Her mit den Geschichten
Wie Frederic Böhle die Menschen zum Lachen und zum Weinen bringtDer Schauspieler, Regisseur und Sänger hat für die Website der Tonkünstler viele Werkbeschreibungen eingesprochen. In dieser Saison gestaltet er erstmals auch Einführungen für symphonische Konzertprogramme
Schauspieler wollte Frederic Böhle eigentlich nicht werden: Nach allem, was man hört, ist dieser Beruf ja eine wirklich unsichere Geschichte. Das sagen nicht nur Menschen mit «vernünftigen» Berufen, sondern noch viel mehr jene, die selbst auf der Bühne stehen, und andere Theaterleute.
Eigentlich will ich ja nur, dass die Leute genau so eine Freude haben wie ich.
Vielleicht Lehrer? Die eigenen Lehrer haben ihn nicht vom Hocker gerissen, mit Ausnahme des Musiklehrers und Chorleiters Bernd Lücking. «Als Lehrer wär ´ ich dann auch nur vor den armen Schülern gestanden und hätte ihnen Geschichten erzählt. Ich mach ja heut ´ nichts anderes.» Denn darum geht es ihm: Geschichten zu erzählen. Am besten mit Musik. Oder über Musik wie bei den Werkbeschreibungen für das Tonkünstler-Orchester: «Ich hab ´ mir selbst immer gewünscht, dass es so was gibt. Auf dem Weg ins Konzert, da sitzt man im Auto oder in der U-Bahn und erfährt ein bisschen was über den Komponisten, über die Entstehungsgeschichte des Werkes, kleine Anekdoten … So kommt man der Musik näher.»
Konzept für «Opera re:told»: Opern erzählt!
Zwar hat er Schauspiel studiert, am Salzburger Mozarteum, aber «eigentlich hatte ich damals schon mehr mit den Sängerinnen und Sängern und mit Musikerinnen und Musikern zu tun». Und obwohl er als «Peter Squenz» in William Shakespeares Sommernachtstraum schon während seiner Studienzeit bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne stand, erinnert er sich lieber an seinen «Bassa Selim» mit der Staatsphilharmonie Sibiu oder seinen ersten Auftritt mit der Philharmonie Salzburg in Leonard Bernsteins «Mass». Mit deren Dirigentin Elisabeth Fuchs verbindet ihn seitdem eine enge und fruchtbare Zusammenarbeit: Seit über zehn Jahren realisieren sie gemeinsam Familienkonzerte, von Komponistenporträts über Weihnachtskonzerte bis hin zu Opern. Frederic Böhle: «Ohne die Lisi Fuchs wär ´ ich wahrscheinlich gar nicht da, wo ich bin. Weil man gar nicht vergessen darf, dass in so einem Familienkonzert meistens über die Hälfte Erwachsene sitzen!»
Und deshalb ist es nur folgerichtig, dass mit «Odyssee Symphonic», «Scheherazade», «Entführung re:told» und «Carmen re:told» auch Konzertprogramme für das Abendprogramm der Philharmonie Salzburg entstanden sind. Böhles Konzept für «Opera re:told» ging aus der Weiterentwicklung dieser Arbeiten hervor: Opern erzählt. Begleitet mal von einem großen Orchester, mit oder ohne Sänger, Bläserensembles oder ganz schlicht mit Klavier – wenn man so will, Musikvermittlung für Erwachsene: «Ich will ja nur dass die Leute ‹bewaffnet› in die Oper gehen können. Gerade in Zeiten des Regietheaters macht ´s doch viel mehr Spaß, die Geschichte einmal ganz pur, auf den Punkt gebracht, zu hören, um dann zu verstehen, was sich die Regie dabei gedacht hat, warum zum Beispiel der ‹Don Giovanni› jetzt an der Bushaltestelle spielt.»
Deutscher Hörbuchpreis 2025
Für diesen Ansatz wurde «Opera re:told – Die Hochzeit des Figaro» 2025 mit dem deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet. Die Jury schrieb: «Böhle erzählt uns davon so mitreißend, als wären Figaro und seine Susanna keine Kunstfiguren des Opernrepertoires, sondern aus dem prallen Leben gegriffen. Das Hörbuch ist kein Ersatz für einen Abend in der Oper, es macht vielmehr pointiert Lust auf Mozarts Werk.»
