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Ludwig van Beethoven

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 B-Dur op. 19

Sätze

  • Allegro con brio

  • Adagio

  • Rondo. Molto allegro

Dauer

24 Min.

Entstehung

1787-1801

Es war ein langer Prozess des Übergangs von den für Ludwig van Beethoven modellhaften Klavierkonzerten Mozarts zu seiner eigenen Konzert-Persönlichkeit. Erste Entwürfe zum Klavierkonzert B-Dur op. 19 reichen - nach neueren Forschungen - bis in die Bonner Zeit Beethovens und bis ins Jahr 1787, als Mozart noch lebte, zurück. Beethoven fertigte vom B-Dur- Konzert, das er in Hinblick auf Auftritte als Pianist in Wien komponierte, insgesamt vier Fassungen an. 1798 erfolgte die Uraufführung der neuesten Fassung mit Beethoven am Klavier. 1801 erschien das Konzert in Leipzig in Druck und wurde dabei als Nummer 2 und op. 19 gereiht, obwohl es zu großen Teilen vor dem als Nummer 1 und op. 15 gereihten Konzert C-Dur komponiert wurde, das aber schon 1795 seine Uraufführung erlebt hat.

Wesentlichster Einschnitt in der Genesis des B-Dur-Konzertes war die Ersetzung des ursprünglichen Finalsatzes durch eine neue Komposition in der dritten Fassung. Das erste Rondo war ihm wohl im Aufbau und in der Gestaltung noch zu deutlich von Mozart und dessen reifen Wiener Stil inspiriert. Nur einige virtuose Passagen hat Beethoven vom alten in das ansonsten vollkommen neue Rondo übernommen. In weiterer Folge komponierte Beethoven dann auch noch die Sätze eins und zwei um, woraus sich ein interessanter schöpferischer Prozess in diesem Werk ergab: Die beiden Vordersätze wurde gewissermaßen im Nachhinein in Richtung auf das neu geschaffene Finale «zukomponiert».

Beethoven startet mit einem rhythmisch prägnanten Signal aus punktierten Orchesterakkorden in die Konzertwelt und setzt diesem Eröffnungsmotiv sofort innerhalb des Hauptthemas des ersten Satzes, Allegro con brio, ein kantables Motiv entgegen, das in ein weiteres lyrisches Motiv übergeht. Einen Coup landet Beethoven in der Themenvorstellung an jener Stelle, an der das Seitenthema einsetzt: Er verlagert das tonale Geschehen vom Hauptthemenschluss in c-Moll um einen Halbton nach Des-Dur - und lässt damit die aus dem lyrischen Teil des Hauptthemas gewonnene Melodie wie ein entrücktes eigenständiges Thema wirken.

Das Klavier übernimmt dann hauptsächlich das gesamte lyrische Motivmaterial zur Ausbreitung des Soloparts, da es sich dafür durch seine melodischen Qualitäten besser eignet als ein auf seinen Rhythmus reduziertes Motiv. Dessen Potential führt hingegen im gesamten Satzverlauf zu dynamischen Ballungen und Steigerungsblöcken, die aber von der weich fließenden Melodik der kontrastierenden Themensubstanz abgefedert werden. In Hinblick auf die Kadenz beschäftigte Beethoven dieser Satz noch bis in die Zeit, als das vierte und fünfte Klavierkonzert schon vorlagen: 1709 komponierte er vermutlich für einen bedeutenden Förderer, den Erzherzog Rudolph Johann Joseph Rainer von Österreich, eine komplexe Kadenz in der Form eines dreistimmigen Fugatos.

Im Mittelsatz des Konzerts, ein Adagio in Es-Dur, heben die Streicher wie mit einem Choral an, in den sich für einen Moment auch die Hörner mischen, ehe Beethoven die Musik mit allmählich sich entwickelnden Figurationen wieder einem Charakter von Konzertmusik annähert. Das Soloklavier kehrt über eine figurale Wendung zum «Choral» in seiner anfänglichen Gestalt zurück und leitet in weiterer Folge aus diesem Grundthema weitgespannte melodiöse Linien und figurale Sequenzen ab, bis das Grundthema im Bass geführt und im Diskant von konzertanten Ornamenten ausgeschmückt wird.

Im Finale dominiert ein idealtypisches Rondo-Thema, das zum Mittanzen, Mithüpfen und Mitspringen einlädt. In der Widerborstigkeit der rhythmischen Betonung auf unerwartete Taktteile hat dieses Thema natürlich auch etwas von den aus einigen Symphonien bekannten Scherzo-Themen an sich. Beethoven bürstete gerne gegen den Strich. Im musikalischen Witz des Rondo-Themas setzte er eine besonders originelle Pointe: Plötzlich dreht das Klavier die Betonung mit leisem Ton im verlangsamten Tempo um und macht ein liebreizendes Motiv mit herkömmlichem Auftakt aus dem Thema. Doch sofort «korrigiert » das Orchester und fährt wieder die synkopischen Stacheln aus. Das Klavier verbleibt aber auch für den Rest des Satzes in der zuvor angestimmten, liebevollen Art - und es ist am Orchester, das Konzert mit vehementen Akkordschlägen zu beenden. In den Couplets des Rondos pendelt Beethoven zwischen überspitzten Rokokogesten und einem «magyarischen» Tonfall, wie wir ihn aus manchen Werken Haydns kennen.

© NÖ Tonkünstler Betriebges.m.b.H. | Rainer Lepuschitz