Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Wojciech Kilar

«Orawa» für Streichorchester

    Dauer

    9 Min.

    Viele Millionen Menschen kennen Musik von Wojciech Kilar - aus Filmen wie «Der Pianist» und «Der Tod und das Mädchen» von Roman Polanski, «Dracula» von Francis Ford Coppola, «Pan Tadeusz» von Andrzej Wajda und «Portrait of a Lady» von Jane Campion. Kilars Komposition «Polonez» aus «Pan Tadeusz» wurde zu einem Hit in Polen. Für seine Musik zu «Der Pianist» erhielt Kilar einen «César».

    Wojciech Kilar wurde in der heutigen ukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg) geboren, als sie noch zu Polen gehörte. Nach erstem privatem Musikunterricht in seiner Heimatstadt studierte Kilar Klavier und Komposition in Krakau und Kattowitz und nahm an den Darmstädter Ferienkursen teil. Über der Filmmusik geriet sein sonstiges kompositorisches Schaffen etwas ins Hintertreffen. Seine Chorwerke, symphonischen und kammermusikalischen Stücke und Opern wurden außerdem nicht selten etwas abwertend als schöpferische Randerscheinungen eines «Filmmusikkomponisten» beurteilt, wie dies etwa auch im Fall von Philip Glass geschieht.

    Ebenso fand Wojciech Kilar - nach einer von Igor Strawinski und Béla Bartók beeinflussten ersten Phase des Komponierens und einer folgenden heftigen Zwölftonperiode - zu einer Art Minimal Music, die bei ihm aber nicht etwa aus der Phasenverschiebung von musikalischen Motiven und harmonischmotivischen Repetitionen entwickelt ist, sondern zuvorderst in der Volksmusik der karpatischen Regionen ihre Quellen hat. Der streng gläubige Christ Kilar wurde aber mitunter auch wegen seiner Überzeugung von Musik als göttlich inspirierter Schöpfung beargwöhnt. Freilich ließ er sich deshalb weder von seinem musikalischen noch seinem spirituellen Weg abbringen.

    Im Tempel der Natur. Der Fluss, das Land, die Berge: «Orawa» wird zum Klang für eine ganze Region der Karpaten an der polnisch-slowakischen Grenze. «Orawa» ist eine «Pastorale» des späten 20. Jahrhunderts. Aus der Musik für Streichorchester klingt beinahe insistierend die Sehnsucht nach der Natur und ihren Kräften. Daraus schöpft Kilar seine Komposition. Die Musik scheint wie ein Echo aus den Bergen zu kommen, von den Gipfeln, aus den Tälern, von Schafweiden und vom Bergvolk.

    «Orawa» beginnt als Meditationsmusik im Tempel der Natur. Langsam verdichten sich die Harmonien, während die melodische Figur lange Zeit bei sich selbst bleibt. Dann gerät aber auch die Thematik in Bewegung und faltet sich wie eine Blüte auf. Mit dem ersten Fortissimo-Einsatz geht die ätherische Naturmusik plötzlich in ursprüngliche Volksmusik über: eine Schnittstelle, an der die Ursprünge von Kilars musikalischem Stil mit einem Mal erkennbar werden.

    Volkstänze der Karpaten-Region werden hör- und spürbar. Dann sinken die Dynamik und Bewegung wieder auf ein sanft pulsierendes Piano, das den harmonischen Grund einer wehmütigen Volksweise bildet, die vom Solo-Violoncello mit all der gesanglichen Intensität, die diesem Instrument innewohnt, intoniert wird. Die Violinen nehmen den Gesang auf und breiten ihn in großem Bogen aus. In der Begleitung der tieferen Streicher beginnt es aber etwas bedrohlich zu brodeln. Für Momente scheint der Herzschlag der Erde hörbar zu werden. Doch nun vereinen sich alle Instrumentengruppen zu einem bodenständigen Volkslied, dessen Metrum auf den Tanzboden übertragen wird. Fröhliches Beisammensein der Landsleute.

    © NÖ Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Rainer Lepuschitz