Felix Mendelssohn Bartholdy

«Das Märchen von der schönen Melusine» Ouvertüre op. 32

Sätze

  • Adagio - Finale. Allegro - Allegretto ma non troppo, quasi Andante con moto

Dauer

12 Min.

Entstehung

1833

Felix Mendelssohn Bartholdys zauberhaftes «Märchen von der schönen Melusine» op. 32 stellt neben «Ein Sommernachtstraum», «Die Hebriden» und «Meeresstille und glückliche Fahrt» die insgesamt vierte seiner Konzertouvertüren dar. Die Basis für das Werk bildet der Mythos rund um die Meerjungfrau Melusine, die ihre wahre Identität geheim halten muss, um nicht ihr restliches Leben in Gestalt eines Fischwesens verbringen zu müssen. Der Stoff erfreute sich in der Romantik (und auch schon davor) bei Künstlern einer großen Beliebtheit und bildete auch die Basis für Conradin Kreutzers Oper «Melusina». Das Libretto zur Oper stammte aus Franz Grillparzers Feder und war ursprünglich für Ludwig van Beethoven verfasst worden, allerdings wollte der den Stoff aus unbekannten Gründen nicht vertonen.

Für Mendelssohn gab eine Aufführung ebendieser Oper «Melusina» den Ausschlag, sich selbst mit dem Stoff zu befassen; allerdings nicht weil sie ihm so gut gefiel, sondern weil er einiges an der Ouvertüre auszusetzen hatte: «Ich habe die Ouvertüre zu einer Oper von Conradin Kreutzer geschrieben, welche ich voriges Jahr um diese Zeit im Königsstädter Theater hörte. Die Ouvertüre [Anm.: nämlich die von Kreutzer] wurde da da capo verlangt und missfiel mir ganz apart; nachher auch die ganze Oper, aber die Hähnel [Anm.: die Sängerin der Melusine] nicht, sondern die war sehr liebenswürdig, und namentlich in einer Szene, wo sie sich als Hecht präsentirt und sich die Haare macht, da bekam ich Lust auch eine Ouvertüre zu machen, die die Leute nicht da capo riefen, aber die es mehr inwendig hätte, und was mir am sujet gefiel, nahm ich (und das trifft auch gerade mit dem Märchen zusammen) und kurz, die Ouvertüre kam auf die Welt, und das ist ihre Familiengeschichte.»

Inhaltlich dreht sich die Ouvertüre um Melusine, die auf Grund eines Fluchs einen Tag jeder Woche als Meerjungfrau verbringen muss. Niemand darf von diesem Geheimnis erfahren, da sie sonst den Rest ihres Lebens ihr Dasein in Gestalt einer Meerjungfrau fristen müsste. Wie es das Schicksal aber will, entdeckt ihr Geliebter eines Tages das Geheimnis, und Melusines schlimmste Befürchtungen werden wahr – sie kann ihrem Schicksal nicht entrinnen.

Mendelssohn komponierte in diesem Werk eine besondere Form der Programmmusik, in der er die inhaltlichen Geschehnisse nicht chronologisch nacherzählt, sondern sich eher in Schilderungen von Stimmungsbildern ergeht. Diese sind zwar sehr wohl vom dramatischen Geschehen geprägt, allerdings folgen sie keineswegs einem linearen Handlungsverlauf, sondern stellen vielmehr Ausschnitte eines inneren Monologs der beiden Protagonisten dar.

Das «Märchen von der schönen Melusine» beginnt in durchaus versöhnlichem F-Dur, gleich zu Beginn stimmen die Klarinetten das erste lyrische Thema an, das die Flöten wenig später aufnehmen. Die Melodie, ausschließlich von den Bläsern intoniert, schwebt gleichsam über den auskomponierten Meereswellen der Streicher. Damit zeichnet Mendelssohn das Bild von Melusine als Meerjungfrau, die grazil durch die schillernden Meereswogen gleitet. Die friedliche Atmosphäre wird alsbald von aufgewühlten Streicher-Staccati durchbrochen – die Stimmung kippt ins düster-tragische f-moll, der dunkelsten aller Tonarten. Dieser Ausbruch ist das einzige handlungs-beschreibende Element der Ouvertüre: Es entsteht deutlich erkennbar das innere Bild des Geliebten, der die wahre Gestalt Melusines erkennt und in einen Schockzustand verfällt – verwirrte Gedanken wirbeln ihm im Kopf herum, der innere Konflikt tobt im Herzen des Verliebten. Im weiteren Verlauf des Stücks ufern die Streicher-Staccati in einen hämmernden Rhythmus aus, der durch fallende Streicherfiguren intensiviert wird – ein Hinweis auf das Entsetzen und die Enttäuschung des Mannes; für ihn bricht in diesem Augenblick die Welt zusammen. Durch die Endgültigkeit dieses Rhythmus wird deutlich, dass es keinen Ausweg aus dieser tragischen Situation gibt: Das Schicksal hat mit all seiner Kraft zugeschlagen – nur Entsetzen und tiefe Trauer bleiben zurück.

Nach dem Eintritt des Schicksalsmoments ist die Ouvertüre von Kontrasten zwischen lyrischen und dramatischen Passagen geprägt, die für die widersprüchlichen Stimmungen der beiden Protagonisten stehen. Sie wissen nicht mehr, wie sie ihre Gedanken ordnen sollen; von einem Augenblick auf den anderen scheint eine gemeinsame Zukunft unmöglich.

Am Schluss kehrt Mendelssohn thematisch und tonartlich wieder zur Stimmung des Beginns zurück: Wiederum intonieren die Streicher flinke Wellenbewegungen, und die ausufernden Emotionen aus dem Mittelteil erscheinen wie von den Wellen verschlungen. Der Kreis schließt sich – Melusine muss ihren Geliebten zurücklassen und in den Tiefen des Meeres verbleiben. 

Uraufgeführt wurde die Ouvertüre in ihrer endgültigen Fassung 1835 im Leipziger Gewandhaus unter durchaus gemischten Reaktionen des Publikums: Euphorische Lobeshymnen auf Mendelssohns plastische Stimmungsbilder standen verhaltenem Zuspruch zum Werk gegenüber.

© NÖ Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Ingeborg Zechner

Mein Besuch

0 Einträge Eintrag

Voraussichtliche Besuchszeit

Liste senden