Orchesterleben

Leidenschaft für Musik und Menschen

Jun Märkl, einer der langjährigen, stets willkommenen Gastdirigenten der Tonkünstler, beschreibt die ebenso komplexe wie diffizile künstlerische Zusammenarbeit mit dem Orchester und gibt tiefe Einblicke in seinen Arbeitsalltag

Kaum einer der Gastdirigenten, die regelmäßig symphonische Abonnementprogramme mit dem Tonkünstler-Orchester leiten, kennt es so gut wie Jun Märkl. Und kaum einer hat die Entwicklung der Tonkünstler über so viele Jahre kontinuierlich verfolgt: Im Juli 2010 stand Jun Märkl am Wolkenturm in Grafenegg zum ersten Mal am Pult der Tonkünstler. Mehr als 40 Konzerte im Musikverein Wien und im Festspielhaus St. Pölten, in Grafenegg und im Amphitheater von Schloss Litomyšl sollten folgen, dazu zwei CD-Produktionen. Bis jetzt. Imposante Zahlen, doch wofür stehen sie? 

Aus dem Orchester erhält man auf diese Frage Antworten, die von Vertrauen erzählen, von Freundschaft sogar, vom wertschätzenden Umgang, von exzellenter Probenarbeit und hoher künstlerischer Qualität der Aufführungen – kurz: von einer erfüllten, lebendigen Zusammenarbeit, von der gemeinsamen Freude am Musizieren. Was aber kennzeichnet das Verhältnis eines Gastdirigenten zu den Musikerinnen und Musikern? Wie fühlt man sich vor der ersten Zusammenarbeit mit einem unbekannten Orchester? Was passiert, wenn die Solistin oder der Solist – und damit ein weiterer Gast – in die Probenphase eintritt? 

In diesem Text beleuchtet Jun Märkl spezielle Aspekte seines Arbeitsalltags und vermittelt einen kleinen, aber überraschend tiefen Einblick in die Situation und die Gefühlswelt des Gastes am Dirigentenpult. Auch die Zusammenarbeit mit den Tonkünstlern schildert er aus seiner persönlichen Sicht und seiner langjährigen «Beziehungsgeschichte» heraus. Jun Märkl schreibt offen, sachlich und voller Leidenschaft für die Musik und die Menschen, die sie mit ihm gemeinsam auf die Bühne bringen – genau jene Eigenschaften, für die ihn das Orchester und sein Publikum schützen und verehren.

Ute van der Sanden

Gast am Pult: Blind Date mit hoffnungsvollem Ausgang

Jun Märkl über Blind Dates auf dem Podium, ein klassisches Ehedrama, den Fluch der roten Lampe und seine Nervosität vor ersten Proben – auch bei den Tonkünstlern

Sicherlich wird von mir erwartet, an dieser Stelle ein flammendes Plädoyer für die Notwendigkeit von Gastdirigenten zu halten. Aber mir kommen da doch einige Zweifel … 

Als Gastdirigent komme ich als Gast zu den Orchestern. Ein enormes Risiko – für mich wie auch für das Orchester! Geht das gut? Kommen wir in unserer Arbeit zu einem Ergebnis, das es uns erlaubt, damit aufzutreten? Erreichen wir die für ein Konzert notwendige Qualität? Wird es eine fruchtbare Zusammenarbeit oder (nicht die Regel, kommt aber vor) eine qualvolle Woche? 

Ein Musikdirektor oder Chefdirigent verbringt viel Zeit mit «seinem» Orchester und ist letztendlich dafür verantwortlich, in welchem Zustand – musikalisch, technisch und menschlich – sich das Orchester befindet. Als Gast werde ich im Normalfall für eine Woche engagiert und verschwinde dann wieder, zur Freude oder zum Bedauern der Musikerinnen und Musiker und des Publikums, die über dieses Engagement nicht federführend zu entscheiden hatten, sondern nur im Nachhinein darüber befinden dürfen. 

