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Wolfgang Amadeus Mozart

Konzert für Violine und Orchester G-Dur KV 216

Sätze

  • Allegro

  • Adagio

  • Rondeau. Allegro - Andante - Allegretto - Tempo I

Dauer

26 Min.

Entstehung

1775

Mozart war das Geigenspiel gewissermaßen in die Wiege gelegt. Sein Vater Leopold, ein weithin angesehener Geigenpädagoge, gab 1756, im Geburtsjahr seines Sohnes Wolfgang Amadé ein Standardlehrbuch mit dem Titel «Versuch einer gründlichen Violinschule» heraus und widmete sich in den folgenden Jahren der musikalischen Ausbildung des Knaben mit allergrößter Fürsorge. Dieser brillierte als «Wunderkind» an europäischen Höfen sowohl auf der Geige als auch am Klavier und konzertierte später als Geiger in Salzburg und auf Reisen unter anderem in München und Augsburg. Als junger Konzertmeister der erzbischöflichen Salzburger Hofmusik, in die er im Alter von 13 Jahren berufen worden war, komponierte Mozart viel konzertante Violinmusik. In seine Serenaden, Divertimenti und Finalmusiken, die er für Festlichkeiten von angesehenen Salzburger Bürgern und der Studentenschaft komponierte, baute Mozart ausgedehnte Violinsoli ein, die sich teilweise zu veritablen Violinkonzerten innerhalb der Unterhaltungsmusiken auswuchsen. In einer kurzen Zeitspanne schuf er aber auch fünf «wirkliche» Violinkonzerte, das erste B-Dur KV 207 im Jahre 1773, die weiteren vier, D-Dur KV 211, G-Dur KV 216, D-Dur KV 218 und A-Dur KV 219, im Jahre 1775. Dazu kamen noch als neue Satzvarianten ein weiteres Finalrondo für das Konzert KV 211 und ein Adagio für das Konzert KV 219. Diese beiden Sätze komponierte Mozart für seinen Kollegen als Konzertmeister der erzbischöflichen Kapelle, Antonio Brunetti. Neben Brunetti und Mozart selbst kommt auch der Salzburger Geiger Johann Anton Kolb als Interpret von Mozarts konzertanter Violinmusik in Frage.Den konzertierenden Geigenstil lernte Mozart in der musikalischen Praxis in Salzburg, aber auch auf seinen Italien-Reisen kennen. Im Süden hat er den prägenden Konzertstil Antonio Vivaldis und Giovanni Battista Viottis und die Virtuosen Pietro Nardini und Gaetano Pugnani spielen gehört. Ein nicht unwesentlicher Einfluss auf den jungen Mozart wird dem böhmischen, damals in Italien als Opernkomponisten erfolgreichen Musiker Josef Myslivecek zugerechnet, der auch mit Instrumentalmusik für Violine und für Klavier hervortrat. Mozart hatte aber auch schon Violinmusik französischen Stils gehört. Es drängte ihn wohl, all seine Eindrücke kreativ zu verarbeiten.In der musikalischen Tiefenwirkung und der individuellen Ausgestaltung des Melodischen und des Formalen gelangte Mozart freilich von seinem ersten Violinkonzert an weit über die Vorbilder hinaus. Er reicherte die Elemente des Virtuosen und Unterhaltsamen mit höchster kompositorischer Durchdringung an. In den letzten drei Konzerten entwickelte er zudem die Beziehung zwischen dem Soloinstrument und dem Orchester weiter, die nicht mehr bloß in einem Wechselspiel von Solo und Tutti standen, sondern stark verflochten wurden. Die barocke Form, wie sie noch in den italienischen Vorbildern durchschimmerte, wurde in Mozarts Eröffnungssätzen von der Anlage des Sonatensatzes verdrängt, die der junge Komponist in der Symphonik und Konzertmusik des bewunderten «Londoner Bach» (Johann Christian) kennen gelernt und in der Umarbeitung von mehreren Sonatensätzen Bachs in Klavierkonzerte erprobt hat.Im April 1775 erlebte «Il re pastore» in Salzburg