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Edward Elgar

Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op. 85

Sätze

  • Adagio - Moderato

  • Lento - Allegro molto

  • Adagio

  • Allegro

Dauer

28 Min.

Entstehung

1919

Beim Versuch, eine repräsentative Liste der bedeutendsten Violinkonzerte zu erstellen, fallen die Referenzwerke wie von selbst auf den Zettel. Alle großen Komponisten - und viele nicht ganz so große - haben Solokonzerte für dieses Instrument geschrieben. Aber für das Cello? Diese Aufzählung fällt vergleichsweise knapp aus. «Ein Stück Holz, das oben kreischt und unten brummt», nannte Antonín Dvorák jenes Instrument, für das er mit dem h-Moll-Konzert ein Schlüsselwerk, nachgerade ein Paradestück, komponierte - welch Ironie! Auch die Wiener Klassiker hielten sich nach Luigi Boccherini und Antonio Vivaldi, der knapp 30 Solowerke für Violoncello und Orchester hinterlassen hatte, im konzertanten Bereich deutlich zurück - mit Ausnahme von Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven, der das Cello zumindest in seinem Tripelkonzert berücksichtigte.

Überschattet von persönlichen Sorgen Die wenigen bedeutenden Cellokonzerte aus der Zeit der Romantik zählen gleichwohl zum Intensivsten, was das Konzertrepertoire zu bieten hat - und stehen allesamt in Moll. Zur Legende wurde ein Zitat von Johannes Brahms, der, nachdem er die Partitur des Dvorákschen Konzerts gelesen hatte, gesagt haben soll: «Warum habe ich nicht gewusst, dass man ein Cellokonzert wie dieses schreiben kann? Hätte ich es gewusst, hätte ich schon vor langer Zeit eines geschrieben!» Nun, immerhin brachte er es zu einem Doppelkonzert für Violine, Cello und Orchester - übrigens in a-Moll, jener Tonart, die sein Zeitgenosse Robert Schumann ebenfalls für sein Cellokonzert wählte.

Edward Elgars Cellokonzert op. 85 ist ein trauriges Werk - und, auch hinsichtlich der Lebensumstände des Komponisten, ein tragisches. 1919, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, geschrieben und uraufgeführt, wurde das Konzert überschattet von der Sorge um seine schwerkranke Frau Alice und die eigene angeschlagene Gesundheit, vom Verlust zahlreicher Freunde, von grauenhaften Erinnerungen an das Kriegsgeschehen. Es ist ein Abschied: von den humanistischen Idealen des alten Europas. Vom Komponieren, denn es sollte Elgars letztes großes Werk sein. Und vom Leben, denn Elgars Frau starb 1920, er selbst erst 15 Jahre nach der Uraufführung.

Gegen alle Traditionen und Konventionen wird das Konzert mit einer elegischen Adagio-Einleitung eröffnet, die ausschließlich dem Soloinstrument vorbehalten ist. Ein Moderato-Satz mit einem charakteristischen, ausschweifenden Thema und großen Melodiebögen schließt an, in Tempo und Ausdruck alles andere als ein Virtuosenstück. Er fließt attacca in den zweiten Satz, ein Allegro molto mit vorausgehendem Lento, beherrscht von einem nervösen Thema, das sich aus flirrenden Tremolo- Phrasen im Cello entwickelt. Elegische Bögen kennzeichnen auch den dritten Satz, ein zwischen Trost und Resignation changierendes Adagio mit inständigen Kantilenen im Cello, das diesen Satz komplett beherrscht. Mit harscher Geste unterbricht der Schlusssatz, wiederum ein Allegro, die Grübeleien und entfaltet einen ambitionierten Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester. Langgezogene gesangliche Linien wechseln mit wütenden rhythmischen Akzentuierungen. Der langsame Mittelteil erscheint wie ein Zitat des dritten Satzes, und der Versuch, dessen tragische Gestalt mit einer abrupten Coda beiseite zu wischen, wirkt ein wenig mutlos.

Nur wenige Solokonzerte sind so eng mit ihrer Interpretationsgeschichte verbunden wie Edward Elgars Cellokonzert. Lange Zeit galt die 1965 entstandene Einspielung der Jahrhundert-Cellistin Jacqueline du Pré mit Sir John Barbirolli und dem London Symphony Orchestra als das Nonplusultra. Jacqueline du Pré, Schülerin von Pablo Casals, Paul Tortelier und Mstislaw Rostropowitsch, bot in der Anlage der Solopartie eine Leidenschaft auf, die zur nicht eben freizügigen Mitte der 1960er-Jahre auf Konzertpodien völlig unüblich war. «Ich spiele nie wieder das Elgar-Cellokonzert. Es gehört dieser Frau», soll Rostropowitsch nach dem Anhören der Aufnahme gesagt haben. Inzwischen haben Künstler wie Sol Gabetta und Yo-Yo Ma durchaus gleichrangige Einspielungen vorgelegt, die darauf gründen, dass sie in Elgars Violoncello-Konzert andere, persönliche Aspekte suchten - und fanden.

© Niederösterreichische Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Ute van der Sanden