der improvisatorische Gestus um klangliche Ereignisse vermehrt und durch betonte Formgestaltung klarer strukturiert. In der Folge war es für Urbanner wesentlich, neben dem strukturell Durchdachten auch breiteren Raum für melodische Entwicklung zu lassen. Dies und das Überdenken alter Formmuster prägen etwa die «Retrospektiven» für Orchester, die einen in seinem Rhythmus aufgelösten Trauermarsch und ein Rondo mit einem nur einmal in der ursprünglichen Gestalt auftretenden Ritornell enthalten. Auch in späteren Werken Urbanners finden sich Elemente wie Clustertechnik oder Mikropolyphonie. 

Neugier auf noch nicht ausprobierte Klangkombinationen und Formen

Um musikalische Inhalte aus neuer Sicht reflektieren zu können, stand und steht Urbanner aktuellen Entwicklungen stets offen gegenüber und prüft sie auf die Möglichkeit der Anwendung in seinem eigenen Schaffen. Wie er es 1993 in einem Interview mit dem Verfasser für die Wiener Zeitung festhielt: «In einer Zeit vielfältigster Strömungen, aber auch in einer Zeit der Unsicherheit, was noch Avantgardismus und was Konservativismus ist, ist es wichtig, sich klar vor Augen zu führen, dass Innovationen weniger denn je im Materialbereich als im Grad kompositorisch zu gestaltender Bewältigung zu setzen sind.» 

Sieht es um Wiederaufführungen von Werken, die einen großen Apparat erfordern, generell nicht gerade günstig aus, so soll man dennoch nicht übersehen, dass sich Urbanner mehrfach mit größeren Formen auseinandersetzte und dabei wirklich Großes schuf. Hervorzuheben sind insbesondere das anlässlich der 175-Jahr-Feiern des Tiroler Freiheitskampfes komponierte «Requiem» für Soli, Chor und Orchester von 1975 mit seinem ausdrucksvollen, teils in komplexer Polyphonie geführten Chorsatz und die 1988 am Tiroler Landestheater erfolgreich uraufgeführte Oper «Ninive» nach einem Libretto von Herbert Vogg. 

In einer Zeit vielfältigster Strömungen [...] ist es wichtig, sich klar vor Augen zu führen, dass Innovationen weniger denn je im Materialbereich als im Grad kompositorisch zu gestaltender Bewältigung zu setzen sind.
Erich Urbanner

Ungebrochen ist Urbanners Kreativität, seine Neugier auf noch nicht von ihm ausprobierte Klangkombinationen und Formen, wie es vom Titel her unmittelbar in den im März erklingenden «Konzertanten Formen» der Fall sein wird. Manchmal kann einem Titel, der nicht gerade von der musikalischen Struktur oder einem Fernsehprogramm inspiriert ist, auch einfach Tiroler Gewitztheit zugrunde liegen: 2019 vom Heimatbundesland Tirol mit einem Werk anlässlich des 500. Todestages von Kaiser Maximilian I. beauftragt, fiel dem Komponisten rein gar nicht ein, wie er diesen musikalisch verarbeiten sollte. Kurzerhand komponierte er ein Stück, das eben nichts mit dem einstigen Herrscher zu tun hatte – außer dem Titel: «…was kann der Maximilian dafür…». Wenn er damit dem ursprünglichen Projektgedanken ein liebevolles Schnippchen schlug, so bewies er damit in höherem Sinn, was für sein gesamtes Lebenswerk gilt, nämlich «dass Musik – auch innerhalb einer Jubiläumsveranstaltung – ihren Stellenwert als autonome Kunst sui generis immer bewahren sollte.»

Christian Heindl

Auf einen Blick

Das Wichtigste über Erich Urbanner
Portraitfoto von Erich Urbanner
© Renate Publig

Am 26. März 1936 in Innsbruck geboren und aufgewachsen, kam Erich Urbanner nach der Matura nach Wien, um von 1955 bis 1961 an der Akademie für Musik und darstellende Kunst, der heutigen Musikuniversität, zu studieren. Gemeinsam mit Iván Eröd, Ingomar Grünauer, Gösta Neuwirth, Kurt Schwertsik, Otto M. Zykan und einigen anderen gehörte er zu jener Gruppe junger Musiker, die sich hier ab Mitte der 1950er-Jahre um den Komponisten Karl Schiske scharte, welcher als Lehrer einen wesentlichen Kontrapunkt zu den das damalige Musikleben dominierenden konservativen Kreisen bildete. Seine weitere Ausbildung erhielt er unter anderem bei der Pianistin Grete Hinterhofer und im Dirigieren beim legendären Hans Swarowsky Dirigieren, zudem nahm er mehrfach an den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt teil, wo er etwa Kurse bei Wolfgang FortnerKarlheinz Stockhausen und Bruno Maderna belegte. 

Bereits als 20-Jähriger mit Kompositionspreisen bei Wettbewerben des Verlags Doblinger und der Österreichischen Musikzeitschrift ausgezeichnet, erhielt Erich Urbanner während seiner Laufbahn zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen für seine Arbeit als Komponist und im pädagogischen Bereich, darunter 1980 den Kompositionspreis der Landeshauptstadt Innsbruck, zwei Jahre darauf den Würdigungspreis des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, 1984 den Musikpreis der Stadt Wien, dazu den Tiroler Landespreis für Kunst, die Goldene Ehrennadel und die Ehrenmitgliedschaft des Österreichischen Komponistenbundes, 2001 das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und das Goldene Ehrenzeichen der Stadt Wien sowie 2011 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien. Urbanners Schaffen umfasst Bühnen- und Orchesterwerke, zahlreiche Instrumentalkonzerte, Kammermusik der verschiedensten Besetzung, Solostücke sowie ein breites Spektrum an Vokalwerken. 

Im Rang eines Opus summum wären nebeneinander das anlässlich der 175-Jahr-Feiern des Tiroler Freiheitskampfes komponierte «Requiem» für Soli, Chor und Orchester von 1975 und die 1988 am Tiroler Landestheater erfolgreich uraufgeführte Oper «Ninive» nach einem Libretto von Herbert Vogg zu nennen. 

Am 26. März 2026 feiert Erich Urbanner seinen 90. Geburtstag.

Konzerttermine

Erich Urbanner mit dem Tonkünstler-Orchester
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