vor den Augen und Ohren des habsburgischen Erzherzogs Maximilian Franz, einem Jahrgangsgenossen von Mozart, eine Festaufführung. Der junge Komponist musste das auf zwei Akte komprimierte Libretto Metastasios innerhalb kurzer Zeit komponieren. Für die Hauptpartie Aminta kam extra der angesehene Kastrat Tommaso Consoli aus München nach Salzburg. Im Violinkonzert G-Dur KV 216, das Mozart im September 1775 vollendete, ist ein deutlicher Nachklang auf «Il re pastore» zu hören. Die Grenzen zwischen den Genres, mit denen Mozart befasst war, sind fließend: Der Anfang des Violinkonzertes ähnelt frappant einer Sequenz der Arie der Aminta, «Aer tranquillo», worauf Christoph-Hellmut Mahling im Vorwort zu den Violinkonzerten in der Mozart-Edition des Bärenreiter-Verlags hingewiesen hat.Der Aminta-Anklang leitet einen Konzertsatz von geradezu symphonischem Zuschnitt ein. Insgesamt vier verschiedene Themenblöcke umfasst die Hauptthemengruppe des ersten Satzes, der auch noch ein eigener Seitensatz gegenübergestellt und in der Durchführung um eine neue, mollgefärbte Episode ergänzt wird. Mit dieser Erweiterung schlägt Mozart einen bis dahin in der Konzertform ungekannten großen Raum aus. Mozart befestigt mit dem G-Dur-Werk KV 216 einen Konzertbau, der für die Komponisten nachfolgender Generationen bis weit in die Romantik hinein zum Fundament wird. Sieht man von einigen barock anmutenden Akkordzerlegungen und Figuren im Kopfsatz ab, so lässt Mozart in diesem Werk etwaige Vorbilder weit hinter sich. Die Zukunft klingt aus diesem Konzert viel stärker als die Vergangenheit heraus. Auch in der Gestaltung des Finalsatzes setzt Mozart ungewöhnliche Ideen um, die die Konzertform stark erweitern und formal variabler machen: In das Wechselspiel der beiden Themen montiert er noch zwei zusätzliche ausgeweitete Teile, einen kurzen Andante-Satz und ein Allegretto, ein. Allein schon durch das veränderte Metrum – Allabreve-Takt statt der 3/8-Grundtaktart des Satzes – wirken diese beiden Teile, als ob sie von außen in das Werk hereinkommen: Exotisch erscheint der g-moll-Abschnitt mit einer zielstrebig voranschreitenden Solovioline über Pizzicati der Tutti-Streicher, volkstümlich hingegen die Variation über das Lied «Willem von Oranien».Aber nicht nur die thematische und formale Gestaltung verblüfft in diesem G-Dur-Konzert, auch das breite Spektrum der Klanggebung und der musikalischen Charakteristik. Inmitten der beiden Allegro-Ecksätze zieht sich Mozart immer wieder in kammermusikalische Regionen zurück und lässt die Solovioline von bewegtem Figurenspiel in lyrische Wendungen gleiten – Maßnahmen, um unter die Oberfläche virtuosen Konzertierens zu gelangen. Mozart sensibilisiert damit das Musizierverhalten wie die Hörerwartung. So verfeinert er auch den Hauptthemenverlauf mit einer den Holzbläsern überlassenen, leisen Phrase, mit der er dann sogar das ganze Werk ausklingen lässt (und damit ein offenes, beinahe fragendes Ende anstelle von endgültigen Schlussakkorden schafft).Herzstück des Konzertes ist das Adagio, in dem die Violine eine lange, sehnsuchtsvolle Melodie spinnt, wie in einer Serenade von gezupften Akkorden (der Tuttistreicher) begleitet. Sanfte Bläsereinwürfe mischen sich in dieses Notturno, wobei Mozart die Oboen der Ecksätze durch Flöten ersetzt. «Wie vom Himmel gefallen», bezeichnete der Mozart-Forscher Alfred Einstein das Adagio. Mehr und bessere Worte sind für diese Musik nicht zu finden.

 © Rainer Lepuschitz | Tonkünstler-Orchester