Musiker gehörten schon im Mittelalter zum «fahrenden Volk», reisten zu Residenzen und Höfen und boten ihre Dienste an. Waren sie bei Königen oder Fürsten beliebt, dann durften sie lange bleiben – siehe Joseph Haydns mehr als vierjährige Dienstzeit am Hofe Esterházy. Ansonsten wurden sie schnell wieder hinauskomplimentiert. Im Prinzip ist das heute nicht anders, nur unter verschärften Bedingungen: Die Könige wurden durch Orchesterintendanten ersetzt, die künstlerische Tätigkeit von Wochen oder Monaten auf eine Woche der Zusammenarbeit reduziert. 

Warum ein Orchester Gastdirigenten braucht

Ist man der Einladung zu einem Orchester gefolgt und hat mit ihm gearbeitet, wird man meist höflich verabschiedet. Nach dem «Blind Date» ist entscheidend, ob der «Partner» wieder anruft oder ob Funkstille herrscht. Verträge mit Gästen, seien es Dirigentinnen und Dirigenten oder Solistinnen und Solisten, werden explizit nur für eine Woche und ohne Verlängerung abgeschlossen. Jede Zusammenarbeit mit einem Ensemble ist daher auch für den Gast eine sehr bewusste Entscheidung. Und so hoffen wir Gäste immer auf ein zweites Date. 

Aber wozu braucht man überhaupt Gastdirigenten? Einfach, weil man gelegentlich etwas Abwechslung haben will? Sicherlich auch! Das Repertoire, das dem Publikum angeboten wird, soll reichhaltig sein und viele verschiedene Stilrichtungen beinhalten. So umfassend ein Chefdirigent auch arbeitet, er kann nicht alles abdecken. Als Spezialisten für besondere Werke, Stile, Projekte erweitern Gastdirigentinnen und Gastdirigenten das Programmangebot. Auch die Musikerinnen und Musiker profitieren davon, gelegentlich ein neues Gesicht zu sehen: Sie erleben einen anderen Arbeitsstil, erweitern ihren Horizont und erhalten ihre Flexibilität. 

Dies alles rechtfertigt das Risiko, einen Gastdirigenten einzuladen. Voraussetzung dafür, dass sich der Erfolg einstellt, ist, dass sich Chefdirigent, Orchester und Management sorgfältig beraten haben und im Klaren darüber sind, was sie von ihrem Gast erwarten, warum sie ihn und keinen anderen einladen und welche Funktion er im gesamten Programmkonzept erfüllen soll. 

© Johannes Strassl
Am besten parkt man sein Ego in der Tiefgarage und kommt offenen Herzens und Gemüts auf die Bühne, um die Schönheiten der Musik mit den anderen Mitwirkenden und dem Publikum zu teilen.

Vertrauensverhältnis zwischen Gast und Orchester

Als Gastdirigent sollte ich wiederum die Vorgaben des Chefdirigenten nicht in Frage stellen oder gegenteilig arbeiten und Ansichten durchzusetzen versuchen, obwohl sie womöglich dem Stil und den Idealen des Orchesters entgegenstehen. Entscheidend ist, sich in den Dienst des Orchesters zu stellen und somit dazu beizutragen, die Programmierung zu bereichern und an der Entwicklung des Klangkörpers mitzuarbeiten. 

Es geht immer um die Musik, nie um das Ego. Ob als Gast- oder Chefdirigent: Der Sinn unseres Wirkens besteht darin, gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern eine Interpretation zu erarbeiten. Dazu braucht es ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Gast und dem Orchester, an dem ich immer zu arbeiten versuche. Ich bemühe mich, die Musikerinnen und Musiker als Persönlichkeiten zu erfassen, sie auch im persönlichen Gespräch kennenzulernen und zu begreifen, wo ihre Stärken sind und wo ich ihnen helfen muss. Das «Blind Date» zwischen Orchester und Gastdirigent bleibt ein Risiko. Es dennoch einzugehen, lohnt immer – getragen von der Hoffnung auf eine gute Beziehung. 

Dirigent und Solist: das klassische Ehedrama

Das Ideal einer Aufführung liegt seit jeher darin, dass die Beteiligten ein Kunstwerk erfahrbar, in der Musik hörbar machen. Dazu haben wir uns auf eine Sehweise und eine Interpretation zu einigen, unter der die Partitur erarbeitet und in Klang umgesetzt werden soll. Wenn ich Aufführungen von Instrumentalkonzerten höre, gewinne ich gelegentlich allerdings den Eindruck, dass sich die Spieler eines Fußballteams noch nicht einmal einig darüber sind, auf welches Tor sie schießen sollen. Woran liegt das? 

