Eine Alpensinfonie

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Interpreten

  • Colin Currie, Schlagwerk
  • Yutaka Sado, Dirigent

Programm

Bruno Mantovani
«Allegro Barbaro» Konzert für Schlagwerk und Orchester
- Pause -

Auf Traurigkeit verzichte er sehr gern, bekennt der französische Komponist Bruno Mantovani. Wenn er dem schottischen Schlagzeug-Virtuosen Colin Currie, einem verwegenen Erneuerer, ein Solokonzert widmet, darf man sich auf ein Klangabenteuer gefasst machen, in dem Leben pulsiert! Die Tonkünstler bringen Mantovanis Schlagzeugkonzert* mit ihrem Chefdirigenten Yutaka Sado zur Uraufführung – und verabschieden sich mit einer grandiosen Alpenwanderung aus der Konzertsaison: Eine Bergtour inspirierte den 15-jährigen Richard Strauss zu ersten Skizzen; Jahrzehnte später vollendete er die «Alpensinfonie» als sein letztes großes Orchesterwerk. Auf zum Gipfel!


* Auftragswerk des Orchestre Philharmonique de Radio France und des Tonkünstler-Orchesters | Uraufführung am 6. Juni 2021

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Ludwig van Beethoven

Ouvertüre zum Ballett «Die Geschöpfe des Prometheus» op. 43

Sätze

  • Adagio - Allegro molto con brio

Dauer

5 Min.

Entstehung

1801

Ludwig van Beethoven bekam im Jahr 1800 einen Kompositionsauftrag von dem gefeierten Tänzer und Choreografen Salvatore Viganò (1769 – 1821), der damals die Wiener Ballett-Compagnie leitete und mit seinem kühnen Stil eine neue Epoche des Tanzes in der Kaiserstadt einläutete. Seine dritte Wiener Produktion trug den Titel «Die Geschöpfe des Prometheus». In der Geschichte von der Erschaffung und geistigen Erweckung des ersten Menschenpaares fand Viganò einen idealen Stoff für die damals übliche pantomimische Darstellungsweise auf der Tanzbühne. Von Beethoven wurde eine dafür notwendige «musique qui parle», eine sprechende Musik, erwartet. Tatsächlich finden sich zahlreiche programmmusikalische Aspekte in der insgesamt 16 Nummern für Orchester umfassenden Ballettmusik Beethovens, wenn man sie mit den überlieferten Berichten vom Inhalt des Balletts vergleicht.

In ihrem Duktus sind einige Nummern von Beethovens Ballettmusik aber auch brisante symphonische Musikstücke, mit denen er an seine unmittelbar davor komponierte Symphonie Nr. 1 anknüpfte. So bildet etwa der Beginn der Ouvertüre, die unabhängig vom Ballett als eigenständiges Konzertstück bis heute im Repertoire überlebt hat, einen deutlichen Anklang an den Beginn der Ersten Symphonie: Da wie dort eröffnet Beethoven mit einem Sekundakkord, mit einem unaufgelösten Signal also, das die Spannung auf das Kommende erhöht. In der Ouvertüre führt nach einem Gesangsthema der Oboe – hier komponierte Beethoven nun hörbar eine Musik für das Theater – eine kurze Steigerung zum Allegro-Hauptteil, der als Perpetuum mobile dahinfegt, das von unwiderstehlichen Achtelnoten angetrieben wird. Beethovens Lust auf metrische Unregelmäßigkeiten durch Synkopen erhöht die Dynamik in dieser Ouvertüre, die in einer virtuosen Koda mündet. Der Charakter der Ouvertüre lebt auch in den folgenden Tanznummern weiter: Die Energie von Beethovens Musiksprache wird Viganò und seine Tänzerinnen und Tänzer sicherlich begeistert haben.

Im Hintergrund von Viganòs Wahl des «Prometheus»-Stoffes stand auch eine beabsichtigte Huldigung an Napoleon, an den «neuen Menschen», der sich damals anschickte, Europa zu «befreien». Nur wenige Jahre später erlahmte dann ja nicht nur bei Beethoven die Begeisterung für den französischen Feldherrn, als dieser dem Machtrausch verfiel.

Aber das beschwingte Thema, das Beethoven für die Finalnummer von «Prometheus» verwendete, lebte nach den Klaviervariationen op. 35 auch im Finale der Symphonie Nr. 3, der «Eroica», weiter, die Beethoven ursprünglich in Verehrung für Napoleon zu komponieren begann, ehe er die Widmung in eine allgemeine symphonische Ehrerbietung für einen heldenhaften Menschen umwandelte. Mythos und aktuelle Politik gingen auf diese Weise eine musikalische Verbindung ein.

