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Erich Wolfgang Korngold

«Sursum Corda!» Sinfonische Ouvertüre op. 13

    Dauer

    19 Min.

    Entstehung

    1919

    Vielleicht war es ein schlechtes Omen, dass Erich Wolfgang Korngolds Ouvertüre «Sursum Corda!» bei ihrer Premiere nicht den glücklichsten Start hatte. Richard Strauss gewidmet und unter dem Dirigat des Komponisten am 24. Jänner 1920 im Großen Wiener Musikvereinssaal mit dem damaligen Wiener Symphonieorchester aus der Taufe gehoben, blieben die Reaktionen zurückhaltend, ja, es gab sogar Kritik, die das Werk als «zu modern» einstufte. Dabei hatte der Lebensweg des aus Brünn gebürtigen Wieners in einer vielleicht nur mit Wolfgang Amadeus Mozart vergleichbaren Weise begonnen: Als «Wunderkind » von seinem eigenen Vater, dem einflussreichen Kritiker Julius Korngold, entdeckt, wurden die ersten Kompositionen des Neunjährigen keinem Geringeren als Gustav Mahler vorgestellt, der ihn daraufhin zum Unterricht an Alexander Zemlinsky empfahl.

    Die Ballett-Pantomime «Der Schneemann» wurde 1910 an der Wiener Hofoper uraufgeführt, und mit den Opern-Einaktern «Violanta» und «Der Ring des Polykrates» begann im Jahr 1916 schließlich der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug des 19-Jährigen. Den internationalen Durchbruch bescherte dem Komponisten die 1920 am selben Abend in Köln und in Hamburg uraufgeführte abendfüllende Oper «Die tote Stadt» mit ihrem Duett-Hit «Glück, das mir verblieb». Ab Ende der 1920er-Jahre wandte sich Korngold der Wiederbelebung klassischer Operetten zu, denen er mit neuen Arrangements große Popularität verschaffte. Durch die Arbeit an Strauss' «Fledermaus» kam er in Kontakt mit dem Regiestar Max Reinhardt, der Korngold 1934 zur Bearbeitung der Mendelssohn-Musik für eine Verfilmung des «Sommernachtstraums» in die USA holte.

    Solcherart in die Hollywood-Maschinerie eingeführt, wurde er zur Komposition originaler Filmmusik eingeladen, was dazu führte, dass er das neue Genre groß besetzter, schillernd instrumentierter Soundtracks mitbegründete. Bereits 1936 erhielt er für seine Komposition zu «Anthony Adverse» einen Oscar. Argwöhnisch gegenüber den politischen Entwicklungen in Europa, zögerten Korngold und seine Frau nur kurz, als sich Ende 1937, Anfang 1938 auch über Österreich immer dunklere Wolken zusammenballten und er partout in diesem Moment einen Auftrag für einen neuen Film erhielt.

    Anfangs vollkommen ratlos, welche Musik er innerhalb von nur sechs ihm zugestandenen Arbeitswochen zu dem rasanten Abenteuerfilm «The Adventures of Robin Hood» mit Errol Flynn und Olivia de Havilland beisteuern könnte, besann er sich der zwei Jahrzehnte zuvor komponierten «Sursum Corda!»-Ouvertüre, entnahm ihr große Teile und formte daraus eine der Schlüsselstellen des Films, von dem er später immer wieder sagte, dass es diese Arbeit war, deretwegen er während des «Anschlusses» nicht in Österreich war und die ihm – und einer Vielzahl an verfolgten Verwandten und Bekannten, für die er die finanzielle Bürgschaft übernahm – das Leben rettete. Obwohl er mit diesem Soundtrack seinen zweiten Oscar gewann, konnte sich die Ouvertüre in den Konzertsälen erst allmählich im Rahmen der großflächigen weltweiten Korngold-Renaissance in den vergangenen Jahrzehnten behaupten.

    Viele selbsternannte musikalische Autoritäten der Nachkriegszeit bezeichneten bis in die 1980er-Jahre Korngolds Werke abfällig als «Filmmusik». Am Beispiel der Ouvertüre lässt sich jedoch eindrücklich belegen, dass Korngold seine ureigenste Musik in den Film transferierte. Interessant mag sein, dass er für «Sursum Corda!» auch Musik verwendete, die in der Traumvision in seiner zeitgleich entstandenen Oper «Die tote Stadt» vorkommt, sodass sich ein einziger durchgehender Bogen vom frühen Wiener Erfolg bis in die spätere Hollywood-Zeit nachvollziehen lässt.

    Ohne die optische Vorstellung der Filmszenen begegnet man mit «Sursum Corda!» jedenfalls einer opulent gestalteten Konzertouvertüre, die den Hörerinnen und Hörern bei jedem Anhören aufs Neue kostbare Details enthüllt und sie in jene Stimmung versetzen mag, die Korngold selbst anlässlich einer Aufführung in Chicago in einer Werkbeschreibung 1922 so formulierte: «Mit dem Untertitel ‹Sursum Corda› (Erhebet die Herzen) wollte ich lediglich den allgemeinen Charakter des Werks andeuten, ein Gefühl von Anstrengung und Aspiration, eine freudige Erlösung aus Sturm und Belastung.»

    © NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Christian Heindl