Die Solistin oder der Solist erscheint meistens recht spät im Probenprozess, häufig in der letzten Probe oder gar erst zur Generalprobe am Tag des Konzerts. Damit wird das – im Idealfall – bis dahin aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen Orchester und Dirigent auf die Probe gestellt, und manchmal wissen die Orchestermusikerinnen und -musiker nicht mehr recht, wem sie folgen sollen: dem Solisten oder dem Dirigenten. Denn beide haben unterschiedliche Ideen zum aufzuführenden Werk. Das fängt beim Tempo an und hört bei der Phrasierung und unzähligen Detailfragen noch lange nicht auf. Selten werden diese Fragen vor dem Orchester ausdiskutiert, manchmal münden sie sogar in einen Machtkampf: Wer ist der Stärkere? Wer dominiert wen, wer muss sich unterordnen? 

Dass dann doch noch eine respektable Aufführung zustande kommt, ist meistens den Orchestermusikerinnen und -musikern zu verdanken, die in einem genialen Zug die Nonchalance wahren und das Ganze durch viele kleine Kompromisse retten. Bestenfalls fühlen sich beide, Solist und Dirigent, am Ende als Sieger, wahren ihr Gesicht – aber die Musik und das Publikum haben entsetzlich gelitten.

Wenn das passiert, muss man zunächst einen Mangel an Respekt vor dem Werk konstatieren: Den Solisten interessiert vornehmlich, wie er sich und seine phänomenale Technik am besten darstellen kann. Der Dirigent ist schlecht vorbereitet und froh, wenn das Solokonzert endlich vorüber ist, denn er denkt ja schon an die große Symphonie nach der Pause. 

Vermittler zwischen der Solistin oder dem Solisten und dem Orchester

Aber Hand aufs Herz: Warum sollte man ein Meisterwerk wie das Violinkonzert von Ludwig van Beethoven anders behandeln als eine seiner Symphonien? 

Für eine Musikerin oder einen Musiker, der sich in den Dienst eines Werkes stellt, muss es ein künstlerisches Gewissen geben, ein Verantwortungsgefühl dem Komponisten gegenüber, aber auch gegenüber dem Publikum und den Ausführenden. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob wir eine Symphonie, eine Ouvertüre, eine Suite oder eben ein Solowerk aufführen. 

Ich bestehe immer auf einem Treffen mit der Solistin oder dem Solisten vor der ersten Probe mit dem Orchester, um den Gast kennenzulernen, ein Gefühl für seine Persönlichkeit zu bekommen und sein Konzept für das Stück zu erahnen. Sofern er eine überzeugende Auffassung anbietet, folge ich seinen Vorstellungen gern, ich fühle mich dann als Vermittler zwischen ihm und dem Orchester. Ich gehe immer davon aus, dass die Solistin oder der Solist sich seit Langem intensiv mit dem Werk befasst hat und sicherlich auch mir bisher «Ungehörtes» nahebringen kann. Meine Aufgabe als Dirigent, die ich dann mit Freude annehme, ist die eines Anwalts für die Interpretation des Solisten.

Die Voraussetzung dafür ist, dass die Solistin oder der Solist mit dem Dirigenten und dem Orchester gut kommuniziert. Dann, und nur dann, können wir ihn auch gut begleiten. Einen Mangel an Kommunikation – und oft auch an Kommunikationsbereitschaft – kann man ganz praktisch zum Beispiel daran erkennen, dass der Solist weit vor dem Orchester stehen will und alles andere in seinem Rücken geschehen muss.

Für mich entstehen immer dann Sternstunden, wenn die Solistin oder der Solist aktiv in den Dialog mit dem Orchester und dem Dirigenten tritt und die enge Beziehung zwischen Solo- und Orchesterpart hörbar macht, die in der Partitur vorgegeben ist. Diesen Solistinnen und Solisten, von denen es glücklicherweise eine ganze Menge gibt, bin ich unendlich dankbar für die kostbaren Momente, die sie uns schenken. 

