Orchesterleben

Im Trend der Zeit

Die Tonkünstler in den Medien: Wieso die Aufnahmen aus dem Musikverein Wien nun auf Spotify und Co. abrufbar sind, was die neue App «Euphonya» kann und wo das Orchester außerdem gehört und gesehen wird
In meinem Bekanntenkreis hat kaum noch jemand einen CD-Player, alle sind stattdessen auf den Streaming-Plattformen.
Frank Druschel

«Wir sind dadurch zeitgemäßer, moderner, flexibler und umweltfreundlicher» – so beschreibt Tonkünstler-Geschäftsführer Frank Druschel eine große Veränderung, die das Orchester aktuell vorgenommen hat: Es veröffentlicht keine CDs mehr, sondern stellt Aufnahmen von ausgewählten Auftritten des Klangkörpers auf gängige Musik-Plattformen wie Spotify, Apple Music und Co. «Das ist schlichtweg der Trend unserer Zeit», erklärt Druschel. «Man muss sich nur umsehen: In meinem Bekanntenkreis hat kaum noch jemand einen CD-Player, alle sind stattdessen auf diesen Plattformen. Auch heute noch bieten wir im Anschluss an Konzerte und natürlich online CDs zum Verkauf an, aber die Nachfrage wird einfach immer geringer – und darauf haben wir reagiert.»

Das heiße aber keinesfalls, betont Druschel, dass das Orchester in Medien weniger präsent sei als vorher. Ganz im Gegenteil: «Über die digitalen Veröffentlichungen möchten wir die Aufmerksamkeit auf die Aktivitäten unseres Orchesters weiterhin hochhalten – und die Resonanz gibt uns Recht. Ich bin mit der Zahl der Aufrufe zufrieden», beschreibt er. Vor allem in Mexiko und Japan werden die Aufnahmen des Tonkünstler-Orchesters oft gestreamt, gleich an dritter Stelle bei den Abrufen liegt Österreich. «Wichtig ist uns, hier in der Art präsent zu sein, die auch für die Konzerte gilt: Wir machen kein Mainstream-Repertoire, sondern bewegen uns abseits ausgetretener Pfade.»

Dies war auch der Grund, 2016 ein eigenes CD-Label zu gründen. Und die Ausrichtung ist die gleiche geblieben, auch wenn die Ausspielformate nun andere sind: «Wir haben unser Label damals ins Leben gerufen, um uns von großen Labels unabhängig zu machen und das Repertoire veröffentlichen zu können, das zum Orchester und zum jeweiligen Chefdirigenten passt», sagt Druschel und zieht Parallelen: «Wenn wir heute etwas auf Spotify und Co. stellen, achten wir sehr darauf, dass wir dafür Repertoire wählen, das dort noch nicht tausendfach vorhanden ist.»

Präsenz zeigen und auf Besonderheiten hinweisen

Hat man bisher rund vier Tonträger pro Jahr herausgebracht, so werde man von den Mitschnitten, die Radio Österreich 1 weiterhin anfertigt, wohl zwei bis drei pro Saison auswählen, um sie digital zu veröffentlichen, sagt Druschel. «Das halte ich für eine gute Frequenz.» Ums Geld geht es bei der Entscheidung für die CD oder die digitale Variante nicht: «Für Monetarisierung sind solche Veröffentlichungen derzeit nicht geeignet, wobei auch bei den CDs die Kosten höher waren als die Einnahmen. Vielmehr geht es uns darum, präsent zu sein. Wir wollen auch auf dem digitalen Markt zeigen, dass wir einen neuen Chefdirigenten haben und dass wir uns anders positionieren als andere Klangkörper.»

Schon heute findet jemand, der auf den gängigen Portalen sucht, einige Veröffentlichungen des Tonkünstler-Orchesters. Zuletzt wurde hier die Suite aus dem Ballett «Schlagobers» von Richard Strauss zugänglich gemacht – in einem Live-Mitschnitt anlässlich der Erstaufführung des Werkes im Musikverein Wien unter der Leitung von Fabien Gabel. «Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir uns auf den digitalen Plattformen positionieren möchten: mit Werken, die man noch nicht so gut kennt und die für die Programmierung und Ausrichtung unseres neuen Chefdirigenten stehen.» In diesem Sinne hat man zuletzt auch «Geschichten von Strauss» von Erich Wolfgang Korngold und «Symphonische Nachtmusik» von Joseph Marx herausgebracht, über die es in der Kritik von Wilhelm Sinkovicz in der Tageszeitung «Die Presse» vom 17. Dezember 2025 hieß: «Die Tonkünstler genossen unter Fabien Gabel hörbar die Möglichkeit, das vielfarbige Feuerwerk der österreichischen Anti-Moderne zu zünden.»

Als nächstes Projekt wird man noch im August «Sechs Gesänge» von Alexander Zemlinsky herausbringen, hier beschrieb ein Rezensent die «wohlig schönen Klangstudien», die den Tonkünstlern mit Sopranistin Kate Lindsey gelungen seien. Im August folgt unter den Veröffentlichungen auf den Plattformen die «Sinfonietta» von Erich Wolfgang Korngold. Diese Aufnahme nimmt auf die bereits langjährige Beziehung des neuen Chefdirigenten mit dem Tonkünstler-Orchester Bezug, entstand sie doch 2019 bei der allerersten Zusammenarbeit. «Es ist schön, dass man darauf nun zurückgreifen kann», sagt Druschel. «Abermals können wir damit nun auch digital zeigen, wofür wir stehen.»

