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Sektionen

Robert Schumann

Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129

Sätze

  • Nicht zu schnell

  • Langsam

  • Sehr lebhaft

Dauer

23 Min.

Entstehung

1850

Robert Schumann hinterließ fünf Symphonien, sechs konzertante Werke und weitere groß angelegte Kom­po­si­tio­nen für Orchester. Und doch haftet an ihm das seltsame Image des Tastenträumers, des introvertierten Genies – als ob man ihm nicht zugestehen wollte, sich auch durch andere Instrumente als das Klavier mitteilen zu können. Glücklich­erweise wird dieses Zerrbild allmählich korrigiert. Jede Auf­führung eines Orchesterwerks von Schumann ist eine Gelegen­heit mehr, sich von der außerordentlich hohen Qualität seiner Musik zu überzeugen.

Ein wunderbares Beispiel für seine Kunstauffassung ist das Konzert für Violoncello und Orchester in a-moll. Er schrieb das Werk kurz nach seinem Wechsel von Dresden nach Düsseldorf, wo er im Herbst 1850 als neuer städtischer Musikdirektor freudig willkommen geheißen wurde. Die Jahre zuvor waren nicht leicht gewesen; Hier am Rhein ging es nun wieder bergauf. Schumann fand wieder zu seiner früheren Produktivität zurück, neben der Komposition seiner «rheinischen» Sym­phonie, begann er auch mit der Komposition an seinem neuen Konzert. In seinem Tagebuch vermerkte er: «Vom 10. bis 16. Oktober: Conzertstück für Violoncell mit Begl. des Orchesters skizziert, bis zum 24. instrumentiert.»

Seinen Anspruch, «die Poesie der Kunst wieder zu Ehren zu bringen», verwirklichte Robert Schumann im Konzert für Violoncello und Orchester durch eine Art ganzheitlichen Zugang: Völlig abweichend vom traditionellen Konzept des tech­nisch brillanten Soloparts vor der Kulisse eines begleitenden Orchesters lässt er Violoncello und Orchester in einen Diskurs, eine musikalische Verschmelzung, treten. Verstärkt wird dieser Eindruck nicht nur durch die homogene Faktur des Soloparts in Verbindung mit dem gesamten Orchester; Die Sätze gehen nahtlos ineinander über und erzeugen damit einen großen Bogen über dem Gesamtwerk. Auch die ursprünglich verwendete Bezeichnung «Konzertstück» mag ein Hinweis darauf sein, dass es dem Komponisten weniger um eine Zurschaustellung der virtuosen Möglichkeiten des Violoncellos ging, sondern um eine Verwebung mit dem Orchester in einem größeren Zusam­menhang.

Der erste Satz (Nicht zu schnell) eröffnet mit einer für Schumann untypisch knappen Einleitung, bestehend aus drei zarten Akkorden der Holzbläser. Das Violoncello stellt sich mit einer melancholisch-meditativen Phrase vor und nimmt in aller Ruhe den Raum für sich in Besitz. Dabei behält der Solopart stets die Initiative im Ablauf des Kopfsatzes, der im Wesent­lichen an die Sonaten­satz­form angelehnt ist. Schumann setzt von Anfang an eine der überzeugendsten Qualitäten des Violoncellos ein: den Gesang. Die Einsätze sind kleine «Lieder ohne Worte», musikalische Äußerungen, die den Dialog mit dem Orchester in Gang halten. Dem Hauptthema folgen zwei weitere Motive, beide sind durch markante Intervallsprünge (Sekund und Sept) charakterisiert. Die Einwürfe des Or­ches­ters wirken wie eine rezitativische Beantwortung von samtigweichen Fragen des Cellos. Auffallend sparsam setzt Schumann Hörner und Trompeten ein, überhaupt wirken alle dynamischen Ausbrüche im Satz wohldosiert. Die Durch­führung ist wie eine freie Fantasie angelegt, in welcher der Solopart mit scharfen Triolen eine beunruhigende Atmosphäre aufbaut. Im unruhigen Wechselspiel werden die musikalischen Gedanken zwischen Violoncello und Orchester hin- und hergeworfen. Der pathetische Dialog mündet nicht in der Kadenz, sondern unerwartet in einer sakral anmutenden Überleitung zum lang­samen Satz, den Schumann schlicht mit der Vortrags­angabe «langsam» versieht.

Der leicht klagende Gesang des kurzen zweiten Satzes (Langsam) erklingt in himmlischer Schönheit über einer verhaltenen Pizzicato-Begleitung des Orchesters. Allein der transparente, weich schwebende Streicherteppich und die gefühlvoll eingeworfenen Bläsereinsätze genügen, jeden Vorwurf an Schumann in Sachen Instrumentierung zu zerstreuen. Drei Mal hören wir das Thema in leicht abgewandelter Form. Die Holzbläser verkünden schließlich das Hauptthema des ersten Satzes und festigen damit die Stimmung des Satzes kurzfristig. In energischen Wogen verscheucht das Orchester aber alle Fröhlichkeit, das Violoncello muss den Satz fast im Alleingang beschließen und trudelt in einer knappen Kadenz dem Schlusssatz entgegen.

Das Finale (Sehr lebhaft) eröffnet zünftig mit einem markigen Thema, aus dem sich ein gehetzter Disput ableitet. Das Orchester und der Solopart wetteifern um die Gunst der Zuhö­rer, wobei es mitunter zu dynamischen Ausbrüchen kommt. Größtenteils ist es ein Streit, der sich da abspielt; Gegen Ende hin erklingen aber auch einvernehmliche Äußerungen. Das Violoncello leitet schließlich zu einer Kadenz über, in der es sich ungeniert in den Vordergrund drängt und noch einmal das Spektrum seiner Ausdruckskraft auslotet. Erst in den letzten Takten wird das Thema des Satzes noch einmal in errungener Einmütigkeit wiederholt und das Konzert schließt mit einigen knappen Akkorden «durchaus heiter», wie der zuversichtliche Robert Schumann sein Konzert charakterisiert hatte.

Die Aufführungsgeschichte des Konzerts für Violoncello und Orchester verlief nicht von Anfang an glücklich. Schumann wünschte sich den Cellisten Robert Emil Bockmühl, der sich zu Beginn begeistert über das Werk zeigte. Dessen Vorschläge und Änderungswünsche blieben von Schumann unberücksichtigt und so verlor der Solist schon bald das Interesse. Die Sache verlief im Sand und Schumanns offen ausgebrochene Erkrankung zog einen Schlussstrich unter alle weiteren Unternehmungen. Das Konzert schlummerte noch einige Jahre vor sich hin, bis es schließlich am 9. Juni 1860 – also vier Jahre nach Schumanns Tod – mit Klavierbegleitung im Leipziger Konservatorium uraufgeführt wurde, den Solopart spielte Ludwig Ebert. Die erste Aufführung mit Orchester fand am 10. Dezember 1867 in Breslau statt. Die wechselhaft verlaufene Schumann-Rezeption ordnete das Konzert lange Zeit den – angeblich unter der schon anhebenden geistigen Umnachtung entstandenen und weniger geglückten – Spätwerken zu. Erst die hervorragenden Ein­spielungen des 20. Jahrhunderts verhalfen dem Werk zu seinem verdienten Platz im Konzertrepertoire. Und mit einem Gedanken behält Schumann bis heute Recht: Das Repertoire an romantischen Werken für Violoncello und Orchester ist nicht allzu groß. Wie glücklich darf man sich schätzen, dass es einen so wunderbaren Beitrag gibt!

© NÖ Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Alexander Moore