«Common Sense» im Dienst des Werkes

Wenn ich an dieser Stelle so etwas wie ein Glaubensbekenntnis formulieren darf, möchte ich folgenden Gedanken erwähnen: Beim Musizieren in einem Ensemble geht es immer darum, einen «Common Sense», eine Gemeinsamkeit herzustellen, die man in den Dienst des Werkes stellt. Am besten parkt man sein Ego in der Tiefgarage und kommt offenen Herzens und Gemüts auf die Bühne, um die Schönheiten der Musik mit den anderen Mitwirkenden und dem Publikum zu teilen. Dann stellt sich nicht mehr die Frage, wer welchen Verdienst am Gelingen der Aufführung hat, sondern man strebt nach dem Zustand, dass jeder Künstler auf der Bühne sein Bestes beiträgt zur Darbietung eines Werkes, das größer ist als jeder Einzelne von uns. Nirgendwo ist das so klar zu erfahren wie in der Musik, die ein flüchtiges Medium ist, das nur im Augenblick der Aufführung entsteht und im nächsten Moment schon Vergangenheit und Erinnerung ist. Musik gemeinsam zu erschaffen und zu erleben, ist eine Erfahrung, die unser Leben unendlich bereichern kann.

Wir gehen in Konzerte, um Momente der Vollkommenheit und Schönheit zu erleben. Sie geschehen zu lassen, ist auch bei Solokonzerten möglich, wenn die Solistin oder der Solist und der Dirigent das Ehedrama hinter sich lassen – um das Werk gemeinsam liebevoll zu umarmen. 

© Johannes Strassl
Musik gemeinsam zu erschaffen und zu erleben, ist eine Erfahrung, die unser Leben unendlich bereichern kann.

Dilemma zwischen Perfektion und Inspiration: CD-Produktionen

«Achtung Aufnahme!» So ertönt es aus den Lautsprechern im Tonstudio. Nun leuchtet die rote Lampe, und wir sollen beginnen, die inspirierte Fassung einer Symphonie digital festzuhalten und für die Ewigkeit aufzunehmen. Inspiriert und für ewig – und das quasi per Knopfdruck. Eine schier unlösbare Aufgabe! 

Wenn die Lampe wenigstens grün wäre, wie bei einer Ampel, dann würde uns das ermutigen. Aber nein, rot muss sie sein, und alle sind dementsprechend nervös und angespannt. «Fremdgeräusche» wie Husten oder ein wackeliger Stuhl sind verboten, auf den Gebrauch von Handys drastische Strafen angedroht. Wir arbeiten in einem fensterlosen Studio unter dem strengen Blick – oder, besser gesagt, für das strenge Ohr eines Tonmeisters. Wenn er unser Spiel für unbrauchbar erklärt, haben wir ein Problem. Was wir, die Musikerinnen und Musiker, zu tun haben, ist also, jeden Ton der Partitur wenigstens einmal perfekt zu spielen.

Mit unserem künstlerischen Verständnis ist das schwer zu vereinbaren: «Einmal perfekt zu spielen», ist nicht das Ziel, das wir normalerweise anstreben. Und sind nicht wir, die Musikerinnen und Musiker, eigentlich die Meister des guten Tons? Das Aufleuchten der roten Lampe ist ein Symbol für die Studiosituation, die von vielen Musizierenden als Bevormundung und Degradierung des Musikalischen auf rein technische Prozesse empfunden wird. Zumal oft genau da, wo einem Musiker die besonders schwere Phrase wunderbar gelungen ist, ein Fehler an anderer Stelle liegt: Ein zu lautes Blättern, ein fallender Bleistift, ein Knacken im Holz des traditionsreichen Podiums oder einfach der vorbeifahrende Krankenwagen haben alles verdorben. Wenn man dann bei der 20. Version des betreffenden Taktes ankommt, sind die musikalischen Inspirationen längst verschwunden. Im schlimmsten Fall haben wir dann den gestrengen Tonmeister zufriedengestellt, sind selbst aber zu Maschinen geworden. Wieviel leichter haben es die Musik und die Musizierenden in den Live-Aufnahmen von Konzerten! Dort bildet die CD die Konzertsituation ab – hier, in der Studioproduktion, wird die Illusion einer Aufführung künstlich erschaffen. 