Frederic Böhle will die Lust auf Musiktheater wecken – auch mit seinem Stück «Opera re:told – Così fan tutte», das in Zusammenarbeit mit der Musikvermittlungsabteilung «Tonspiele» beim Tonkünstler-Orchester entstanden ist.
Da kamen nach der Aufführung junge Menschen, eigentlich die coolen Kids, möchte man meinen, und erzählen dir begeistert, dass sie so was noch nie erlebt haben und dass sie das richtig geil fanden. Was will man mehr?
Vielleicht weitere Opern im re:told Format auf die Bühne bringen? Am Stadttheater Schaffhausen in der Schweiz wird im Mai 2027 der ganze «Ring» – also alle vier Opern aus der Tetralogie «Der Ring des Nibelungen» von Richard Wagner – erzählt! Und 2028 gibt ´s eine Kooperation mit dem Brucknerhaus Linz.
Singen und Gags, Erzählen und Rap
Dass Wünsche manchmal in Erfüllung gehen, weiß Böhle. Eigentlich sah für ihn nämlich alles nach einer Fernsehkarriere aus: Neben diversen Rollen für Film und Serien wurde er einem breiten Publikum durch seine Rolle als «Theo Lichtenhagen» in der ARD-Serie «Rote Rosen» bekannt. «Da habe ich gelernt zu funktionieren. Disziplin, morgens um 7 Uhr in der Maske sein und viele Stunden später zuverlässig abliefern, viel lernen von den älteren Kollegen. Und ich habe verstanden: Das Ergebnis war immer dann am besten, wenn Regie und Schauspielteam auf Augenhöhe gearbeitet haben.»
Parallel spielte er jedoch weiter am Theater, etwa für die Staatsoper Nürnberg in einer szenischen Aufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Als er von einem Kollegen gefragt wurde, was seine Traumrolle als Schauspieler wäre, hätte er früher vielleicht den Hamlet oder Franz Moor aus Friedrich Schillers «Die Räuber» genannt, zu diesem Zeitpunkt aber lautet seine Antwort: «Papageno». Und kaum zwei Jahre später war es so weit, in Christoph Hagels Crossover-Produktion «Zauberflöte Reloaded» – mit Singen und Gags, mit Erzählen und Rap. Sie wurde ein Riesenerfolg. Als «Star des Abends» bezeichnete die Süddeutsche Zeitung den Schauspieler in ihrem Beitrag über eine Aufführung im Münchner Prinzregententheater.
Als Frosch in der Rostocker «Fledermaus»
Genau diese Produktion brachte ihn auch ans Volkstheater Rostock, wo er eine weitere künstlerische Heimat gefunden hat. Als Conférencier an Gala-Abenden bringt er Johann Strauss ´ Walzer in den Norden Deutschlands, erzählt Opern und Geschichten, ist aber auch in diversen Rollen auf der Bühne zu sehen. Mittlerweile ist Frederic Böhle sogar Mitglied des Musiktheaterensembles. «Hätte ich nicht gedacht, dass ich mal Teil eines Ensembles sein möchte. Aber vielleicht hat mir einfach nur die Musik gefehlt.»
Sie begleitet ihn nun in vielen Bühnenrollen: als Papageno in Wolfgang Amadeus Mozarts «Zauberflöte», als Tevje im Musical «Anatevka oder Der Fiedler auf dem Dach» und jetzt sogar als Frosch in der «Fledermaus» von Johann Strauss, was den Wahlwiener freilich besonders freut.
«Weg mit der Wand, die das Geschehen auf der Bühne trennt vom Publikum! Her mit den Geschichten, die das Publikum zum Lachen bringen oder zum Weinen, Hauptsache, die Kommunikation ist keine Einbahnstraße», sagt Böhle. Passt ja dann eigentlich ganz gut, dass er im März 2027 zum ersten Mal auch Konzerteinführungen für die Tonkünstler gestalten wird. «Herr der sieben Meere» heißt dieses symphonische Programm um die Suite «The Sea Hawk» von Erich Wolfgang Korngold: «Eine mitreißende Geschichte, hervorragende Musik, ein fantastisches Orchester… eigentlich will ich ja nur, dass die Leute genau so eine Freude daran haben wie ich.»
