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Toru Takemitsu

«Ceremonial. An Autumn Ode» für Orchester mit Shô

    Dauer

    8 Min.

    Entstehung

    1992

    Als Toru Takemitsu erstmals westliche Musik hörte, war das verboten. Eine behelfsmäßige Nadel aus Bambus kratze über eine Schellackplatte - und der damals 14-Jährige war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Diesem ersten musikalischen Schlüsselerlebnis folgte 15 Jahre später ein zweites: beim Besuch eines Bunraku, eines traditionellen japanischen Puppentheaters, begleitet vom charakteristisch schnarrenden, unreinen Klang (sawari) des Shamisen, einer dreisaitigen Laute. Die Musik des Westens, und dabei zunehmend die Avantgarde von Olivier Messiaen bis John Cage und den Geräuschen der «Konkreten Musik» auf der einen Seite, auf der anderen die japanische Überlieferung und ihre enge Beziehung zum Buddhismus: Reich, komplex und widersprüchlich sind die Einflüsse, die den vorwiegend autodidakten Komponisten Takemitsu zur prägenden musikalischen Stimme Japans machten. In «Fülle und Heterogenität» spiegeln sie «das enorme Assimilierungsvermögen, aber auch das Konfliktpotential einer Gesellschaft wider, die innerhalb weniger Generationen den Weg vom ganz auf sich selbst zurückgeworfenen Feudalstaat zur globalen Perspektive zurückgelegt hatte.» (Ilja Stephan)

    Wenn Takemitsu feststellt, er wolle «einen Klang zustande bringen, der so intensiv ist wie die Stille», dann wird auch der spirituelle Aspekt seines Schaffens offenkundig. Trotzdem blieb er zeitlebens ein Dialektiker. «Ich würde mich gerne in zwei Richtungen auf einmal entwickeln, als Japaner, was die Tradition, als Westler, was die Neuerungen betrifft. Tief in mir würde ich gerne zwei musikalische Genres bewahren, jedes in seiner eigenen, ihm legitimen Form. Von diesen grundsätzlich unvereinbaren Elementen bei den vielerlei kompositorischen Vorgängen auszugehen bedeutet in meinen Augen aber nur den ersten Schritt. Ich will diesen fruchtbaren Widerspruch nicht aufheben, im Gegenteil, ich möchte, dass diese beiden Blöcke miteinander streiten. So vermeide ich meine Isolierung von der Tradition und kann doch mit jedem neuen Werk in die Zukunft vordringen.»

    Die Sho, eine Mundorgel, ist ein japanisches Blasinstrument. Über ein kurzes Mundstück bläst der Spieler in ein tassenförmiges Unterteil, aus dem Bambuspfeifen mit Metallzungen darin ragen, wie sie auch in westlichen Mund- oder Ziehharmonikas eingesetzt werden. Schließt der Spieler mit einem Finger ein Loch, strömt die Atemluft nach oben in die entsprechende Pfeife und setzt die Zunge in Schwingung. Wenn zu viel Wasser aus der Atemluft auf den Zungen kondensiert, klingt das Instrument nicht mehr, weshalb zur traditionellen Spielausstattung ein kleines Kohlenfeuer in einer weißen Tonschale (Hibachi) gehört.

    Die Sho ist eines der wichtigsten Instrumente des Gagaku, der «eleganten Musik », also jenes Stils, der seit dem siebten, achten Jahrhundert am japanischen Kaiserhof gepflegt wurde und seinerseits aus chinesischen Traditionen abgeleitet ist. In seinem Werk «Ceremonial. An Autumn Ode» löst Toru Takemitsu die Sho aus ihrem traditionellen Kontext. Mit schwebend dissonanten Tonwolken beginnt sie als auratisches Soloinstrument, ein westliches Orchester reagiert auf sie, aber die Sho behält das letzte Wort. Die Natürlichkeit von Werden und Vergehen gerinnt zu Musik. «Was ich tun möchte, ist nicht, Klänge durch meine Kontrolle in Richtung eines Ziels in Bewegung zu versetzen», stellte Toru Takemitsu einmal grundsätzlich fest - und scheint damit auch den Verlauf von «Ceremonial» zu beschreiben: «Vielmehr möchte ich sie freilassen, wenn möglich ohne sie zu kontrollieren. Mir würde es genügen, die Klänge um mich herum einzusammeln und sie dann sanft in Bewegung zu setzen. Klänge herumzubewegen, wie man ein Auto fährt, ist das Schlimmste, was man mit ihnen tun kann.» Wir hören ein Abschiedsritual: Voller Wertschätzung und Dank, aber ohne Jammern und Klammern sagen wir Lebewohl. Die Uraufführung von «Ceremonial. An Autumn Ode» fand am 5. September 1992 im japanischen Matsumoto beim Saito Kinen Festival statt. Solistin war, wie auch heute, Mayumi Miyata; Seiji Ozawa dirigierte das Saito Kinen Orchestra.

    NÖ Tonkünstler Betriebgesellschaft m.b.H. | Walter Weidringer