Gebt uns grünes Licht!

Das Dilemma zwischen Perfektion und Inspiration ist in Studioaufnahmen schwer zu lösen. Und dennoch: In den CD-Aufnahmen des Tonkünstler-Orchesters findet sich beides. Das spricht für das Orchester, das sich im Laufe der letzten Jahre eine große Erfahrung mit dem anspruchsvollen Charakter von Aufnahmesituationen angeeignet hat. Darüber hinaus haben das überaus selbstkritische Hören der Orchestermusikerinnen und -musiker und ihre beherzte Mitwirkung an den CD-Aufnahmen die Präzision des Zusammenspiels ungemein erhöht. 

Wenn also das noch immer übliche rote Licht aufleuchtet, werden von Musikerinnen und Musikern das ganze instrumentale Können und die höchste technische Perfektion abgerufen – nicht nur einmal, sondern vielleicht sogar 20-mal pro Takt. Um die musikalische Inspiration am Leben zu halten, um mit Seele spielen zu können, hilft es mir persönlich, auch unter harten, nüchternen Studiobedingungen das Gefühl zu vergegenwärtigen, im Konzertsaal zu sein und vor einem Publikum zu musizieren. Man braucht einen starken Durchhaltewillen, eine gute Konstitution und viel Optimismus, um all dies auch noch bei der 20. Wiederholung leisten zu können. 

Darum meine Bitte an alle Aufnahmeleiter: Gebt uns künftig grünes Licht. Wir garantieren dafür viele weitere wundervolle Aufnahmen! 

© Johannes Strassl
Die Liebe zum «Wohlklang», die Hingabe ans Detail und die gute «interorchestrale» Kommunikation tragen wesentlich zum Klangideal der Tonkünstler bei.

Als Gastdirigent bei den Tonkünstlern

Für meine über mehrere Kontinente verteilten Dirigate bin ich ständig auf Reisen. Wenn dann wieder einmal ein Projekt mit den Tonkünstlern ansteht, fühlt sich das fast an, als würde ich nach Hause fahren – zu einem Orchester, das mir vertraut ist, zu Musikerinnen und Musikern, die ich schätze und liebe, in vertraute Konzertsäle und zu einem Publikum, das ich kenne. 

Und trotzdem bin ich vor der ersten Probe immer etwas nervös. Nicht, weil ich Angst vor dem Orchester habe, denn dieses Orchester ist ein wirklich liebenswürdiges. Was mich beschäftigt, ist die beständige Frage, ob ich die zu erarbeitenden Werke gut genug verstanden und vorbereitet habe. Diese Frage stelle ich mir auch dann, wenn ich die Werke vorher schon dirigiert habe. Für mich hat es mit dem Respekt vor der Musik und den Ausführenden zu tun, sich niemals mit dem Erreichten zufrieden zu geben, sondern immer wieder neu nach Vertiefung und Verbesserung zu suchen. Dieses Suchen finde ich bei den Tonkünstlern wieder, und es ist der Hauptgrund dafür, dass ich mich in der Arbeit mit ihnen wohlfühle und immer gern wiederkomme.

Darüber hinaus habe ich in den vergangenen Jahren erleben dürfen, wie sich das musikalische Niveau des Orchesters deutlich weiterentwickelt hat. Ein Grund dafür ist sicherlich die gute Arbeit von Chefdirigent Fabien Gabel und seine, Vorgänger Yutaka Sado. Aber auch den Musikerinnen und Musikern selbst gebührt großes Lob, haben sie doch wesentlich dazu beigetragen, dass das Orchester eine enorme Aufwärtsentwicklung gemacht hat.

Liebe zum «Wohlklang» und Hingabe ans Detail

In meinen Gesprächen mit den Entscheidungsträgern der Tonkünstler wird oft darauf verwiesen, dass viele junge Musikerinnen und Musiker neu in das Orchester aufgenommen werden und sich daher die Qualität verbessert. Ich mache mich dann manchmal unbeliebt, weil ich entgegne, dass allein dieser Umstand keine Steigerung der Qualität verursache. Es sind vielmehr die «alteingesessenen», die erfahrenen Musikerinnen und Musiker, die über die Entwicklung des Orchesters entscheiden – davon bin ich zutiefst überzeugt.