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Eine junge Frau mit Kopfhörern liegt in einem Wohnzimmer mit geschlossenen Augen auf dem Boden
© iStock

Mit der App ganz nahe ans Orchester

Der Wechsel von der CD-Produktion auf die digitale Veröffentlichung ist jedoch nicht das einzige Projekt des Tonkünstler-Orchesters im Sinne der Präsenz seiner Musikerinnen und Musiker in zukunftsträchtigen Medien: Mit der App «Euphonya» hat man eine weltweit einzigartige Neuentwicklung vorgestellt. Diese ermöglicht es unter anderem, sich virtuell mitten ins Orchester zu stellen und Werke auf besondere Art zu erleben. 

Wir sind stolz, mit <Euphonya> die erste App dieser Art kreiert zu haben.
Frank Druschel

«Meine eigentliche Idee war es, Live-Konzerte ins Metaverse zu bringen, um auch die Gamer-Community mit unseren Angeboten anzusprechen und sie in ihrer Welt abzuholen», erzählt Frank Druschel. «Rasch merkten wir aber bei dem Versuch, so etwas zu entwickeln, dass dafür die Zeit noch nicht reif ist. Wir hatten aber 3D-Audiofiles dafür erzeugt, die wir gerne nutzen wollten – und so entstand die Idee der App, die klassische Musik und aktuelle Technologie kombiniert.» Diese ist für Endgeräte mit iOS und Android kostenlos und soll den Klang eines Orchesters auf dem Handy erlebbar machen. «Wir sind stolz, damit die erste App dieser Art kreiert zu haben», sagt Druschel. Im immersiven Klangraum kann man sich nicht nur zwischen den Instrumentengruppe frei bewegen, sondern man kann auch Themeninseln mit Informationen ansteuern und bekommt Hintergründe über Werke geliefert. Zwölf Originalaufnahmen aus dem Auditorium in Grafenegg stehen bisher zur Verfügung, weitere in Vorbereitung. «Es geht uns um ein tieferes Eintauchen in den Klang eines Orchesters». Eine weitere Version der App wird in Schulen für die Musikvermittlung genutzt. Hierfür hat man sie auch um Spiele erweitert: «Schülerinnen und Schüler können in unseren Workshops Musikstücke bewerten und zeigen, was diese bei ihnen auslösen. Auch ein Rhythmusspiel und ein Melodien-Memory gibt es.»

Teenagerin hält Handy während im Hintergrund ein Orchester musiziert
© HEAT Filmproduktion/dasWeil

Enthaltene Aufnahmen

Das Repertoire wird laufend um spannende Werke erweitert
  • Johann Strauss: «An der schönen blauen Donau»
  • Antonín Dvořák: Symphonie Nr. 9, «Aus der Neuen Welt»
  • Gustav Holst: «Jupiter» aus «Die Planeten»
  • Richard Wagner: Vorspiel zu «Tristan und Isolde»
Mädchen mit Kopfhörern bei einem Filmset im Park
© HEAT Filmproduktion

Im Fernsehen und im Radio

Wenngleich auf so vielfache Art und Weise in die Zukunft gedacht wird, ist das Tonkünstler-Orchester auch weiterhin in traditionellen Medien präsent. So wurde die Sommernachtsgala aus Grafenegg Mitte Juni von ORF 2 und 3sat übertragen und ist danach noch einige Wochen online abrufbar. Auch auf Radio Niederösterreich konnte man das Konzert hören, auf ORF Sound ist es noch bis Mitte Juli gespeichert. 

Dass Konzerte mit den Tonkünstlern im ORF übertragen werden, hat eine lange Geschichte: Seit 2007 werden alljährlich ausgewählte Konzerte aus Grafenegg auf ORF III ausgestrahlt – so wie im September dieses Jahres das Festivalkonzert des Tonkünstler-Orchesters aus Grafenegg mit der Sopranistin Asmik Grigorian sein. Unter Fabien Gabels Leitung wird sie unter anderem die Arie «Casta Diva» aus «Norma» von Vincenzo Bellini und den Schlussgesang der Salome aus der gleichnamigen Oper von Richard Strauss singen. Der ORF zeigt das Konzert am 13. September in ORF III, es ist dann ebenfalls online nachzusehen. Auch im ORF Radio ist das Tonkünstler-Orchester regelmäßig präsent, einerseits durch die bereits erwähnten Übertragungen in Ö1, andererseits macht einmal im Monat eine eigene Tonkünstler-Radiosendung in ORF Radio Niederösterreich auf bevorstehende Höhepunkte und aktuelle Projekte aufmerksam.

Sendehinweise in der Tonkünstler-Mediathek

Durch all die verschiedenen modernen Angebote, die das Tonkünstler-Orchester heute bereithält, möchte man «natürlich keinen Ersatz für ein Live-Konzert bieten, sondern vielmehr Lust machen auf das Eigentliche. Wir wollen nicht nur jene ansprechen, die sowieso schon für Live-Konzerte brennen, sondern auch andere ins Tonkünstler-Boot holen», sagt Frank Druschel – und fügt hinzu: «Wobei es schon cool ist, was hier mit moderner Technologie bereits möglich ist. Per Klick kann man zahlreiche Werke mit den Tonkünstlern anhören oder via App sogar direkt neben den Bläsern stehen.»

Theresa Steininger

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