Stephan Knies
Auf einen Blick
Frederic Böhle: Schauspieler, Sänger und SprecherSchon während seines Schauspielstudiums am Mozarteum Salzburg verkörperte Frederic Böhle den Peter Squenz in William Shakespeares «Sommernachtstraum» bei den Salzburger Festspielen und den Bassa Selim aus der «Entführung aus dem Serail» von Wolfgang Amadeus Mozart an der Staatsphilharmonie Sibiu. Eine breite Bekanntheit erlangte er durch seine Arbeit in der ARD-Serie «Rote Rosen». Sein Fokus liegt jedoch auf der Verbindung von Musik und Sprache: Damit feierte er Erfolge mit Orchestern wie den Münchner Philharmonikern, dem Orchestre philharmonique du Luxembourg, der Philharmonie Salzburg, dem Konzertchor Darmstadt, den Berliner Symphonikern – und mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich.
Als Papageno in Mozarts «Zauberflöte » war er laut Süddeutscher Zeitung «Der Star des Abends» im Prinzregententheater. In dieser Rolle trat er auch im Volkstheater Rostock auf, wo er seitdem in mehreren Produktionen zu erleben war. Als «Egmont» in Ludwig van Beethovens Schauspielmusik wirkte er an einer CD-Produktion der Cappella Aquileia unter der Leitung von Marcus Bosch mit. Als Hörbuchsprecher kann er auf eine Vielzahl an Produktionen zurückblicken, darunter Paul Austers Roman «4 3 2 1».
An der Komischen Oper Berlin, am Staatstheater Nürnberg und an weiteren großen Bühnen begleitete er diverse kammermusikalische Projekte. Gemeinsam mit dem deutschen Solistenensemble D ` Accord erzählte er 2023 den «Tannhäuser» nach Richard Wagner und 2025 Antonio Vivaldis «Jahreszeiten» an der Elbphilharmonie Hamburg. Beim Buchfunk Verlag erscheint die von ihm konzipierte Reihe «Opera re:told» in CD-Form, in der Frederic Böhle ausgewählte Werke des Musiktheater-Repertoires neu erzählt. 2025 erhielt er dafür den Deutschen Hörbuchpreis.
Mit «Opera re:told» ist der Schauspieler regelmäßiger Gast beim Kultursommer Schloss Schwöbber, weitere Aufführungen gestaltete er mit dem Bläserensemble der Komischen Oper im Schillertheater Berlin, mit der Philharmonie Salzburg sowie mit dem Bläserensemble der Norddeutschen Philharmonie Rostock. Im Mai 2027 erlebt «Ring re:told», Wagners Ring an einem Abend, seine Uraufführung am Stadttheater Schaffhausen in der Schweiz.
Wer mehr weiß, hört mehr!
Werkbeschreibungen zur Saison 26–27 gelesen von Frederic BöhleGustav Mahler: «Das klagende Lied»
im Programm Symphonische Märchen
Robert Schumann: Symphonie Nr. 3 «Rheinische»
in den Programmen Lieben Sie Schumann und Schumann pur
Franz Schubert: Symphonie Nr. 8 «Große C-Dur-Symphonie»
im Programm Große C-Dur-Symphonie
Maurice Ravel: «La Valse»
im Programm Schumann & Strauss
Alexander Zemlinsky «Die Seejungfrau»
im Programm Brahms & Zemlinsky
Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium
im Programm Weihnachtsoratorium
Wolfgang Amadeus Mozart: Requiem
im Programm Mozart-Requiem
Joseph Haydn: Symphonie Es-Dur Hob.I:99
in den Programmen Lieben Sie Haydn und zu Haydn & Strauss
Maurice Ravel: Suite «Daphnis et Chloé»
im Programm Der Zauberlehrling
Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr. 10
im Programm Beethoven & Schostakowitsch
Felix Mendelssohn Bartholdy: Symphonie Nr. 5 «Reformationssymphonie»
im Programm Reformationssymphonie
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 5
im Programm Beethoven & Mendelssohn