Bei den Tonkünstlern gibt es eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die das Orchester nicht nur künstlerisch, sondern auch moralisch prägen. Und ich empfinde große Bewunderung für die Kolleginnen und Kollegen, die die besonderen Eigenheiten des Orchesters pflegen und wachhalten: ein hohes Arbeitsethos, ein freundliches, oft familiäres Miteinander im Umgang, gepaart mit einem sehr hohen künstlerischen Anspruch. Diese Kombination ist selten, wirkt sich aber bis in den Klang des Orchesters aus. Die Liebe zum «Wohlklang», die Hingabe ans Detail und die gute «interorchestrale» Kommunikation tragen wesentlich zum Klangideal der Tonkünstler bei. Und es sind vor allem die erfahrenen Orchestermusikerinnen und -musiker, die dieses Ideal wachhalten und die jungen Musiker in diese Tradition einführen. Der Stolz, Mitglied dieses Orchesters zu sein, ist gleichzeitig auch Verpflichtung, die Tradition zu pflegen, sie weiterzuentwickeln und sich stetig zu verbessern. 

Die Tonkünstler befinden sich in einer sehr positiven Phase ihrer Entwicklung, und das macht letztlich auch die Arbeit für den Gastdirigenten so angenehm. Der Wille zur Kooperation ist ausgesprochen stark, das künstlerische Niveau und die Flexibilität sind sehr hoch. Meine anfängliche Nervosität zu Beginn der Probenarbeit legt sich immer schnell, weil man sich einig ist darin, alle Arbeit in den Dienst der Musik zu stellen und für die Aufführung und das Publikum zu wirken. Für mich persönlich ist die Arbeit mit den Tonkünstlern, die sich nun schon über viele Jahre und zahlreiche Programme erstreckt, immer ein Höhepunkt der Saison. Gern plane ich meine Reiseroute zu diesem Orchester und seinen Aufführungsorten – jetzt und künftig. Daher an dieser Stelle ein enthusiastisches Lob an die Tonkünstler, die ihrem Namen in jeder Hinsicht gerecht werden! 

Jun Märkl

Anmerkung: Dieser Beitrag entstand für die Saisonbroschüre 21–22 und wurde zur erneuten Veröffentlichung an dieser Stelle geringfügig überarbeitet.

Auf einen Blick

Jun Märkl: Zuhause auf den Konzert- und Opernbühnen der Welt
© Tey Tat Keng

Dank seines deutsch-japanischen Elternhauses ist Jun Märkl in zwei Kulturkreisen beheimatet. Er wurde 1959 in München geboren und studierte Klavier, Violine und Orchesterleitung in Hannover. Nach dem Diplom ging er nach München und an die University of Michigan, wo er seine Ausbildung bei Sergiu Celibidache und Gustav Meier fortsetzte. Er erhielt ein Stipendium des Boston Symphony Orchestra und studierte bei Leonard Bernstein und Seiji Ozawa in Tanglewood. 

Seit 2022 ist Jun Märkl Chefdirigent des National Symphony Orchestra of Taiwan und seit der Saison 25–26 auch des Residentie Orkest in Den Haag. Weiters wirkt er als Artistic Advisor des Indianapolis Symphony Orchestra und als Erster Gastdirigent des Oregon Symphony Orchestra.

Als Chefdirigent wirkte Märkl auch am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken, am Nationaltheater Mannheim, beim Orchestre National de Lyon, beim MDR-Sinfonieorchester in Leipzig, beim Baskischen Nationalorchester in San Sebastian und beim Malaysian Philharmonic Orchestra. Sein erfolgreiches Debüt an der Wiener Staatsoper mit Giacomo Puccinis «Tosca» verhalf ihm 1993 zu internationalem Ansehen. Seither dirigierte Jun Märkl an renommierten Opernhäusern wie dem Londoner Royal Opera House Covent Garden, an der Metropolitan Opera in New York, am New National Theatre Tokyo, an der Bayerischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, der Wiener Staatsoper und der Semperoper Dresden. Im symphonischen Bereich arbeitete er mit den besten Orchestern weltweit, darunter das Orchestre de Paris, das Tonhalle Orchester Zürich, die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des Bayerischen, das NHK Symphony Orchestra Tokyo sowie die Symphonieorchester von Chicago, Boston, Cleveland, Philadelphia, Montreal, Melbourne, Sydney, Oslo und Stockholm.