© Rainer Lepuschitz | NÖ Tonkünstler Betriebsges.m.b.H.

Richard Strauss

«Eine Alpensinfonie» op. 64

Sätze

  • Nacht. Lento

  • Sonnenaufgang

  • Der Anstieg. Sehr lebhaft und energisch

  • Eintritt in den Wald

  • Wanderung neben dem Bach

  • Am Wasserfall. Sehr lebhaft

  • Auf blumigen Wiesen. Sehr lebhaft

  • Auf der Alm. Mäßig schnell

  • Durch Dickicht und Gestrüpp auf Irrwegen

  • Auf dem Gletscher. Festes, sehr lebhaftes Zeitmaß

  • Gefahrvolle Augenblicke. Lebhafter als vorher

  • Auf dem Gipfel

  • Vision. Fest und gehalten

  • Nebel steigen auf. Etwas weniger breit

  • Die Sonne verdüstert sich allmählich

  • Elegie. Moderato espressivo

  • Stille vor dem Sturm

  • Gewitter und Sturm, Abstieg. Schnell und heftig

  • Sonnenuntergang

  • Ausklang. Etwas breit und getragen

  • Nacht

Dauer

50 Min.

Richard Strauss komponierte die «Alpensinfonie», sein letztes großes Orchesterwerk, zwischen 1911 und 1913, um die Jahreswende 1914/15 instrumentierte er sie und am 28. Oktober 1915 dirigierte er die Uraufführung in der Berliner Philharmonie. Erste Skizzen, die teilweise musikalisch recht detailliert ausgearbeitet sind, schrieb er aber schon 1902. Eigentlich hätte die Uraufführung in Dresden stattfinden sollen, dort stand aber kein Konzertsaal mit einer tauglichen großen Orgel zur Verfügung. Trotzdem spielte die Dresdner Hofkapelle, verstärkt um einige Berliner Musiker. Dem Opernhaus und dem Orches­ter in Dresden fühlte sich Strauss sehr verbunden, seitdem dort seine Opern in vorbildlichen Produktionen gespielt wurden, beginnend 1905 mit «Salome». Der Hofkapelle und dem Intendanten Graf Seebach hat er die «Alpensinfonie» gewidmet.

Als Strauss 1902 den ersten Entwurf des Werks notierte, aus dem in 13jähriger Arbeit die «Alpensinfonie» hervorgehen sollte, plante er als Titel «Der Antichrist. Eine Alpensinfonie». Ihm schwebte also ein Werk vor, in dem er Nietzsches Idee von der Überwindung des Chris­tentums durch den künftigen, selbstbewussten Menschen in Musik setzen wollte. Es sollte eine Symphonie in vier Sätzen werden. Dazu hatte er Stichworte notiert, zum ersten einige detaillierte, die schließlich in die Zwischenüberschriften der «Alpensinfonie» eingingen, zum letzten nur: «Befreiung durch die Arbeit: das künstlerische Schaffen». In der fertigen, aus einem großen Satz bestehenden «Alpensinfonie» sind keine offenen  Nietzsche-Anspielungen mehr enthalten, die Grundidee aber scheint Strauss nicht über Bord geworfen zu haben. So notierte er 1911 in seinem Schreibtisch-Kalender: «Ich will meine Alpensinfonie: den Antichrist nennen, als da ist: sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch Arbeit, Anbetung der ewigen herrlichen Natur.» Und während der Arbeit an der Instrumentierung schrieb er am 16. Jänner 1915 an Hugo von Hofmannsthal: «Ich habe trotz allem die Hoffnung an eine bessere Menschheit noch nicht aufgegeben, vielleicht wenn einmal das Christentum von der Erde verschwunden ist!» Man kann also vermuten, dass Strauss weniger aus Überzeugung als aus politischer Vorsicht auf den «Antichrist» im Titel verzichtet hat.

