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Sektionen

Claude Debussy

«Prélude à l'après-midi d'un faune»

Sätze

  • Très modéré

Dauer

9 Min.

Entstehung

1892-94

Claude Debussy lernte bei einer Schülerin von Chopin Klavier, wirkte in Russland als Hauspianist von Tschaikowskis Gönnerin Nadeshda von Meck, traf nach dem Gewinn des begehrten Rom-Preises der Académie des Beaux-Arts in der italienischen Hauptstadt noch mit Verdi und Liszt zusammen, wurde nach dem Besuch der Bayreuther Festspiele und der Erlebnisse von «Tristan und Isolde» und «Parsifal» von dem damals grassierenden Wagner-Fieber erfasst – und verwischte dann als Komponist doch alle Spuren der Vergangenheit, um zu einem vollkommen neuartigen, einzigartigen Stil zu finden. Vor allem das Erlebnis fernöstlicher Musik und insbesondere der Gamelan-Orchester bei der Pariser Weltausstellung 1889 löste Debussys Neuorientierung seines Komponierens aus, das nun auf den für die asiatische Musik typischen Ganztonleitern und der Pentatonik aufbaute. Das hervorstechende Merkmal in Debussys Werken aus allen seinen Schaffensphasen ist die bis ins Letzte durchorganisierte Struktur einer scheinbar aufgelösten Klanglichkeit. Das Flirrende, Flimmernde, Verschwommene und Angedeutete – all diese Merkmale des damals aufgekommenen künstlerischen Stils des Impressionismus – ist bei Debussy nicht nur wohlkalkuliert, sondern bis ins kleinste Detail präzise berechnet und auskomponiert.

Mit dem «Prélude à l’après-midi d’un faune», dem «Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns», verwirrte Debussy 1894 in Paris den Großteil seiner Zeitgenossen. Die Komposition ist eine bewusste Abkehr von «Musik, die von geschickten Händen geschrieben ist», so Debussy, der Musik komponierte, «die in der Natur lebt. Mir sind einige Töne aus der Flöte eines ägyptischen Hirtenknaben lieber. Er gehört zur Landschaft und hört Harmonien, die die Lehrbücher ignorieren.» Auch das «Prélude» besteht in der Hauptsache aus Flötentönen, die sich traumverloren in tieferer Lage über weichen Orchesterklängen entfalten, die vor allem von der Harfe, den Holzbläsern, den gedämpften Hörnern und Celli gewoben werden. Organisch entwickeln und verdichten sich verschiedene Klangfarben, wobei nicht nur die Harmonik, sondern auch der Klang an und für sich moduliert.

Debussy ließ sich von einer Ekloge des Dichters Stéphane Mallarmé nach einem Gemälde von François Boucher zu dem Werk inspirieren, vermied es aber durch die nur andeutende Klangsprache, die literarische Vorlage in der Art einer Tondichtung abzubilden. Statt einer Schilderung der Absicht des Fauns, zwei schlafende Nymphen zu verführen, deutet Debussy mit seiner Musik ausschließlich die Stimmung mit ihren Düften, Farben und Gestalten an. «Die Musik dieses Vorspiels ist eine sehr freie Illustration des schönen Gedichtes von Mallarmé. Sie will nicht dessen Synthese sein. Es handelt sich eher um aufeinanderfolgende Dekors, durch die sich die Begierden und Träume des Fauns während der Hitze   dieses Nachmittags bewegen.» So beschrieb      Debussy in einem Text im Programmheft der Uraufführung sein «Prélude».

Ursprünglich wollte Debussy dem Vorspiel noch zwei weitere Sätze – «Interlude» und «Paraphrase final» – anfügen. Doch dann blieb das «Prélude» ein in sich abgeschlossenes, vollendetes musikalisches Kunstwerk. – Einige Jahre später bekam die Musik doch konkretere Bilder, als der Tänzer und Choreograf Vaclav Nijinskij das Werk mit den Ballets Russes umsetzte.

© NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H. | Rainer Lepuschitz