Mehr als 50 CD-Aufnahmen dokumentieren Jun Märkls künstlerische Arbeit. Insbesondere seine Einspielung des gesamten Orchesterwerks von Claude Debussy errang internationale Anerkennung. 2012 wurde er dafür mit dem französischen Kulturorden «L'Ordre des Arts et des Lettres» ausgezeichnet. Projekte für Jugendliche liegen Jun Märkl besonders am Herzen. Regelmäßig leitete er das aus jungen Musikerinnen und Musikern aus 40 Ländern weltweit gebildete Orchester des Pacific Music Festivals in Sapporo, arbeitete beim Aspen Music Festival in Colorado und hält eine Professur am Kunitachi College of Music in Tokyo.

Konzerttermine

Jun Märkl mit dem Tonkünstler-Orchester
    Su 3 May 26
    15.30
    Mann in Anzug lehnt an einer prunkvollen dunklen Säule vor einem großen Tor
    Sonntagnachmittag | 5 Konzerte Sonntagnachmittag | 12 Konzerte
    Su 3 May 26
    15.30

    Strauss: Zarathustra

    Wien | Musikverein Wien | Großer Saal
    Remaining tickets
    73 | 67 | 58 | 47 | 41 | 30 | 22 | 22 | 8
    Tu 5 May 26
    19.30
    Mann in Anzug lehnt an einer prunkvollen dunklen Säule vor einem großen Tor
    Abend | 12 Konzerte Abend | 5 Konzerte
    Tu 5 May 26
    19.30

    Strauss: Zarathustra

    Wien | Musikverein Wien | Großer Saal
    Book tickets
    73 | 67 | 58 | 47 | 41 | 30 | 22 | 8
    Fr 18 Dec 26
    18.00
    Fr 18 Dec 26
    18.00

    Einführung

    Haide Tenner-Russ
    Wien | Musikverein Wien | Metallener Saal
    Fr 18 Dec 26
    18.45
    Fr 18 Dec 26
    18.45

    Einführung

    Haide Tenner-Russ
    Wien | Musikverein Wien | Metallener Saal
    Fr 18 Dec 26
    19.30
    Abend | 12 Konzerte Abend | 7 Konzerte
    Fr 18 Dec 26
    19.30

    Schwanensee

    Wien | Musikverein Wien | Großer Saal

    Advance sale

    From We 19 Aug 26 09.00
    Sa 19 Dec 26
    18.15
    Sa 19 Dec 26
    18.15

    Einführung

    Haide Tenner-Russ
    Wiener Neustadt | Wiener Neustadt | Stadttheater
    Sa 19 Dec 26
    19.30
    Sa 19 Dec 26
    19.30

    Schwanensee

    Wiener Neustadt | Wiener Neustadt | Stadttheater
    Su 20 Dec 26
    14.45
    Su 20 Dec 26
    14.45

    Einführung

    Haide Tenner-Russ
    Wien | Musikverein Wien | Brahms-Saal
    Su 20 Dec 26
    15.30
    Sonntagnachmittag | 12 Konzerte Sonntagnachmittag | 7 Konzerte
    Su 20 Dec 26
    15.30

    Schwanensee

    Wien | Musikverein Wien | Großer Saal

    Advance sale

    From We 19 Aug 26 09.00
    Mo 21 Dec 26
    18.30
    Mo 21 Dec 26
    18.30

    Einführung

    Haide Tenner-Russ
    Festspielhaus St. Pölten | Festspielhaus St. Pölten | Kleiner Saal
    Mo 21 Dec 26
    19.30
    Mo 21 Dec 26
    19.30

    Schwanensee

    Festspielhaus St. Pölten | Festspielhaus St. Pölten | Großer Saal
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