Die Bedeutung der «Alpensinfonie» von Richard Strauss er­schließt sich auf drei Ebenen, die einander auf komplizierte Weise durchdringen. Die erste, offensichtliche, betrifft die Tonmalerei, die zweite die symphonische Entwicklung. Nicht umsonst ist im Titel das Wort «Sinfonie» enthalten. Strauss verarbeitet, variiert und kontrastiert mehrere Themen und Motive im Sinne der symphonischen Tradition. Wie dabei durch Abwandlungen und Neukombinationen der Themen äußere und innere Vorgänge dargestellt werden können, hat Strauss aus der Leitmotivtechnik Richard Wagners gelernt. Das Hauptthema der «Alpensinfonie», das im Abschnitt «Der Anstieg» eingeführt wird, repräsentiert den «Helden», den Wanderer, sicherlich einen Einzelnen. Als Zuhörer kann man sich mit ihm identifizieren, ähnlich wie mit der Figur in Caspar David Friedrichs «Der Wanderer über dem Nebelmeer». Die dritte, schwer greifbare Ebene, betrifft Nietzsche und den «Antichrist». Hierbei spielt auch eine Rolle, dass Strauss kein «Programm» ausgearbeitet, sondern nur Stichworte in die Partitur eingetragen hat, mit denen er bestimmte Stellen bezeichnet. Nicht alle Gliederungspunkte, an denen die Musik erkennbar eine neue Wendung nimmt, tragen eine solche Überschrift; im Umkehrschluss heißt das, dass mit ihnen nicht der gesamte Gehalt der «Alpensinfonie» erfasst wird.

Die Abschnitte «Nacht» und «Sonnenaufgang» bilden gewissermaßen die langsame Einleitung der Symphonie. Den Beginn des schnellen Hauptsatzes markiert das Stichwort «Der Anstieg». Außer dem Thema des Wanderers führt Strauss hier ein zweites, schroff gezacktes ein, das man dem Selbstgefühl des Helden angesichts der erhabenen Bergwelt zuordnen könnte. Es blitzt hier nur kurz auf, später gewinnt es an Bedeutung. Eine Episode mit Jagdhörnern hinter der Bühne gehört noch in diesen Abschnitt. Mit dem «Eintritt in den Wald» folgen mehrere Abschnitte, in denen das Thema des Wanderers variiert und mit neuen Gedanken kombiniert wird. Bedeutsam ist das pathetische Thema, das bei «Eintritt in den Wald» in Hörnern und Posaunen ertönt; in den weiteren, teilweise sehr kurzen Abschnitten gesellen sich zu den Hauptthemen illustrative Klangeffekte: «Wanderung neben dem Bache», «Am Wasserfall», «Erscheinung», «Auf blumigen Wiesen» und «Auf der Alm». Wenn es «Durch Dickicht und Gestrüpp auf Irrwegen» geht, verschränkt Strauss mehrere Themen miteinander in einer vertrackten Fuge. In den Abschnitten «Auf dem Gletscher» und «Gefahrvolle Augenblicke» tritt neben anderen Themen das gezackte zweite Thema hervor. Das Erreichen des Gipfels («Auf dem Gipfel») wird mit einem kurzen quasi-Bruckner’schen Posaunen-Thema gefeiert, dem sich ein längeres Oboensolo an­schließt, das «Gipfel-Thema», das eigentümlich zaghaft ist.

Der anschließende längere Abschnitt «Vision» enthält gewissermaßen die Durchführung der pathetischen Themen, die im Laufe der ersten Hälfte eingeführt wurden. Hier am ehesten ist die Antichrist-Thematik zu verorten. Beeindruckende Beispiele von Strauss‘ Meisterschaft der Instrumentierung sind die klangmalerischen «Nebel steigen auf» und «Die Sonne verdüstert sich allmählich»; ein neues Thema erscheint in der «Elegie», die neben «Vision» und «Ausklang» als einzige Zwischenüberschrift kein Naturphänomen bezeichnet. Es folgen die «Stille vor dem Sturm» und «Gewitter und Sturm, Abstieg». Dieser Abschnitt ist dreiteilig: Umrahmt von illustrativem Tumult im Orchester kehren, dicht gedrängt, die Themen des ersten Teils der Wanderung wieder, teils gespiegelt und in umgekehrter Reihenfolge, wie man eben (in Eile) die Vegetationszonen wieder durchläuft. «Sonnenuntergang» und «Nacht» greifen auf die entsprechenden Teile des Anfangs zurück. Dazwischen befindet sich mit «Ausklang» einer der längsten Abschnitte der «Alpensinfonie»; hier breitet Strauss noch einmal mehrere wichtige Themen aus und stellt sie in ein feierliches, gedämpftes Licht. Trotz der herausgehobenen Rolle der Orgel weckt dieses Finale kaum Assoziationen an Kirchenmusik. Strauss wird seinem atheistischen Thema gerecht.

© Grafenegg Kulturbetriebsges.m.b.H. | Peter Sarkar